Dein Schicksal in meiner Hand (1957)

J.J. Hunsecker ist der einflussreichste Kolumnist in New York. Er setzt seine Macht ein, um seine Schwester an der Hochzeit mit einem Jazzmusiker zu hindern. Der Presseagent Sidney Falco startet eine Hetzkampagne gegen den Musiker.


Schaut man auf eine Liste der „Besten Filme aller Zeiten“, so verwundert es einen doch immer wieder wie viele dieser Filme bei ihrem Erscheinen mit Nichtbeachtung gestraft wurden. Dazu zählt auch Alexander Mackendricks 1957 erschienener „The Sweet Smell Of Success“ (der melodramatische deutsche Titel verbietet sich von selbst in seiner Schmalzigkeit), dabei liegt hier ein absolut zeitloses Stück Kino vor.

Sidney Falco (Tony Curtis) ist, um mal Helmut Dietl zu zitieren, „[J]ung, schaut gut aus und auf der Journalistenschule gewesen“. Der Anzug sitzt, auf den Lippen hat der Schwiegermamaliebling ein geradezu gründgensches „aasiges Lächeln“. Auf den ersten Blick könnte man meinen, der junge Mann hat’s geschafft, so selbstsicher wie er da an der Bar seine Zigarette raucht.

Aber wir schauen genauer hin: Falco koordiniert seine Geschäfte (in Ermangelung eines Büros) vom heimischen Schlafzimmer aus, steht bei so ziemlich jedem Gastronom der Stadt knietief in der Kreide, so richtig Respekt zollen ihm nur die blonden Zigarettenmädels in den Clubs. Sidney verdingt sich als „PR Agent“ für J.J. Hunsecker (Burt Lancaster), den mächtigsten Klatschkolummnisten New Yorks, von dieser Eminenz des „Talk of the Town“ könnte sich selbst Baby Schimmerlos noch eine gewaltige Scheibe abschneiden.

Wie selbstverständlich verkehrt der zynische Brillenträger mit den höchsten Politikern und Schauspielern, unser Sidney hingegen darf nur (im wahrsten Sinne des Wortes) aus zweiter Reihe zuschauen und ist für Hunsacker keinesfalls der hoch geschätzte Freund und Berater, als welcher Falco sich gerne inszeniert, sondern eher ein willkommenes, untergebenes Arbeitsbienchen, dem keine Arbeit zu schmutzig ist und das für 15 Sekunden Ruhm sofort die eigene Großmutter an den gefräßigen Plapperkäfer von Thral verfüttern würde. Und eine schmutzige Arbeit hat Hunsacker für Falco auf Lager: Susan Hunsacker, Schwester seiner Journalistenheiligkeit, will heiraten, einen Jazzmusiker, höchst unstandesgemäß. J.J.s Wunsch: Dem unliebsamen Trompeter kommunistische Interessen (wir sind immerhin in der McCarthy Ära) nachweisen, auf das seine Schwester sich mit Grauen von ihm abwendet. Sidney schaut mal, was er machen kann.

Wie Marionetten werden in den folgenden 96 Minuten Film Kellner, Polizisten und Taxifahrer durch die Stadt, die vor lauter Neon immer leuchtet und schon deshalb nicht schlafen könnte, geführt, keine Intrige ist zu schmutzig, kein Trick zu hinterhältig… „The Sweet Smell Of Success“ erschien ursprünglich als Novelle 1950 in der Cosmopolitan, ihr Autor Ernest Lehmann verfasste auch das Drehbuch (der gute Mann schrieb später auch „West Side Story“ oder „Who’s Afraid of Virginia Wolf“), Regie führte der Brite Alexander Mackendrick, der mit diesem Film sein US Debüt gab. Bei Erscheinen wurde „Success“, wie bereits erwähnt, mit Nichtbeachtung des Publikums gestraft.

Die Zuschauerschafft wollte anno 1957 „Good Guy“ Tony Curtis wohl einfach nicht als erbärmlichen, hinterlistigen Widerling sehen. Zusätzlich war die Produktion an sich schon eine mittlere Vollkatastrophe. Gedreht wurde „On Location“ am Time Square, Verkehrschaos, wuselnde Passanten und Tony Curtis Fans inbegriffen. Der Film geriet zum kapitalen Flop. Aber wie so oft: Die Filme mit den katastrophalsten Produktionsbedingungen sind meist die, die die Zeit am Ende überdauern (siehe „Apocalypse Now“ oder „Der weiße Hai“). So auch „Success“.

Der Film gilt heute nicht nur als einer der besten Filme der 50er, sondern auch als einer der herausragendsten Filme aller Zeiten, sowohl vom „Time Magazin“ als auch von „Sight and Sound“ wird er als Meisterwerk anerkannt. Die Titel zweier Breaking Bad Episoden („The Cat is in the Bag“ und „And the Bag is in the River“) sind direkte Dialogzitate, Showrunner Vince Gilligan bezeichnet diesen sogar als seinen absoluten Lieblingsfilm.

Auch bei mir ist Mackendricks Satire ganz oben in der persönlichen Top 50 zu finden. Herausragende Schauspieler, ein messerscharfes Skript, wunderschöne schwarz-weiß Bilder: Hier stimmt einfach alles. Für Fans von: „Das Apartment“ oder „Kir Royal“ ein Muss, Pflicht für jeden Cinephilen, für alle Journalismusstudenten sowieso. Ein echter „American Noir“, zu welchem man sich fast schon reflexartig einen Whiskey einschenken möchte.


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