Blutiger Freitag (1972)

Deutschland/Italien 1972
mit Raimund Harmstorf, Gianni Macchia, Gila von Weitershausen…
Drehbuch: Rolf Olsen, Valeria Bonamano
Regie: Rolf Olsen
Länge: 94 Minuten (Kinofassung)/102 Minuten (Langfassung)
FSK: ab 16 Jahren

Der Verbrecher Heinz Klett (Raimund Harmstorf) wird von zwei Komplizen aus dem Gefängnis befreit und plant dann mit dem Italiener Luigi (Gianni Macchia), seiner Freundin Heidi (Christine Böhm) und deren Bruder Christian (Amadeus August) einen Überfall auf die Deutsche Finanzbank in München. Als dieser, im Anschluss an einen brutalen Überfall auf einen amerikanischen Waffentransporter, anders als geplant verläuft, nehmen die drei Männer in der Bank Geiseln, unter ihnen die Tochter eines reichen Finanziers, und verlangen ein Lösegeld von vier Millionen D-Mark.  Der geplante Coup entwickelt sich zu einem Himmelfahrtskommando!

„Rettet Heinz Klett“ war Devise des deutschen Labels „Subkultur Entertainment“, als sie in den sozialen Netzwerken zur Unterstützung ihres „Kickstarter“-Projekts aufriefen. Es ging um die Erhaltung und Restaurierung eines der schillerndsten Beiträge des deutschen Exploitation-Kinos: „Blutiger Freitag“ aus dem Jahr 1972. Der von Rolf Olsen inszenierte Reißer schien eine, nicht geringe, Fangemeinde zu haben und nun können wir die fertige Edition bewundern, die uns das Label geschaffen hat. Dieser Anlass bietet Grund genug, sich näher mit „Blutiger Freitag“ zu beschäftigen und einmal zu ergründen, ob sich der Prozess überhaupt gelohnt hat, filmisch, wie auch technisch.

Vorhang auf für HEINZ KLETT!

Das deutsche Genre- bzw. Exploitation-Kino konnte nie mit der Vielfalt anderer Hochburgen, wie Italien und den USA mithalten. Während in diesen Ländern Fluten an Produktionen um die Welt gingen, hinkten wir in Deutschland etwas hinterher. Oftmals etwas bieder, versuchte man bei uns eigene Trends zu kreieren, ohne wirklich radikal konsequent zu sein. Gut, wir hatten die Krimiwelle in den 60er Jahren, mit Edgar Wallace und Louis Weinert-Wilton, die aber eher zahme WhoDunIts waren, als harte Genre-Kost. Wir hatten die Karl May-Western, die aber im Vergleich zu den italienischen Kollegen, wie ein Kindergeburtstag im Western-Fort wirkten. Wir hatten den „Schulmädchen-Report“, mit seinen zahmen Soft-Sex Einlagen, und vielleicht noch die Kiez-Filme, in denen Regisseure, wie Alfred Vohrer und Jürgen Roland, ihre Detektive durch verruchte Nachtlokale schickten. Also ihr seht, so richtig fetziges Exploitation-Kino bekam man bei uns nicht. Doch im Jahr 1972 warf ein gewisser Rolf Olsen einen Film auf den Markt, dessen Konsequenz und Dreistigkeit ihresgleichen sucht. „Blutiger Freitag“ avancierte unter Genre-Fans zum Kult- bzw. Geheimtipp. Als ich las, dass „Subkultur Entertainment“ den Film für eine schicke Blu-ray Veröffentlichung restaurieren möchte, war ich gespannt, denn ich hatte vom Film gehört, ihn aber noch nicht gesehen. Umso mehr freute ich mich, als ich kürzlich meine Blu-Ray in den Händen hielt. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich nur die abgespeckte Amaray-Version besitze, die lediglich die Langfassung enthält, weswegen ich hier auch nicht die anderen beiden Versionen anspreche, die in der „Collector’s Edition“ zusätzlich enthalten sind.

