Der Konformist (1970)

Bernardo Bertoluccis Verfilmung des Romans Der Konformist von Alberto Moravia zeigt einen Menschen, der sich zeit seines Lebens immer wieder angepasst hat und durch seinen Konformismus im faschistischen System Schuld auf sich läd.


 

Dieser Artikel ist bewusst etwas kürzer gehalten. Das liegt zum Einen daran, das es hier eine echte (meines Wissens nach) schändlich übersehene Perle zu Bestaunen gibt, Anderseits werde ich mit
meinem bescheidenen Erstsemesterliteraturwissenschaftsschreibstil diesem Film wohl einfach nicht gerecht werden, ich setzte mich ja auch nicht einfach so an eine Review zu „Citizen Kane“
oder „Blade Runner“, das würde ja Vorne und Hinten nichts werden. Jean-Louis Trintignant spielt Marcello Clerici, den (zumindest im Original) titelgebenden Konformisten: Ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit hegt Marcello den innigen Wunsch, „normal“ zu sein, nicht aufzufallen, unsichtbar in der Masse vor sich hin existieren zu können. Deshalb ist er auch 1938 der italienischen Geheimpolizei beigetreten. Nun steht, ganz klassisch-konventionell, eine Heirat bevor und zwar mit der herrlich kleinbürgerlichen Giulia. Während der Flitterwochen soll Marcello zudem seinen alten Professor Quadri ausspionieren, denn der ist möglicherweise Anführer einer antifaschistischen Zelle.

Diese erstaunlich unspektakuläre Ausgangslage nutze der damals gerademal neunundzwanzigjährige Bertolucci anno 1970 um eine raffiniert verschachtelte Geschichte über Systemgläubigkeit, Liebe und Sex zu drehen. Dabei wird dem Zuschauer eine Menge Interpretationsspielraum überlassen, der Film erzählt seine Geschichte fragmentaisch, über zahlreiche Rückblenden.
Ist uns Marcello als Protagonist überhaupt sympathisch? Alleine diese Frage könnte ganze Filmwissenschaftsmasterarbeiten füllen. Wirklich herausragend macht „Il Conformist“ (Der deutsche Titel ist, Vorsicht!, schlechter Witz im Anflug, nämlich ein großer Irrtum) aber seine Spielerei mit Licht, Schatten und Farbgebung. Kameramann Vittorio Storaro (später uA: „Apocalypse Now“, „Dick Tracy“, „Dune“) erschafft hier so lächerlich wunderschöne Bilder, man möchte jedes davon als Kunstdruck an seiner Wand hängend wissen. Egal ob Marcello durch das Bürogebäude der Geheimpolizei eilt, im Taxi durch ein mystisch-nebeliges Paris chauffiert wird oder einfach nur die Hand zum Gruße hebt, all das ist so magisch inszeniert,man möchte laut applaudieren. Allerdings sei gesagt, das „Il Conformisto“ ein Film ist, der wiederholt geschaut werden möchte und sollte, was vor allem in der bereits erwähnten sehr artifiziellen Erzählweise begründet liegt, die beim Ersten Schauen sehr abschreckend wirken kann. Hier ist wirklich ein wacher Geist gefragt, um alle aufgemachten Erzählebenen am Ende sinnvoll zusammenzusetzen. Oder eben nicht, denn so ganz geht unser Konformist nie auf, der Film ist vielmehr ein Puzzle, bei dem am Ende ein wichtiges Teil fehlt. Dies kann und wird viele Zuschauer entmutigen und wahrscheinlich sogar verärgern. Hier kommt es meiner Meinung nach eben auf die Inszenierung an, die, wie bereits erwähnt, einfach umwerfend ist. Leider ist das Werk deshalb auch nicht als simple Abendunterhaltung geeignet, für diesen Film sollte man sich Zeit nehmen, sich vielleicht sogar im Vorfeld die ein oder andere Analyse durchlesen. Nichtsdestotrotz zähle ich „Il Conformisto“ zu meinem absoluten Lieblingsfilmen. An seinen Bildern kann ich mich einfach nicht sattsehen, auch die Musik ist zum Niederknien. Und wer weiß, vielleicht durchsteige ich die Handlungen von Marcello irgendwann, vielleicht aber auch nicht, es ist letztendlich auch überhaupt nicht wichtig für den Filmgenuss.

Paolo Sorrentino, wohl einer der begnadetsten Jungregisseure unserer Zeit, inszenierte 2008 mit „Il Divo – Der Göttliche“ übrigens eine hübsche Verbeugung vor dem „Großen Irrtum“ (der
Abwechslung wegen habe ich den deutschen Titel jetzt doch verwendet), sowohl was die eigenwillige Erzählweise, als auch die Art der Inszenierung angeht. Wer also auf nach dem Genuss von Bertolucci Nachschub braucht, findet ihn hier (leider fällt 2008 nicht in unsere „Retro- Zeitspanne“, sonst wäre mein erster Artikel sicherlich über „Il Divo“ geschrieben worden, Klammer
zu). Und damit sind wir auch schon am Ende. Wenn Dich, Du Leser, diese Zeilen neugierig gemacht haben, dann los, lass Dich verzaubern vom Konformisten. Wenn nicht, schau doch bitte trotzdem
„Il Divo“, denn der verdient ebenfalls ein größeres Publikum.

Und das Zitat des Filmes: Einkaufen sollte man nur als Frau, der Mann ist zum Bezahlen da.