Der Tollwütige (1977)

Originaltitel: “La belva col mitra”
Italien 1977
mit Helmut Berger, Marisa Mell, Richard Harrison, Marina Giordana…
Drehbuch: Sergio Grieco
Regie: Sergio Grieco
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 18 Jahren (Indiziert)

Der kaltblütige Mörder Nanni Vitali (Helmut Berger) kann mit drei Komplizen aus dem Gefängnis entkommen. Verfolgt vom recht glücklosen Kommissar Santini (Richard Harrison), der nur den Fahrer des Fluchtwagens erwischen kann, ziehen sie eine blutige Spur, die Passanten wie Polizisten betrifft. Vitali will sich an den Leuten rächen, die ihn ins Gefängnis gebracht haben. Santini ist machtlos, als der Verbrecher seine Schwester und seinen Vater entführt. Es kommt zum Showdown!

Heute widme ich mich einem Film, den ich schon lange sehen wollte. In diversen Portalen, die sich engagiert mit dem Genre-Film, besonders aus den europäischen Breitengraden, auseinandersetzen, taucht immer mal wieder dieser Titel auf: „Der Tollwütige“ (1977)! Der, als Exploitation-Granate gepriesene, Film war schwer zu bekommen, bis sich XCESS ENTERTAINMENT um eine angemessene Veröffentlichung bemühte und den Streifen in limitierten Mediabooks auf den Markt brachte. Dieser Umstand sorgte dafür, dass auch ich diese kleine filmische Lücke schließen konnte. Ob mich „Der Tollwütige“ am Ende wirklich vom symbolischen Hocker gehauen hat, erfahrt ihr Hier!

Das Genre des italienischen Polizei-Films, gerne auch „Poliziotteschi“ genannt, ist eine Filmgattung, die besonders schätze. Knallharte Cops, schöne italienische Schauplätze, reichlich Action und eine kompromisslose Grundeinstellung sind die Standardzutaten eines jeden echten Italo-Reißers dieser Sparte. Es gibt viele Machwerke, die eine Attitüde der selbstzweckhaften Gewalt besitzen und gerade deswegen bestens zu unterhalten vermögen. Besonders prägnant war für mich der Film „Der Berserker“ (1974) von Umberto Lenzi, in dem sich Tomas Milian mal so richtig ausleben konnte und als ruchloser Gangster Giulio Sacchi eine einzigartige Show ablieferte. Sergio Griecos „Der Tollwütige“ (1977), der drei Jahre später entstand und veröffentlicht wurde, schlägt in eine sehr ähnliche Kerbe. Auch hier ist der Antagonist die Hauptfigur. Lose auf dem Fall des Schwerverbrechers Renato Vallanzasca basierend, portraitiert Helmut Berger den Kriminellen Nanni Vitale, der mitsamt Komplizen aus dem Gefängnis entkommt und eine wüste Spur durch italienische Ländereien zieht, um die Personen zur Rechenschaft zu ziehen, die ihn erst dorthin gebracht haben. Dabei agiert Vitale kompromisslos und ohne den kleinsten Funken Skrupel. Als er Giuliana Caroli, die Freundin eines seiner Opfer, vergewaltigt und misshandelt, findet er Geschmack an der Dame und setzt sie unter Druck, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen, wenn sein Rachedurst gestillt ist. Allerdings ist ihm schon Commissario Santini auf den Fersen.