Die Story folgt im Prinzip den klassischen Mustern der italienischen Polizei-Filme, die ebenfalls in den 70er Jahren ihre Hochkonjunktur hatten. Drei Gangster, zwei freiwillige und ein eher unfreiwilliger, planen einen Raub in der deutschen Finanzbank in München. Doch bei der Ausführungen geraten die drei immer wieder in unglückliche Fügungen, so dass der durchdachte Coup, inklusive Geiselname, im blutigen Fiasko endet. Der Film bietet eine geradlinige Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. 1971 wurde ein Raubüberfall auf die deutsche Bank in der Münchner Prinzregentenstraße zum medialen Ereignis, da auch hier eine Geiselname stattfand und die Situation durch einen kontroversen Schießbefehl der Polizei beendet wurde, bei der nicht nur einer der Gangster, sondern auch eine 20-jährige Geisel getötet wurde. In den folgenden Monaten entbrannte eine hitzige Diskussion über die steigende Kriminalität und schlechte Ausbildung der Polizei, sowie über das zu schnelle Handeln der Beamten. Diese Ereignisse verarbeitet der Film zweckdienlich im Gewand eines reißerischen Unterhaltungsfilms. Im Zentrum stehen dabei die drei Räuber, der unberechenbare und kompromisslose Heinz Klett, der italienische Gastarbeiter Luigi und der desertierte Soldat Christian, dessen Schwester ein Verhältnis mit Luigi hat und von ihm ein Kind erwartet. Man könnte den Film am besten mit Umberto Lenzis „Der Berserker“ vergleichen, denn auch hier ist ein rücksichtsloser Gangster die Hauptfigur, der nicht vor Mord zurück schreckt und schließlich den Tod findet. „Blutiger Freitag“ ist in jeder Hinsicht ein reinrassiger Krimi, der sich aber nicht davor sträubt, sozialkritische Elemente anzusprechen. Der Kapitalismus ist ebenso ein Thema, wie die Chancenlosigkeit unterprivilegierter Menschen auf bessere Lebensumstände. So sehnt sich Heidi, Luigis Freundin, nach einem besseren Leben für sich, Luigi und das gemeinsame Kind und hat es satt in einem Großraumbüro ihr Dasein zu fristen. Luigi, ein italienischer Gastarbeiter, hat ebenfalls die Nase voll, sich für Klimpergeld abzurackern und sich von konservativen Bürgern anpöbeln zu lassen, denen er an der Tankstelle die Autos befüllen muss. Im Kontrast dazu steht Heinz Klett, den vordergründig die Geldgier antreibt, der jedoch auch seine Kritik am System zum Ausbruch bringt und endlich ein besseres Leben leben will, um jeden Preis. Natürlich kann man „Blutiger Freitag“ nicht als kritischen Film bezeichnen, der gewisse Lebensumstände und gesellschaftliche Missgunst anprangert, dazu ist er viel zu sehr ein Exploitationfilm, jedoch ist das Aufgreifen dieser Themen durchaus überraschend und auch irgendwo bemerkenswert.

