Zwischen Revival-Party und Oktoberfest: Ein Abend bei David Hasselhoff!

 

Was bewegt einen Menschen, auf ein Konzert von David Hasselhoff zu gehen? Einen gewisses Kult-Following, der Spaß am kommerziellen Trash oder doch die kindliche Freude an seichter Popmusik der 80er und 90er Jahre? Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allen drei Gründen, zumindest in meinem Fall. Deswegen fuhr ich auch in das beschauliche Ludwigsburg, in der Nähe von Stuttgart, um „The Hoff“, wie sich der ehemalige TV-Star selbst tituliert,  live zu erleben. Die ganze Story, erfahrt ihr im nachfolgenden Text!

Man kann über David Hasselhoff sagen was man will. Klar, er ist eine Art Relikt der 80er und 90er Popkultur, der seine besten Zeiten sicher hinter sich hat. Er ist der Typ, der wahrscheinlich immer noch glaubt, sein Auftritt an der Berliner Mauer, Silvester 1989, hätte zur Wiedervereinigung Deutschlands beigetragen. Er ist der Typ, den man auf YouTube dabei beobachten kann, wie er versucht besoffen einen Cheeseburger zu essen. Er ist der Typ, dessen Karriere in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren daraus besteht, sein eigenes Image auf die Schippe zu nehmen, da ihn eigentlich die wenigsten noch ernst nehmen. Er ist auch der Typ, der in jeder zweiten deutschen Schlagershow mit K.I.T.T. aus „Knight Rider“ auf die Bühne fahren muss. Bilder, die sich bei der jüngeren Generation eingebrannt haben und die Hasselhoff einfach als Trash-Ikone abstempeln, ohne je Etwas mit ihm gesehen zu haben. Dabei vergessen Viele, dass der Mann TV-Geschichte geschrieben hat. Mit „Knight Rider“ (1982-1986) war er der Star in einer der großen Hitserien der 80er Jahre. Den großen Paukenschlag landete der Schönling mit „Baywatch“ (1989-2001), die legendäre Beach-Soap, in der Hasselhoff gemeinsam mit Schönheiten, wie Pamela Anderson oder Carmen Electra, Menschen aus den Fluten von Malibu zog, nebenbei böse Buben dingfest machte und dabei immer in Zeitlupe über den Strand lief, um den Zuschauern seinen trainierten Körper auf das Auge zu drücken. „Baywatch“ lief in 144 Ländern, lockte wöchentlich eine Milliarde Menschen vor den Fernseher und steht im „Guinness Buch der Rekorde“ als erfolgreichste TV-Show aller Zeiten. Das muss erstmal jemand nachmachen. Zwischendurch, nebenbei und irgendwie drum herum, arbeitete „The Hoff“ an seiner Gesangskarriere, mit der er vor allem im deutschsprachigen Raum erfolgreich war, warum auch immer? Einen kitschigen Frontalangriff wie „Looking for Freedom“ kann eigentlich heute jeder textsicher mitgröhlen, daneben gesellen sich noch zwei bis drei weitere Hits und ganz viel Zeug, dass mir gar nicht bekannt war. Mit diesem Wissenstand ausgerüstet, ging ich auf das Konzert, Hasselhoff bereist Deutschland und Österreich gerade mit seiner „30 Years Looking for Freedom“-Tour, welches mich durchaus positiv zurückließ.

 

