Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren (1981)

USA 1981
mit John Travolta, Nancy Allen, John Lithgow…
Drehbuch: Brian De Palma
Regie: Brian De Palma
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Jack Terry (John Travolta) verdient seinen Lebensunterhalt auf ungewöhnliche Weise: Er zeichnet Geräusche für Horrorfilme auf. Als er eines Nachts mit seinem Aufnahmegerät auf einer einsamen Brücke steht, wird er Zeuge eines Unfalls. Präsidentschaftskandidat George McRyan verunglückt tödlich mit seinem Auto. Doch Jacks Tonbänder erzählen eine andere Geschichte. War der Unfall in Wirklichkeit ein Attentat? Und welche Rolle spielt Sally (Nancy Allen), die mit McRyan im Wagen saß? Auf der Suche nach der Wahrheit findet sich Jack in einer großen Verschwörung wieder, doch keiner will ihm wirklich glauben. Bald stellt er fest, dass auch er und Sally um ihr Leben fürchten müssen…

An Brian De Palma scheiden sich die Geister. Von vielen wird es als Meister-Regisseur verehrt, der es versteht berauschende Bilder zu erzeugen, aber auch von nicht wenigen Menschen als Hitchcock-Plagiator kritisiert, der lediglich Versatzstücke wieder aufwärmt. Natürlich kann man beide Seiten verstehen, dennoch gehört De Palma für mich zu den faszinierendsten Filmemachern des „New Hollywood“, die zwischen Hochkultur und Genre-Filmen chargieren. Sein 1981 erschienener Thriller „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“ ist eines seiner Meisterstücke. Nicht immer ganz perfekt und stimmig, jedoch viseuell faszinierend und ungeheuer eindringlich, ist der Film ein absolutes Highlight in seiner Filmographie und einer meiner Lieblingsfilme.

1966 lieferte der Regisseur Michelangelo Antonioni mit „Blow Up“ einen stilbildenden Film, der heut als absoluter Klassiker gilt und oft zitiert wird. Für mich ist die Geschichte um einen Fotografen, gespielt von David Hemmings, der zufällig einen scheinbaren Mord fotografiert, ein interessantes Stück Filmgeschichte, welches sich mir aber immer etwas verschlossen hat. Zu schwerfällig empfand ich immer Antonionis künstlerisch ambitionierte Thriller-Geschichte. Da greife ich viel lieber zu De Palmas quasi Hommage aus dem Jahr 1981. Mit „Blow Out“ referenziert De Palma nicht nur den Titel zum 60er Jahre Klassiker, sondern strickt eine ähnlich angelegte Story. Unser Protagonist ist hier kein Fotograf, sondern ein Ton-Ingenieur, der Sound-Effekte für billige Horrorfilme produziert und bei einer weiteren Aufnahmesession in der Nacht, einen Unfall mitschneidet, nur um später zu erkennen, dass es sich bei diesem Unfall um ein gezieltes Attentat handelte. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel, welches sich anders etfaltet als in gewöhnlichen Filmen dieser Art. Im Gegensatz zu „Blow Up“, verschiebt sich das visuelle auf das akustische. Es geht um das Hören und was ein Mensch wahrnimmt oder auch glaubt wahrzunehmen. So schafft die Story eine Ebene die schon für Filmliebhaber und Technik-Fans funktioniert. Wenn Jack Taylor, unsere Hauptfigur, in seinem Studio zugange ist und dabei seine Bänder, ja damals gab es kein Digital, abhört, sie schneidet, sie vor- und zurück spult, um den perfekten Part zu finden, dann zeigt das schon die Liebe, die Brian De Palma zum Medium hegt. Viele kritisieren oft, dass Filme des Regisseurs mehr versprechen, was sie letztendlich nicht einlösen aber genau das gehört für mich zum Faszinierenden an seinem Schaffen und genau das findet sich in „Blow Out“ wieder. Der Film bedient sich bei Elementen des Polit- und Paranoia Thrillers, ein Genre welches sich nach der berühmten „Watergate“-Affäre erhob und mit einigen stilbildenden Klassikern, wie „Die drei Tage des Condor“ oder eben „Die Unbestechlichen“ in aller Munde war und immer noch ist. De Palma gibt seiner Geschichte eine politische Brisanz. Das Opfer des Attentats ist hier ein Präsidentschaftskandidat, dessen Chance Präsident zu werden als sehr hoch eingeschätzt werden. Hier werden die Elemente der Paranoia genutzt, die Angst vor Machtmissbrauch und die Korruption in höchsten Ebenen. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass ein Teil der Handlung am „Liberty Day“ spielt und am Ende Sally vor der amerikanischen Flagge in einer deutlichen Szene zu sehen ist. Hier wird ganz klar Kritik am Staat geübt und an den Autoritäten. Doch der Film wird nicht zum reinen Polit-Thriller, sondern nutzt diesen Umstand nur als Konstrukt, als Aufhänger für seine Geschichte, die sich eher mit den Figuren beschäftigt. Es geht nicht primär darum, was hinter diesem Attentat steckt oder wer federführend dafür verantwortlich ist, denn das wird nie wirklich enthüllt, sondern vielmehr darum, ob Jack die Menschen von seinen Aufnahmen überzeugen kann und ob er sich und seine Begleiterin Sally, die er bei dem „Unfall“ retten konnte, beschützen kann. De Palma verlegt darauf die Spannung und das funktioniert sehr gut. Zu keiner Zeit will man sich mehr mit der Polit-Story beschäftigen, um mehr zu erfahren, sondern folgt gespannt den Figuren. Natürlich sind ein paar Plot-Elemente etwas plump und dienen lediglich dazu, die Story voran zu treiben, wie die fingierte Mordserie des Killers Burke oder die Machenschaften Sallys mit ihrem Partner Manny. Aber das gehört einfach zu einem De Palma-Film, wie die Butter aufs Brot. Jedoch können diese kleinen Dinge mit einer hervorragenden Inszenierung entschädigt werden.

