Blutige Seide (1964)

Retro-Film Giallo Series Vol.1

Blutige Seide
Italien/Frankreich/Deutschland 1964

mit Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner…
Drehbuch: Marcello Fondato, Guiseppe Barilla
Regie: Mario Bava
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Im Modesalon von Contessa Christina Cuomo (Eva Bartok) tragen sich schreckliche Dinge zu. Mehrere Models werden von einem maskierten Killer brutal ermordet. Inspektor Silvestri (Thomas Reiner) von der Polizei nimmt die Ermittlungen auf, tappt aber im Dunkeln, als der Mörder wieder und wieder zuschlägt. Nach und nach stellt sich heraus, dass im Mittelpunkt der Morde das Tagebuch eines der Models steht, in dem sämtliche Skandale und dunkle Machenschaften im Haus der Contessa aufgezeichnet sind…

Benvenuti, zum ersten Teil unserer neuen Giallo-Serie, welche auch unter dem Titel „gelber Freitag“ firmieren soll. Ab sofort präsentieren wir, oder besser gesagt ich, euch jeden Freitag einen Film aus dem bekannten Genre des italienischen Kinos. Natürlich werden einige Klassiker Einzug halten aber auch unbekannte Titel sollen euch näher gebracht werden. Zum Start beschäftigen wir uns heute mit einem wahrlich ikonischen Werk, nämlich Mario Bavas „Blutige Seide“ aus dem Jahr 1964, der noch lange vor dem Genre-Boom entstand und heute als Initialzündung und Begründer des Giallo gilt. Viel Spaß, wenn man das sagen kann! 😉

Der sogenannte „Giallo“ ist der italienische Begriff für die Farbe Gelb, das werden wahrscheinlich die meisten wissen. Als „Gialli“ (Plural) wurden die gelbeingebundenen Heftromane bezeichnet, die in den 50er und 60er Jahren vom „Arnoldo Mondadori“ Verlag veröffentlicht wurden und sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreuten. Vergleichbar mit der „roten Reihe“ vom deutschen Goldmann Verlag, waren vor allem reißerische Kriminalgeschichten Bestandteil des Programms. Von Edgar Wallace- und Agatha Christie Geschichten bis hin zu eigenen Werken, umfasste die Heftromane vor allem Material aus der Trivialliteratur. So gehörten neben Krimis auch Horror, Science-Fiction und Erotikgeschichten zu den Publikationen. Als Vorläufer des filmischen „Giallo“ kann man die deutschen Edgar Wallace-Verfilmungen rechnen, die ihre Kriminalgrundlage mit zunehmend spekulativen, Respektive exploitativen, Motiven anreicherten und so große Publikumserfolge erzielten. Doch es dauerte bis zum Jahr 1964, in dem Mario Bava, der bereits mit mehreren Horror-Filmen und Thrillern erfolgreich war, die Kernelemente aufgriff und sie in einen filmischen Kontext, setzte und somit die Blaupause für das Genre schuf. „Blutige Seide“ enthält zahlreiche Motive, die später zum festen Bestandteil der Gialli avancierten. Ein maskierter Killer, stilisierte Morde, eine stylische Optik und etwas Grusel, eingebettet in eine klassische Krimihandlung, in der es den Mörder zu entlarven gilt. Das im Genre oftmals die Handlung zu Gunsten der Optik in den Hintergrund rückte, lässt sich schon in „Blutige Seide“ erkennen. Die Geschichte dreht sich um eine Modefirma, die von der adeligen Cristina und ihrem Geschäftspartner, sowie Liebhaber, Max geführt wird. Als eines Abends ein Model ermordet wird, erfüllt das die weiteren Angestellten mit Schrecken. Die Polizei ermittelt, doch es kommt zu weiteren Morden, da der Killer an einem Tagebuch interessiert scheint, in dem brisante Informationen über unsittliche Aktivitäten innerhalb des Modehauses aufgeführt sind, welche mehrere Personen betreffen. So müssen mehrere Damen ihr Leben lassen, während die Polizei weiter im Dunkeln tappt. Mehr muss man gar nicht mehr erzählen, da man ansonsten spoilern würde aber es ist schon zu erkennen, dass die Story nicht unbedingt die Stärke des Streifens ist. Die Handlung folgt gängigen Mustern und es werden diverse Wendungen aus dem Hut gezaubert, die lediglich dazu dienen, um die Geschichte voranzutreiben. Ein Merkmal, was in vielen Gialli zu finden ist, denn ausgefeilte Geschichten konnten die meisten Beiträge nicht bieten. So funktioniert auch „Blutige Seide“ nach Schema F. Der Film wirkt allzu konstruiert und hangelt sich von einer Spannungs-Szene zur nächsten. Die Opferwahl des Mörders erscheint nicht besonders schlüssig und sein Motiv ist doch äußerst altbacken. Hier bewegt sich Bava ganz in der Tradition der Wallace-Krimis, die auch nicht oft mit guten Geschichten punkten konnten, sondern eher mit dem Pulp-Faktor. Und der ist auch in Bavas Werk zu Gegen.