Nachdem wir schon im letzten Jahr Karten erworben hatten, machte ich mich mit Freunden, Bekannten und Freunden von Freunden an einem sehr warmen Samstag auf den Weg nach Ludwigsburg. Wenn man schon auf ein Hasselhoff-Konzert geht, dann auch richtig. Ein alter Sprinter, ein zuverlässiger Fahrer, aufblasbare rote Schwimmbojen, sehr viel Bier und eine CD mit Songs des legendären Bademeisters im schmalen Reisegepäck. Nach kurzem Geplänkel und zwei alkoholischen Getränken zum warm werden, ging die Reise auch schon los. Nur blöd, wenn man mit acht Personen in einem Transporter sitzt, der über keine Klimaanlage verfügt. Nachdem man sich anderweitig beholfen hat, was dazu führte, dass wir auf die Landstraßen auswichen, anstatt auf die Autobahn zu fahren, war dieses Problem zumindest vorrübergehend gelöst. Man sollte noch erwähnen, dass wir in der Nähe von Darmstadt losgefahren sind, also knapp zwei Stunden Fahrtzeit. Nachdem vier Dörfer weiter schon die erste Kiste Bier geleert war und man dann nochmal einen REWE zum „Upgrade“ ansteuerte, konnte die Reise jetzt aber wirklich losgehen. Zu der immer wieder aufgebenden CD wurde in bester Laune gejohlt, geblödelt und getrunken. Während der Alkoholpegel stieg, stieg auch die Vorfreude zu diesem besonderen Event, die nur durch den Fahrer kurz unterbrochen wurde, der von uns etwas überfordert war, aber das hätte er sich früher überlegen müssen. In Ludwigsburg angekommen, zeigten sich schon die ersten Anzeichen von übermäßigen Alkoholkonsum. Einige Kanäle waren sichtlich voll und man konnte schon fast treffsichere Wetten abschließen, wer heute noch irgendetwas von der Show mitbekommt. Vor der „MHP-Arena“, die Venue des Abends, machte ich große Augen. Ich kam mir vor wie beim Karneval. Bierstand, Pommes Bude und ein Haufen Menschen in aberwitzigen Outfits. Wenn Karneval zu hoch gegriffen sein sollte, wäre auch der Begriff „Bad-Taste“-Party angemessen. VoKuHila-Perücken, Badehosen und grelle T-Shirts, mit Sprüchen wie „Don’t Hassel The Hoff“ oder „Hasselhoff saved my Life“, zierten die teils angeheiterten Besucher. Teilweise konnte man auch Leute erblicken, die wirklich Fans des Teilzeit-Barden zu sein schienen oder zumindest eine kindliche Verbundenheit empfinden, da sie mit seinen Serien aufgewachsen sind. Nachdem man sich noch einen leckeren halben Liter „Dinkelacker“-Pils hat schmecken lassen, saßen wir um 20:00 Uhr auf den Plätzen, ja, die Halle war bestuhlt aber nicht wirklich voll besucht. Augenscheinlich war die „MHP“-Arena zu mehr als die Hälfte ausverkauft aber das sollte an diesem Abend nicht ins Gewicht fallen. Mit etwas Verspätung und lauten Chören aus dem Publikum, die mit „HASSELHOFF!, HASSELHOFF!“ endlich den Beginn der Show forderten, gingen plötzlich die Lichter aus. Es ging los, die Bühne erleuchtete zum Main-Theme aus „Knight Rider“, während auf der LED-Leinwand die wichtigsten Stationen aus Hasselhoffs Karriere abgeklappert wurden. Die Band betrat die Bühne, deren Musiker teilweise aussahen, als wären sie für eine „Rammstein“ Cover-Show gebucht worden und irgendwie in der falschen Halle gelandet. Dann stand er da, ganz oben auf der Showtreppe. Der Mann, der Mythos, die Legende. David Hasselhoff. Mit dem glitzernden Adler hinten auf der Lederjacke, setzt er an und singt die ersten Zeilen aus „Looking for Freedom“. Aber da das Beste ja nicht zu Beginn verheizt wird, schwenkt die Musik um und er singt mit Inbrunst „Hey, we wanna Rock the World“, was verdächtig nach dem „Phudys“-Klassiker „Hey, wir wollen die Eisbärn sehn‘“ klingt und zur Kampfansage für die folgenden zweieinhalb Stunden werden sollte. Die Menge jubelt und ein Gefühl von kindlicher Freude und Glückseligkeit zieht sich durch die Arena. Die Stühle sind mittlerweile egal, die Menschen stehen und beklatschen ihr Idol, von ernsthaft bis ironisch. Auf das erste Stück folgt direkt ein Auszug aus „Move to the Beat of your Heart“, was in den 1993er Gassenhauer „Hot Shot City“ übergeht. Danach begrüßt „The Hoff“ erstmal seine Jünger und richtet ein paar warme Worte an das Publikum. Schon jetzt wird klar, der recht fit wirkende 65-jährige, will hier keine große Kunst abliefern, er will einfach unterhalten. „Let’s have a good Time together“, sagt er, und das Publikum schreit „Yeah!“

