Das Mädchen am Ende der Straße (1976)

Rynn (Jodie Foster) ist noch ein dreizehnjähriger Teenager, als ihr sie behütender Vater plötzlich stirbt. Gemäß seinen Vorstellungen von einem stillen, zurückgezogenen Leben, beschließt das Mädchen allein groß zu werden und verschweigt den Tod des Vaters. Im Laufe der Zeit freundet sie sich mit einem Jungen an, doch in der Stadt mehren sich die Gerüchte über das Mädchen, so dass die Neugier der Leute bald überhand nimmt, was Rynn zu einschneidenden Maßnahmen zwingt…

Der schweizer Theaterregisseur und Dokumentarfilmer Nicolas Gessner lieferte mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans Das Mädchen am Ende der Straße von Laird Koenig seinen bekanntesten Film ab. Gleichzeitig ist es der erste Film mit Jodie Foster, in dem sie eine Hauptpolle spielte (im selben Jahr spielte sie auch die Hauptrolle im Film „Ein ganz verrückter Freitag“). Wenn man die Romanvorlage und den Film vergleicht, wird man feststellen, dass sich die Ereignisse im Film nur an sehr wenigen Stellen unterscheiden. Wie im Buch, so werden auch im Film die Ereignisse immer aus Rynns Blickfeld gezeigt, was dazu führt, dass Jodie Foster in fast jeder Szene zu sehen ist. Alle Handlungen der Nebendarsteller (u.a. Martin Sheen) erklären sich immer erst dann, wenn sie mit der Hauptfigur Rynn gemeinsame Szenen haben. Das erhört in diesem Fall die Spannung und treibt die Handlung voran.

Da der Film in den meisten Szenen in Rynns Haus spielt und das Ganze auch als Kammerspiel betrachtet werden kann, könnte man die Story auch mit einem Theaterstück vergleichen. Szenen im Freien gib es nur wenige. Vielleicht lag es daran, dass ausgerechnet ein Theaterregisseur diesen Film inszenierte. Tatsache ist, dass Nicolas Gessners Film genau das hat, was leider manch einem guten Film neueren Datums abgeht und ohnehin immer seltener wird: Stil und Klasse. Und gerade dieser Minimalismus macht diesen Film in meinen Augen so besonders. Die Rollen sind zwar nicht besonders tiefgründig oder facettenreich angelegt, dennoch gehen alle Mitwirkenden in ihren Rollen auf und spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Gerade die Kinderdarsteller liefern dem Zuschauer durch ihr überzeugendes Zusammenspiel eine perfekte Illusion der Wirklichkeit. Das kann man alleine schon daran feststellen, dass der Film im Wesentlichen von den oftmals schlichten, tatsächlich aber sehr cleveren Dialogen und natürlich der Performance der Darsteller getragen wird. Dennoch hat sich Jodie Foster im Nachhinein nicht sehr vorteilhaft zu dieser Produktion geäußert. Schade eigentlich, denn hier finde ich sie einfach nur genial.

Dass Rynn ein dunkles Geheimnis hat, wird sofort in den ersten Szenen deutlich gemacht, wenn Rynn wiederholt nach ihrem Vater gefragt wird, der scheinbar nie persönlich anzutreffen ist. Auch die Enthüllung dieses Geheimnisses auf halbem Wege lässt den Zuschauer nicht unbedingt aus allen Wolken fallen. Und dennoch hat der Film von Anfang bis Ende eine Spannungskurve, die sehr sinnvoll ist. Das zartbittere Ende ist inszenatorisch so untertrieben schlicht wie genial geraten.

Abseits dieser Rezension glaube ich, dass der Autor Laird Koenig, der auch gleichzeitig das Drehbuch zum Film verfasste, mit seinem kleinen Krimi eigentlich eine gesellschaftliche Kritik an unsere Lebensweise äußern wollte. Kinder werden nicht ernst genommen (meistens zumindest), werden in gesellschaftliche Schubladen gesteckt, und wenn sie sich nicht anpassen, gelten sie alt sonderbar und müssen angeblich „mit besonderen Mitteln“ gefördert werden, was nichts anderes bedeutet, dass man die auf ein symbolisches Abstellgleis der Gesellschaft schiebt. Nennt mich verrückt, aber so sehe ich das. Alles Faschisten da draußen! Die Amerikaner sowieso, wird doch im Roman immer wieder auf die Unhöflichkeit dieser Nation hingewiesen, was im Film besonders durch Martins Sheens Rolle als Päderast beängstigend perfekt verkörpert wird.

Das Mädchen am Ende der Straße gibt es als VHS und DVD. Allen Fans von Jodie Foster sei natürlich die DVD von Concorde ans Herz gelegt, denn sie erfüllt alle Standards, die man beim digitalen Medium erwarten kann (16:9 Bild, O-Ton und deutsche Untertitel). Im Fernsehen sieht man ihn heutzutage eher selten, wenn, dann vielleicht auf einen der zahlreichen Kanäle im Pay-TV.