Der Regisseur solcher Werke, wie „Gefahr: Diabolik“ (1967), „Die toten Augen des Dr. Dracula“ (1966) oder „Im Blutrausch des Satans“ (1971), schwelgt förmlich in seinen visuellen Stilmitteln. Satte Primärfarben, leuchtende Farbflächen und inszenatorische Anflüge seiner Gothic-Horror Erfahrungen dominieren hier die Szenerie. Bava spielt mit der Künstlichkeit, denn das Metier der Mode und Haute Couture fungiert als Schauplatz der falschen Persönlichkeiten, als Welt der Fassade und eben jener Künstlichkeit. Das wird schon im Vorspann deutlich, in dem man die Darsteller neben Schaufensterpuppen in eleganten Kleidern sieht, während die Credits zu sehen sind. Sie wirken drapiert und zurechtgerückt, eine Art gekünstelte Darstellung. Dazu pulsiert Licht in mehreren satten Farben, was schon als Ankündigung zu verstehen auf die Optik des Geschehens ist. Bava nutzt diese optischen Spielereien für seine stilisierten Mord-Sequenzen, in denen er mit Schein und Sein spielt und so eine extravagante Spannung erzeugt. Der Mörder präsentiert sich, wie in den meisten Gialli, als vermummter Häscher im Regenmantel und mit schwarzen Handschuhen bestückt und geht nicht sonderlich explizit, dafür aber sehr rabiat vor, während spätere Vertreter durchaus zeigefreudiger waren. In diesen Szenen zeigt Bava sein Talent und erzeugt visuell beeindruckende, fast schon surreale, Momente, die stilprägend für Regisseure, wie beispielsweise Dario Argento waren. Auch finden wir „Blutige Seide“ keinen Helden vor.  Der Film konzentriert sich lediglich auf die Figuren innerhalb der Modefirma und zeigt, wenn auch nur rudimentär, ihre Beziehungen zueinander. Die Polizei bleibt dabei völlig im Hintergrund. Sie ermittelt zwar, erziehlt jedoch keine Erfolge und tappt bis zum Schluss im Dunkeln. Ein weiteres Motiv, was auch später in vielen Genre-Beiträgen zu entdecken ist, so haben auch dort Polizisten, beziehungsweise Ermittler, eine eher untergeordnete Rolle. Meistens sind es Privatpersonen, die in das Geschehen involviert sind und letztendlich die Auflösung präsentieren. Die Staatsbeamten fungieren dabei nur als unterstützendes Element. Der Film lebt von seinem Stil, seiner Optik und seiner Inszenierung. Das merkt man vor allem an den Schauspielen, die im Vergleich zur technischen Ebene wenig eigene Akzente setzen können. Am bekanntesten dürfte wohl Cameron Mitchell sein, der hier als Max zu sehen ist. Mitchell war ein, bereits etablierter, Westerndarsteller, der häufig in reinen Genre-Produktionen zu sehen war, meistens in Horror- oder Actionfilmen. Er verbreitet eine kühle Atmosphäre, wirkt unnahbar aber auch fürsorglich. Sein zurückgenommenes Spiel passt sehr gut aber sticht auch nicht wirklich heraus. Sein Co-Star Eva Bartok, eine ungarisch-britische Schauspielerin, zudem war sie ein Jahr mit Curd Jürgens verheiratet, agiert auf einem ähnlichen Level, kann aber gegen Ende brillieren und füllt ihre Rolle gut aus. Überflüssig ist der deutsche Schauspieler Thomas Reiner, der hier als Inspektor Silvestri auftritt und auch nichts zu tun hat außer Fragen an Verdächtige zu stellen. Seine Rolle ist unterschrieben und auch Reiner spielt blass vor sich hin. Der Rest der Darstellerriege besteht aus weiblichen Jungschauspielrinnen, die als Opfer gut funktionieren aber auch nicht mehr leisten können. Zu erwähnen ist noch die wunderschöne Filmmusik von Carlo Rustichelli, die etwas Hypnotisches an sich hat aber auch ungemeinen Sixties-Charme besitzt. Wie als hätte Peter Thomas einen Joint geraucht, was ich positiv meine. Erhältlich ist dieser Klassiker im Mediabook von „VZ Handel“, die zwar mit einem soliden, wenn auch nicht tollem, Bild daher kommt aber in der Farbsättigung etwas zu wünschen übrig lässt. Vielleicht gibt es auch kein besseres Ausgangsmaterial. Ein weiteres Mediabook gibt es auch von „X-Rated“, was aber sehr wahrscheinlich dasselbe Material besitzt. Auf DVD ist er auch günstig bei „Anolis“ erschienen.

„Blutige Seide“ (1964) von Mario Bava, kann berechtigt als Mutter des Giallo bezeichnet werden. Bava verarbeitet hier schon die meisten Motive und Stilmittel, die das Genre ausmachen und inszeniert einen spannenden Krimi, der zwar in der Handlung schablonenhaft und etwas vorhersehbar daher kommt, jedoch auf visueller Ebene vollends überzeugt und tolle Momente zu bieten hat. Unterstützt von einem wundervollen Score ist „Blutige Seide“ ein Must-See für Filmfans, die sich für das Genre interessieren. Ein gelungener Krimi und ein schöner Giallo. Perfekt für Einsteiger!