Wie schon in seinem Film „Dressed to Kill“ erzeugt De Palma hier auch einen extrem treibenden Ablauf und benutzt viele interssante Mittel um dem Film eine beeindruckende Optik zu verschaffen. Sei es die Split-Screen Technik, die Kamerafahrten, die Farben oder die Kombination aus Schnitt und Musik. In diesen Elementen ist der Film makellos, ein absolut visuell berauschendes Stück Film, welches den Zuschauer in seinen Bann zieht. Man könnte Brian De Palma manchmal sogar mit James Cameron vergleichen, denn auch Camerons Werke sind nicht immer stimmig aber er schafft es ebenfalls solche Dinge gekonnt weg zu inszenieren, so dass man als Zuschauer gar nicht wirklich darüber nachdenkt. Auch in „Blow Out“ lässt De Palma wieder Elemente seines großen Vorbildes Alfred Hitchcock einfließen. Egal ob Duschszene, Verfolgungen oder Suspense-Momente, wie der Mord auf einer Toilette, der britische Meisterregisseur ist immer gegenwärtig. Was mich aber immer fasziniert, ist die Tatsache, dass De Palma sich, trotz seiner künstlerischen Ambitionen, nie als Arthouse-Filmemacher in Szene gesetzt hat. So ist er auch eng mit Genre-Filmen verbunden, mit Sleaze und exploitativen Stilmitteln, die man auch in „Dressed to Kill“, „Scarface“ oder „Carrie“ findet. So schwelgt De Palma hier förmlich in sleazigen Momenten, wie dem bereits erwähnten Mord auf der Toilette, der mehrere Minuten dauert, obwohl er nichts zur Handlung beiträgt. Das Ganze wird förmlich zelebriert und erinnert, genau wie einige andere Szenen, an die italienischen Gialli der 60er und 70er Jahre. Hier zeigt sich auch seine Affinität zu B-Movies. Denn vieles im Film wirkt irgendwie schmierig und zweitklassig. Sei es Dennis Franz, der in seinem rot schimmernden Apartment im fleckigen Unterhemd abhängt oder die Morde die Burke begeht, oder auch Jacks Anstellung bei einer Produktionsfirma für trashige Slasher-Filme. So bildet ein fiktiver Slasher, der wie eine schmierige Kopie eines „Freitag der 13.“-Films wirkt, die Klammer der Geschichte. Man merkt deutlich, dass der Regisseur eine Bindung zum abseitigen Film hat und dies gerne in Szene setzt. So ist „Blow Out“ ein Fest für Filmfans, welches voller visueller Zitate steckt und einfach fantastisch aussieht. Darstellerisch kann man ebenso wenig aussetzten. John Travolta spielt die Hauptrolle mit Bravour und fühlt sich sichtlich wohl, war „Blow Out“ doch einer der ersten Filme, die Travolta nutzte, um aus seinem „Grease“- und „Saturday Night Fever“ Image auszubrechen. Nancy Allen als Sally spielt ebenso angemessen. Viele kritisieren zudem, dass die Figuren sehr unbeholfen und dumm agieren würden, wo man eigentlich nur bedingt zustimmen kann. Ja, Jack und Sally agieren nicht immer logisch oder hochintelligent, denn das sollen sie auch nicht. Jack macht Sounds für Horrorfilme und Sally ist eine Kosmetikverkäuferin. Sie werden nicht als intelligent und gerissen dargestellt, sondern sollen etwas naiv und unbeholfen sein. Sie sind eben ganz normale Menschen, die sich plötzlich in einem großen Konstrukt aus Lügen und Täuschung wieder finden. Einziges Manko ist die Synchronisation von Nancy Allen, welche furchtbar ist. Genial wie immer ist Parade-Schurke John Lithgow als Killer, der eine furchteinflößende Präsenz hat. Auch Dennis Franz macht alles richtig und spielt mit viel Unterhaltungswert den schmierigen und prolligen Fotografen. Was immens zur Stimmung des Films beiträgt ist übrigens der geniale Score von Pino Donaggio, der öfters mit De Palma gearbeitet hat. Von rührseligen Klängen bis zum treibenden Soundtrack ist hier alles dabei und der Score untermalt perfekt das Geschehen. Der Film war damals ein finanzieller Flop und fristete sein Dasein lange Zeit im Abseits, bis mal wieder Quentin Tarantino um die Ecke kam und ihn als einen seiner Lieblingsfilme bezeichnete. Zudem sagte er, dass John Travolta die Hauptrolle in „Pulp Fiction“ nur bekommen hätte, weil er ihn in „Blow Out“ so fantastisch fand. Dies hievte den Film wieder aus der Versenkung hervor und verlieh ihm den Status als eines der faszinierendsten Werke De Palmas, welches ich wahrscheinlich auch nie gesehen hätte, wenn ich kein Tarantino-Fan wäre.

Brian De Palmas „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Ein interessante Story, ein spannender Ablauf und die geniale Inszenierung machen den Thriller zu einem Fest, der sich über 100 Minuten nicht in die Länge zieht und nach mehrfachen Sehen immer noch bestens funktioniert. Ganz großes Genre-Kino der frühen 80er!