Trotz all dem macht der Streifen in seiner hemmungslosen Dreistigkeit ziemlich viel Spaß. Regisseur Rolf Olsen haut dem Zuschauer trockene Sprüche um die Ohren und drückt ordentlich aufs Gaspedal. Die Charaktere sind gut gezeichnet aber der Star ist natürlich Heinz Klett. Der, von Raimund Harmstorf gespielte, Gangster lässt seine Kollegen ganz schön alt aussehen und wird zum Motor des Films. Mit Macho-Sprüchen, wie „Keinen Mucks, oder ich knall‘ dich hier im Scheißhaus zusammen, du Drecksack“ oder „Bist du hungrig…auf Liebe?“ manifestieren den Unterhaltungswert auf einem sehr hohen Level. Frech, dreckig und brutal. So konsequent habe ich noch keinen deutschen Film erlebt. Auch die bereits angesprochene Brutalität ist ungewöhnlich für ein Produkt made in Germany. Da suhlt sich schon mal ein Polizist in seinen Innereien, nachdem er eine unfreundliche Begegnung mit einer Granate gemacht hat, Klett prügelt auf einen blinden Rentner ein und in einem Showdown gibt es blutige Einschüsse, die in ihrer Zeitlupenästhetik fast schon an Sam Peckinpah erinnern. Olsen zieht sein Programm durch und weiß anscheinend ganz genau, dass der Film ohne drastische Bilder nicht wirkt. Gut inszenieren kann er auch, denn an der Regie ist nichts auszusetzen. Die Kamera ist immer in Bewegung und macht den Film viel rasanter. Der Schnitt ist gut gesetzt und gibt dem gezeigten eine gewisse Dynamik. Elemente, die man bei einem solchen Streifen nicht erwartet, denn wer Trash erwartet, wird enttäuscht. Der Film ist authentisch inszeniert und auch in vielen Szenen fast schon dokumentarisch. Gerade in der Szene, in der Interviews mit den Schaulustigen geführt werden und Diskussionen über Todesstrafe oder normale Haft entfachen, ist man sich gar nicht mehr sicher ob diese Interviews inszeniert oder real sind. Rolf Olsen bewegt sich hier auf einem schmalen Grat zwischen authentischer Kriminalaufarbeitung und kompromisslosem Genre-Kino für das Bahnhofsviertel, doch hat er oft Spaß am übertrieben Schund, so dass die kritischen Aspekte mehr in den Hintergrund rücken. Wenn Klett eine Geisel vergewaltigt und man uns diese Bilder im Wechsel mit Lesben-Sex und einer Schlachtung präsentiert oder er mit ausgebeultem Schritt in der Lederhose, Sonnenbrille und Maschinenpistole posiert, weiß man viel die Uhr geschlagen hat. In diesen Passagen ist „Blutiger Freitag“ einfach verdammt unterhaltsam und wunderschön Bad-Ass, immerhin war Olsen ebenso für Perlen, wie „Das Stundenhotel von St. Pauli“ oder „Das Paradies der flotten Sünder“ verantwortlich.

Die Darsteller dieser deutsch-italienischen Ko-Produktion fügen sich ebenso gut ein und bilden die Kirche auf dem Eisbecher. Sowohl Christine Böhm und Amadeus August, als auch Gianni Macchia geben ihren Figuren die nötige Persönlichkeit. Auch die Geiseln in der Bank, unter denen unter anderem auch Gila von Weitershausen zu finden ist, agieren lebensecht. Den Vogel schießt aber letztendlich Raimund Harmstorf ab, der als Heinz Klett brilliert und in seiner Rolle voll aufzugehen scheint.  Mit Verve wirft er sich in die Rolle des ruchlosen Kriminellen und hat sichtlich Spaß an der Figur. Die Umsetzung von „Subkultur Entertainment“ ist ebenso erwähnenswert. Noch im Restaurationsprozess fanden sie nicht veröffentlichtes Material und konnten eine Langfassung zusammenfügen, die in dieser Form noch nie öffentlich präsentiert wurde. Abgetastet in 4K bietet „Blutiger Freitag“ eine hervorragende Bild- und Tonqualität. Hier hat man das absolute Optimum herausgeholt und auf eine, mit schönem Bonusmaterial gespickte, Blu-Ray gepackt, die keine Wünsche offen lässt. Eine 2-stündige Dokumentation über die Entstehung des Films mit den, noch lebenden, Beteiligten und eine Location Tour an den Originalschauplätzen sind ebenso vorhanden, wie zwei Audiokommentare, unter anderem mit Pelle Felsch und Christian Kessler, und ein Einblick in die Restaurationsarbeiten. Ein rundumsorglos Paket für Fans des klassischen Genre-Kinos.

„Blutiger Freitag“ aus dem Jahr 1972 ist eine wahre Perle für Fans reißerischer Exploitationkost. Drastisch, konsequent, spannend, unterhaltsam und sehr gut inszeniert, beweist dieses deutsche Kleinod des Genre-Films, dass auch hierzulande gute Ware entstehen konnte. Mit leicht sozialkritischen Aspekten schnürt Rolf Olsen ein unterhaltsames Gesamtpaket, welches zwischen dokumentarischer Aufarbeitung und schmierigem Euro-Crime chargiert. Absolut empfehlenswert!

 

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