Das Geheimnis der chinesischen Nelke (1964)

“Das Geheimnis der chinesischen Nelke”
Deutschland/Frankreich/Italien 1964
mit Brad Harris, Horst Frank, Klaus Kinski…
Drehbuch: Rudolf Zehetgruber
Regie: Rudolf Zehetgruber
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Professor Baxter (Corrado Annicelli) hat in jahrelanger Arbeit mit seinem Assistenten Wilkens (Dietmar Schönherr) eine neue Formel zur schadstofffreien Energieerzeugung entwickelt. Nun sind sowohl der Erdöl-Konzern von Mr. Sheridan (Paul Dahlke) als auch eine raffinierte Unterweltsorganisation, die ihren Stammsitz in dem Club „Chinesische Nelke“ hat, hinter dem Mikrofilm, der die entsprechende Formel enthält, her. Bexter schickt den Film an seine Nichte Susan (Olly Shoberova) und wird kurz darauf ermordet. Bald scheint keine der beteiligten Personen mehr dem Anderen zu trauen, jeder verdächtigt jeden…

 

„Hallo, hier spricht Edgar….äääh, Louis Weinert-Wilton!“ Ja genau, der semi-berühmte Trittbrettfahrer des großen Pulp-Krimi Autoren Edgar Wallace hat wieder zugeschlagen, zumindest in meinem DVD-Player. Mit „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“, aus dem Jahr 1964, lieferte „Constantin Film“ die letzte Verfilmung des böhmischen Schriftstellers und bewegt sich etwas abseits des klassischen „WhoDunIt“-Allerlei, nämlich im Agenten-Milieu. Ob das ein Qualitätsmerkmal ist, erfahrt ihr aus erster Hand!

Schon in meiner Review zu „Die weiße Spinne“ (1963) habe ich ein paar Fakten zu Louis Weinert-Wilton genannt. Der Autor verfasste Geschichten im Stil des britischen Autors Edgar Wallace, dessen filmische Adaptionen in den 60er Jahren zu den großen Kassenhits der deutschen Kinos wurde. Die Zuschauer gierten nach schundiger Krimi-Kost und die bekamen sie auch. Es wurden munter Epigonen gedreht, die im Stil der Wallace-Filme daher kamen, um ordentlich Kasse zu machen. Für „Das Geheimnis des chinesischen Nelke“ übernahm der Produzent Wolfgang C. Hartwig die Gesamtleitung, der mit seinen „Hongkong-Reißern“ bereits Erfolge feierte und später mit dem „Schulmädchen-Report“ eine weitere Kult-Reihe auf den Weg brachte. Anders als bei den drei Vorgängern verließ man hier die bewerten Muster des klassischen Krimis, wenn auch nur zum Teil. Durch den internationalen Erfolg der „James Bond“-Filme waren auf einmal auch Agenten-Filme en Vogue. Hartwig, der alte Fuchs, dachte sich also, warum nicht einfach einen Agenten-Krimi mit „WhoDunIt“-Subplot drehen? So erzählt der Streifen die Geschichte um einen ehrenwerten Professor, der mit Hilfe seines Assistenten eine Formel zur schadstofffreien Energieerzeugung entwickelt hat, was heutzutage sicher eine hilfreiche Erfindung wäre. Doch nicht nur ein Ölkonzern ist hinter besagter Formel her, sondern auch ein düsteres Syndikat, welches in der Bar „Chinesische Nelke“ seinen Stammsitz hat. Ehe man sich versieht, sind mehrere Agenten, Killer und andere üble Ganoven hinter der Formel her. Als der Professor nach kurzer Zeit ermordet wird, übernimmt Privatdetektiv Ramsey die Ermittlungen, der für den Schutz der Nichte des Professors zuständig ist.  Um schon mal reinen Tisch zu machen, die Story ist das Problem dieses 60er Jahre Reißers. Sie wirkt sehr konstruiert, ok das waren die Wallace-Filme auch, doch im Falle von „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ ist sie zudem etwas unübersichtlich. Man brauch etwas, bis man den Überblick hat, Wer jetzt für Wen arbeitet und Was für Absichten der- oder diejenige hat. Es treten viel Figuren auf den Plan, die alle etwas undurchsichtig sind und der Handlungsverlauf ist etwas sprunghaft, was die ersten 20 Minuten etwas ansträngend macht, da man sich manchen Figuren widmet und andere von der Bildfläche verschwinden. Vieles wirkt etwas zusammen geschustert, doch das treibt natürlich den Pulp-Faktor in die Höhe, und der macht bei diesem Film ordentlich Spaß. Die Ganoven sind schmierig, die Helden reißen Sprüche und die Mädels sind knackig. Hier greift wieder der unverwechselbare Charme der 60er Jahre, der gute Unterhaltung liefert. Zudem verfügt das Drehbuch über einige wunderbare Sätze, wie etwa…

 

McMURRAY: „Hat dieser Speranza hier eigentlich etwas zu sagen?“
(Speranza mustert ihn gehässig von oben bis unten)
McMURRAY: „Ist irgend etwas?“
SPERANZA: „Ach nichts, ich nehme nur Maß für deinen Sarg.”

