Augen ohne Gesicht (1960)

Als seine geliebte Tochter durch einen Autounfall völlig entstellt wird, fühlt sich ihr Vater, ein plastischer Chirurg, schuldig. Aus seiner Verzweiflung heraus will er der Tochter helfen und die einstige Schönheit wieder herstellen. So macht er sich auf die Suche nach perfekten Transplantaten. Doch die ausgewählten Opfer müssen natürlich sterben und der Doktor wird zum Serienmörder …


Es ist Nacht. Eine junge Frau fährt in ihrem Auto eine einsame Landstraße entlang. Wir als horrorfilmgeschulte Zuschauer ahnen bereits: Die bedauernswerte Dame wird nicht lange am
Leben bleiben. Ein Paar Scheinwerfer schält sich aus der Dunkelheit. Wie zwei Augen verfolgen sie die Frau am Steuer, Panik steigt auf. Die Musik schwillt unaufhörlich an, dann, endlich, der
erlösende Knall, der antizipierte Autounfall.
Umschnitt auf Dr Genessier, ein Starchirurg, Pionier auf dem Gebiet der Hauttransplantation. Anscheinend haben wir gerade den Tod seiner Tochter mitangesehen.
Genessier fährt nach Hause in seine prachtvolle Villa. Er begibt sich in das Zimmer seiner Tochter und da, auf dem Bett, liegt eine Frau, welche jener aus der Anfangsszene zum Verwechseln
ähnlich sieht (soweit man das beurteilen kann, das Mädchen liegt nämlich mit dem Gesicht vom Zuschauer abgewandt). Die schockierende Wendung: Christiane, so der Name von Genessiers
Tochter, ist gar nicht tot. Sie verlor bei einem durch ihren Vater verschuldeten Unfall ihr Gesicht, nur die Augen blieben intakt. Ihr Anblick muss furchterregend sein, ausgehend von dem wie
Genessier und Assistentin Louise auf sie reagieren. Christiane trägt deshalb eine leblose, weiße Maske und sieht dadurch ein wenig aus wie eine Porzellanpuppe mit Augen. Dr. Genessier hat
tiefe Schuldgefühle, trägt er doch die Verantwortung für die Entstellung seiner Tochter. Schließlich fasst er einen Plan: Er wird Christiane ein neues Gesicht ermöglichen, auch wenn er dafür über die
ein oder andere (Frauen)Leiche steigen muss…
Georges Franjus „Les Yeux sans visage“ (oder wie der Film zur Erscheinung in Deutschland vermarktet wurde, „Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“, Genessier klingt ja nicht bösartig
genug) ist eine echte Entdeckung. Der Film vereint Horrorfilm und Drama auf eine mir bisher nicht erneut begegnete Art und Weise. Die abgründigen Schwarz-Weiß Bilder befinden sich irgendwo
zwischen schockierend-abstoßend und schmerzlich-poetisch. Dr. Genessier ist kein typischer „Mad Scientist“, der sich vor diabolischem Lachen die Hände reibt, er ist ein von Schuldgefühlen
zerfressener, alter Mann, der weiß, das sein Handeln falsch ist, dem die Liebe zu seiner Tochter aber über alles geht. Wir als Zuschauer sind hin und hergerissen. Auf der einen Seite wünschen
wir uns, das sein Vorhaben gelingen würde. Das dann aber die liebenswürdige Studentin Edna ihr Gesicht und Leben auf dem Operationstisch lassen muss, haben wir aber nicht gewollt. Ebenso
wenig wie wir wollen, das die langsam mit Ermittlungen beginnende Polizei unserem Arzt auf die Schliche kommt. „Augen ohne Gesicht“ stellt eine Menge Fragen und überlässt es dem Zuschauer,
diese zu beantworten. In den USA war man damit anno 1960 nicht einverstanden, man entfernte rigoros alle Szenen, in denen Dr. Genessier als sympathisch dargestellt wird.
Ein besonderes Lob verdient zudem die Musik von Maurice Jarre (ua „Die Blechtrommel“, „Dr. Schiwago, „Enemy Mine“). Das beängstigende Maintheme setzt sich auch nach dem Film im Kopf
fest und jagt einem gerne immer mal wieder einen kleinen Schauer über den Rücken. Wer seinen Halloweenabend mal ohne Besuch von den Herren Myers, Krueger oder Voorhees
verbringen möchte und Spaß an Filmen wie „Die Haut in der Ich wohne“ oder „Ich seh Ich seh“ hatte, der sollte unbedingt mal einen Blick auf diesen aufregenden Klassiker werfen. Interessenten
sei zur britischen Blue Ray geraten, die den Film in einem schön restaurierten Transfer präsentiert.

„Ich verspreche Dir, ich mache Dich wieder schön!“