Schon jetzt kann verraten werden, der „Baywatch“-Veteran gibt sich an diesem Abend erstaunlich sympathisch und publikumsnah. Mehrmals dankt er seinen Fans, die die Konzerte besuchen und ihm selbst diese Freude machen. Immer mit etwas Selbstironie behaftet, macht sich „The Hoff“ nie lächerlich. Die Menschen sollen Spaß haben, ihn aber auch ernst nehmen. Und das tut das Publikum in Ludwigsburg, denn ihr Star gibt an dem Abend Alles. Nach eher schmalen „Gute-Laune“-Nummern wie „Jump in my Car“ und „Is Everybody Happy?!“, befand sich ein Teil unserer Gruppe schon wieder an der Biertheke, da der Pegel nachließ. Wir sollten sie erst in der Pause wieder sehen. Nach dem ruhigen Stück „Lonely is the Night“, erzählt Hasselhoff witzige Anekdoten zu dem Song „Night Rocker“, der in Österreich auf Platz Eins im Jahr 1986 kletterte. Er hätte zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewusst wo sich Österreich befindet, er war lediglich traurig, dass zu diesem Zeitpunkt „Knight Rider“ abgesetzt wurde. Dann performt er jenen Song, während auf den Leinwänden Szenen der Kult-Serie zu sehen sind. Obendrauf verkündet er noch, dass man momentan an einer neuen „Knight Rider“-Serie arbeite, die exklusiv auf NETFLIX erscheinen soll, natürlich mit Hasselhoff persönlich in der Hauptrolle. Das Publikum ist voller Extase. Das er dann erzählt, dass das Musik-Video zu „Hooked on a Feeling“ aus dem Jahr 1997 seine Karriere ruiniert hat, weil es so schlecht war, steigert die Sympathie  für den Hoffster nur noch mehr. Natürlich singt er den Song, während der bizarr schlechte Clip auf der Leinwand zu sehen ist. Nach dem „Kung-Fury“-Theme „True Survivor“, der Ballade „More Than Words Can Say?“ und „Live Until I Die“, inklusive Lalalalai-Refrain, gibt es noch den Feel-Good Schlager „It’s a Real good Feeling“, zu dem die Menge im Innenraum auf und abspringt, auf die Ohren, bevor sich Hasselhoff in die Pause verabschiedet. Mal schnell ein großer Eistee für den Durst, Zigarette und ein Plausch mit einem meiner Freunde, bei dem ich schon viel Konzentration aufbringen musste um ihm zu folgen, und es ging schon wieder weiter.

 

