Citizen X (1995)

Inhalt:

In den 80er Jahren in der ehemaligen UDSSR kommt es in der Nähe der Stadt Rostow zu vielen Leichenfunden. Es wird angenommen ein Serienkiller geht um. Aber die Obrigkeit verschweigt alles. Ein Polizist (Stephen Rea) macht sich nach dem Untergang des kommunistischen Regimes nochmals auf die Suche und wird fündig. Ein Mann namens Tschikatilo wird festgenommen. Wie viele Menschen hat er ermordet? Warum hat man ihn wieder freigelassen, nachdem man ihn bereit verdächtigt und festgenommen hat? Ein grausames Puzzle beginnt.

Filmisches Feedback:

Zu Unrecht unbekannter Serienmörderfilm

Andrei Romanowitsch Tschikatilo, der „Ripper von Rostow“, nachweislich 53 Morde begangen, er selbst sagte es waren 56 im Zeitraum zwischen 1978 – 1990. Er tötete wahllos Kinder und Frauen. In der damaligen Sowjetunion wurde solch ein Monster natürlich nicht gern gesehen, geschweige denn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Geschnappt wurde er erst  1990 nachdem die Fesseln der russischen Medien etwas losgelassen wurden und sie freier berichteten. Verhört hatte man ihn bereits mehrmals während seiner Mordzeit und auch in Gewahrsam genommen.

Aber ihn etwas beweisen konnte man nicht. Bis irgendwann der Zufall es wollte dass der KGB auf ihn aufmerksam wurde. Er wusch sich Dreck und allerlei Zeug vom Leib und wurde dabei festgenommen und er wurde angezeigt. Wenig später fand man ungefähr an derselben Stelle eine Kinderleiche. Der KGB beobachtete Tschikatilo und schlug eines Tages zu. Das war das Ende seiner Schreckensherrschaft über unschuldige Menschen.

Waren sie unschuldig? Laut Tschikatilos Aussage nicht. Sie hatten kein Recht zu existieren. Der Film beschreibt auf fast dokumentarische Weise die Ermittlungen der Polizei in dieser Zeit, bzw. verfolgen den Leidensweg eines Polizisten der jahrelang versucht den „Ripper“ zu erwischen. Es werden ihn aber ideologische Steine in den Weg gelegt, gegen die er sich nicht wehren kann. Dieser Polizist wird sehr zurückhaltend von Stephen Rea gespielt. Das tut dem Film gut. So ist dieser Film auch keine psychologische Abhandlung über Serienmörder. Das will er auch gar nicht sein. Nimmt er nie in Anspruch. Er zeigt die Suche und Ermittlungen in einer perversen Chronologie des Abstrakten.

Tschikatilo ist das mordende Wesen, der Staat wird hier aber ebenfalls zum Monster weil er es nicht wahrhaben will, dass auch solche Menschen in ihrer Welt existieren und nicht nur in der westlichen Welt. Sie hindern aufrechte Menschen daran etwas Gutes zu tun. Das ist hier mit die Kernaussage des Films: die Auflösung der Menschlichkeit in einem totalitärem Regime zu Gunsten der Vertuschung und Aufrechterhaltung der Macht und auf Kosten der Menschlichkeit. Ist weit hergeholt? Nein, sieht ihn euch an. Regisseur Chris Gerolmo hat schon mit seinem Drehbuch zu MISSISSIPPI BURNING (1988)  bewiesen, dass er spannende Geschichten der Menschlichkeit und dies paart mit einer gewaltigen Kritik an stupiden Menschen, die die Menschlichkeit mit Füssen treten, erzählen kann. Das  alles verpackt er in einer grandiosen Inszenierung.

 Nicht effekthascherisch, ganz ruhig und bedenkenlos, ohne Schockeffekte, ja fast steril, zeigt Gerolmo hier das Tagewerk der Ermittler. Und das tut den Film gut. Er will nicht provozieren oder setzt auf Ekeleffekte. Es kommen zwar ein paar Szenen vor, die die Düsternis von Tschikatilo im tiefen menschlichen Abgrund zeigen, aber diese dienen hier nur zum Zweck des Vorrankommens der Geschichte und nicht als blankes Zeigen von Gore. Diese Zurückhaltung ist es was den Film ausmacht. Und umso schrecklicher ist diese Zurückhaltung, wenn man die Impulsivität der Darsteller sieht, die diese Stille durchbrechen.

Stephen Rea und Donald Sutherland (Golden Globe-Gewinner und Emmy für diese Rolle) sind die ruhenden Pole. Joss Ackland der verhärmte Staatsdiener und Jeffrey DeMunn ist wie geschaffen für die Rolle des Tschikatilo. Er trägt den ganzen Film. DeMunns Performance ist von bestechender Intensität. Grandios!

 Der Film ist so vieles: eine spannende Serienmördergeschichte und Kriminalstory, ein Abbild des Zeitkolorits, ein düsterer Blick in eine tief-dunkle Seele, eine Nahaufnahme eines totalitären Regimes, eine Botschaft der Menschlichkeit.

Ich liebe tatsächlich Serienmörderfilme. Nicht weil ich krank bin oder ähnliches. In solchen Filmen kann man anhand eines Individuums erkennen, wie krank die Gesellschaft ist, bzw. sie einem zu etwas macht was man nicht sein will. Serienmörderfilme können dazu beitragen etwas zu verstehen, was unverständlich ist. Sie können Zusammenhänge zwischen Einzelnem und dem Ganzen erläutern (nie ganz erklären). Sie können aufzeigen, was in uns schlummert und bloß nicht geweckt werden soll. Sie können eine gesamte gesellschaftliche Analyse sein ohne groß thematisch auf die Gesellschaft einzugehen. Deswegen liebe ich diese Filme. Und das ist einer davon.