Oder auch…

Mary Lou: „Also, was kostet die Formel Mr. Ramsey?“
Ramsey: Mein Bankkonto ist zwar so niedrig, dass es den Asphalt küssen kann, ohne sich zu bücken, aber sie kennen ja meinen Preis!“

Sternstunden der deutschen Drehbuchkunst! Es sind solche Momente, die großen Spaß machen auch wenn der Handlungsverlauf etwas plump und gezwungen wirkt. Das Drehbuch schrieb Rudolf Zehetgruber, der auch die Regie für den Film übernahm und mit „Die schwarze Kobra“ (1963) und „Das Wirtshaus von Dartmoor“ (1964) bereits zwei ähnliche Filme gedreht hatte. Zehetgrubers Inszenierung ist allerdings sehr generisch. Wo ein Alfred Vohrer oder ein Harald Reinl, die ebenfalls im Krimi-Genre umtriebig waren, mit verspielten Aufnahmen, Kamerafahrten und experimentellen Einstellungen punkten konnten, geht dies Zehetgruber völlig ab. Der Film wirkt sehr „Grau“, was nichts mit dem Schwarz/Weiß zu tun hat, in welchem der Film gedreht wurde. Allerdings hat der Krimi auch seine Momente, wie etwa die unterhaltsame Kneipenschlägerei oder das Finale, in dem unser Held das Mädchen aus einem fahrenden Auto befreien muss, welches durch einen Sprengsatz zu detonieren droht, wenn es mehr als 80 Sachen drauf hat, jetzt wissen wir auch wo Jan de Bont seine Idee für „Speed“ (1994) geklaut hat. Auch wenn diese Sequenz sehr günstig und holprig aussieht, macht sie dennoch Spaß. Zehetgruber drehte den Film in Prag, was uns natürlich als London verkauft wird. Dadurch, dass meisten Szenen in Räumen spielen, fällt dieser Umstand auch nicht weiter auf, es gibt ja Stock-Footage, was man wahllos hineinschneiden kann. Wie auch die Wallace-Verfilmungen besitzt „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ ein schönes Ensemble, was den Filmgenuss steigert, da allerlei bekannte Gesichter auftreten. Besonders schön ist Trash-Ikone Brad Harris in der Hauptrolle des heldenhaften Detektivs Ramsey. Mit Holzhammer-Charme und schiefem Grinsen sorgt der ehemalige amerikanische Bodybuilder für vergnügliche Momente. Auch Paradebösewicht Horst Frank, hier mal auf der Seite der Guten, hat sichtlich Spielfreude und haut ebenfalls ein paar kesse Sprüche raus. Als Agent mit Kaugummifetisch, der zum Finale hin für eine Bombenentschärfung sorgt. Tschechiens Sex-Symbol Olga Schoberova, die Harris 1967 ehelichte, gibt die blonde Schönheit, mehr hat sie aber auch nicht zu bieten. Des Weiteren agieren noch „Raumpatrouille“-Star Dietmar Schönherr und Theater-Star Paul Dahlke in gut ausgefüllten Nebenrollen. Auch Klaus Kinski gibt sich, wie in fast jedem deutschen Krimi der 60er, die Ehre und macht das was er am besten kann, einen schmierig fiesen Ganoven spielen. In einer kleinen Nebenrolle entdeckt man noch den späteren französischen Star Pierre Richard, der einige amüsante Szenen hat. Der Film ist über das Label „Filmjuwelen“ auf DVD erhältlich und bietet neben dem 16:9 Kinoformat auch eine 4:3 Fassung. Ausgestattet mit einem informativen Booklet eine günstige, wie auch schöne Veröffentlichung.

„Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ war ein weiterer Versuch im Fahrwasser der Wallace-Filme mitzuschwimmen. Trotz einem überkonstruiertem Agenten-Plot, versucht man den „WhoDunIt“-Aspekt mit einzubinden, weshalb der Film öfter die Balance verliert. Dazu kommen eine etwas wirre Erzählweise und eine einfallslose Regie. Doch immer mal wieder blitzt charmanter Pulp auf und es gibt ein paar schöne Sprüche auf die Ohren, gepaart mit einer nicht unbedingt stimmigen, aber zumindest unterhaltsamen Besetzung. Fans deutscher Krimis der 60er Jahre mit einem Faible für pulpige Geschichten dürften ihre Freude haben.