Mittlerweile waren auch wieder verschollene Gesichter aufgetaucht, von denen zumindest einer die zweite Hälfte auf seinem Sitz verharrte, aber auch nur weil das Stehen mittlerweile zum Problem geworden war, „Dinkelacker“ sei Dank. Schon ironisch, wenn eine Biermarke mit Bannern auf einem Hasselhoff-Konzert prominent als Sponsor vertreten ist. Die zweite Hälfte beginnt mit dem Clip zu „Guardians Inferno“ aus dem Blockbuster „Guardians of the Galaxy Vol.2“ (2017), bei dem „The Hoff“ beteiligt war, dann wird es wieder ruhig und der Mann, der die Strände von Malibu jahrelang sauber hielt, kommt in die Halle, allerdings von der anderen Seite. Zu „This is the Moment“ flaniert Hasselhoff durch das Publikum, schüttelt Hände, macht ein paar Selfies mit seinen Fans, um wieder auf die Bühne zu gehen. Wenn das mal nicht cool ist! Es sollte nicht das Einzige mal sein, dass er ein Bad in der Menge nimmt und ein paar Fans sicher sehr glücklich macht. Jetzt ist erstmal Balladen-Zeit und mit „Sheltered Heart“ und „Flying on the Wings of Tenderness“ gibt es große Gefühle, die der gute David mit aufgeknöpftem Hemd durch die Arena schmettert. Mit „Gipsy Girl“ wird es dann feurig rhythmisch. Anscheinend gehen ihm an dieser Stelle die Hits aus, denn jetzt gibt es erstmal Coverversionen. Nachdem mit „You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘ noch einmal die Liebenden angesprochen werden, folgen „Country Roads“ und „Sweet Caroline“, weil da wohl jeder mitsingen kann, der schon mal auf einem Dorffest gewesen ist. Dann wird es doch sehr wunderlich, als die ganze Halle zum rüstigen Rentner-Tempo von „After Manana Mi Ciello“ schunkelt. Stimmung wie auf dem Oktoberfest, es fehlt nur noch Andy Borg der mit einstimmt. Aber jetzt kommt das worauf alle gewartet haben. Zu den Klängen von „I’m Always Here“, dem legendären Theme-Song aus „Baywatch“ erklimmt Mitch Buchannon persönlich die Bühne, im klassischen Bademeister-Outfit, singt den 90er TV-Hit und Alle singen mit, während Wasserbälle durch das Publikum fliegen und erfreute Hoff-Jünger die Rettungsbojen in die Luft strecken. Dann gibt es mit „Crazy for You“ die volle Dröhnung triefenden Pop-Gedudels, wie es nur Menschen wie Jack White produzieren konnten. Es folgt der „Limbo Dance“ mit ganz viel Konfetti, bevor sich Hasselhoff winkend von der Bühne verabschiedet.

Natürlich gibt es eine Zugabe, denn es fehlt ja noch der eine Song. Zuerst schmettert David noch den „Mami ist im Himmel“-Heuler „Wir zwei allein heut‘ Nacht“ im Duett mit einer Background-Sängerin, und das auf Deutsch. Dann ist es schließlich soweit. Auf den Leinwänden sieht man in Schwarz-Weiß die Grenztürme der Berliner Mauer. Hasselhoff erzählt vom Leid des kalten Krieges und beginnt dem Song „Heroes“ von David Bowie, den er auch teilweise auf Deutsch singt. Wer jetzt die Hände über dem Kopf zusammen schlägt, dass der Mann einen Song der Pop-Ikone zum Besten gibt, dem sollte gesagt sein, dass „The Hoff“ dies erstaunlich gut macht. Mit fast religiöser Ernsthaftigkeit singt er den Klassiker, bis er wieder verschwindet und natürlich erneut die Empore erklimmt. Er trägt die blinkende Lederjacke und den legendären Klavierschal von 1989. Das Publikum rastet aus und er legt los. „One Morning in June, some 20 Years ago…“, Hasselhoff singt seinen Mega-Hit in epischer Länge und Ludwigsburg grölt im Chor mit. Ein Moment für die Ewigkeit. Im Hintergrund läuft sein Mauer-Gastspiel und die Fans sind restlos glücklich. Ein letztes „Isch Liebe Eusch“ und mehrere Verbeugungen, dann ist die Show vorbei. Aus den Lautsprechern sifft noch sein deutscher Kult-Fetzen „Du“, den die Menge noch einmal kollektiv zelebriert. Dann gehen die Lichter an und die Besucher gehen die singend in die Nacht hinaus. Aus den Autos dröhnen noch einige Hasselhoff-Hits und unsere Gruppe sammelt noch die restlichen Bier-Leichen an der Theke ein, um nach Hause zu fahren. Es ist 23 Uhr, wir haben gut zweieinhalb Stunden Konzert hinter uns. Beim nächtlichen McDonalds-Einkehrschwung auf der Autobahn, mit den letzten BECKS-Flaschen in den Händen, fällt das Urteil wie erwartet aus: War schon irgendwie cool!

Bild-Quelle: Stuttgarter-Zeitung.de