Schon jetzt kann ich bestätigen, was diverse Autoren vor mir getan haben. „Der Tollwütige“ (1977) ist ein klassischer Exploitationfilm, der Gewalt als Mittel zum Zweck gebraucht, um einen temporeichen Film zu rechtfertigen. Regisseur und Autor Sergio Grieco wollte hier keine Aufarbeitung eines realen Kriminalfalls verfilmen, sondern einen, mit allen Wassern gewaschenen, Gangster-Knaller abliefern, was ihm auch gelungen ist. Der Film schert sich nicht um große Exposition. Das Ganze beginnt direkt mit der Flucht aus dem Gefängnis und die Absichten von Nanni Vitale werden gleich klar gemacht. Alles was man wissen muss, erfährt man in den ersten Minuten. So kann Grieco unverblümt auf das Gaspedal drücken und Berger von der Leine lassen. Die Geschichte ist demnach nicht sonderlich komplex oder tiefgründig, sie bildet lediglich einen roten Faden zwischen ausufernden Szenen, in denen die Gewalt zelebriert wird. So halten Vitale und seine Komplizen nach ein paar Minuten an einer Tankstelle, lassen sich den Tank voll machen und schlagen erstmal den Besitzer und seinen Sohn halbtot, bevor sie die Kasse leer räumen. Warum? Weil sie es einfach können und absolut verachtenswerte Schweine sind. Dabei ist Helmut Berger der große Star dieses Films. Der einstige Visconti-Mime, der Shootingstar des europäischen Arthouse-Kinos, darf hier richtig aufdrehen. Als „tollwütiger“ Nanni Vitale darf Berger morden, vergewaltigen, prügeln und einfach böse sein. Dies macht die Schauspiellegende mit einer dermaßen beachtlichen Motivation, dass der Zuschauer förmlich in seinen Bann gezogen wird. Wie eine Naturgewalt wütet Berger durch diesen Film und sieht dabei immer blendend aus – zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht der aufgedunsene Alkoholiker, wie wir ihn heute kennen. Selbst wenn er Giuliana vergewaltigt hat und sie weiter terrorisiert, scheint sie ihn trotzdem irgendwie geil zu finden. So war das halt in den 70er Jahren. Da konnte man Frauen auch mal missbrauchen und es scheint sie nicht sonderlich in ihrer emotionalen Stabilität eingeschränkt zu haben. Der Rest des Films ist quasi eine kleine Hetzjagd, in der Santini versucht den entflohenen Gangster unschädlich zu machen, doch die meiste Zeit beschäftigen wir uns eben mit diesem Unhold, der vollends die Szenerie beherrscht. Dadurch fehlt dem Film eine Indentifikationsfigur, was sicher ganz gut getan hätte. Dafür bekommt der geneigte Fan feinsten 70er Sleaze geboten, wie aus dem Lehrbuch. Ein schwüle Atmosphäre, ausgewalzte Vergewaltigung, ein paar harte Morde und mit Kommissar Santini einen absoluten Klischee-Bullen, der mit Pornobalken, aufgeknöpftem Hemd, Goldkette und Sonnenbrille eher wie ein Zuhälter aus einem Puff in Köln-Kalk anno 1975 aussieht, als ein treuer Gesetzeshüter. Der Darsteller Richard Harrison, den man aus einigen billigen Ninja-Streifen kennt, erinnert optisch sehr an Maurizio Merli, dem die Rolle wahrscheinlich besser gestanden hätte. Merli war in den 70er quasi der Clint Eastwood des italienischen Polizei-Films. Er ist auch die große Schwachstelle in „Der Tollwütige“ (1977), da sein Schauspiel nicht sonderlich gut ist und er neben Berger einfach verpufft. So geht es eigentlich allen Figuren in diesem Film. Am ehesten Profil hinterlässt noch Marisa Mell, die als terrorisiertes Opfer eine gute Performance abliefert. Regisseur Segio Grieco inszeniert den Exploitationfilm derweil absolut geradlinig und hält sich nicht mit Exposition oder unnötigen Längen auf. Man konzentriert sich auf das Wesentliche und liefert Action und Gewalt. Dabei hat sich Grieco wohl bei seinem Kollegen Enzo G. Castellari bedient, denn auch hier bekommt man einige Zeitlupen-Sequenzen geboten. Die Musik von Umberto Smaila sorgt darüber hinaus noch für die richtige Stimmung und bleibt auch noch nach dem Film im Ohr.

Im Kino lief „Der Tollwütige“ nicht erfolgreich, und das, obwohl man sich eine gute Marketing-Kampagne überlegt hatte. Im Vorfeld ließen sich Helmut Berger und Marisa Mell für den PLAYBOY nackt ablichte, in jenem Bett, in dem Vitale Giuliana vergewaltigt. Die Fotos wurden zum Hit, der Film geriet in Vergessenheit, bis zum Jahr 1997. Quentin Tarantino zitierte „Der Tollwütige“ nämlich in seinem Film „Jackie Brown“. Dort sehen sich die Darsteller Samuel L. Jackson, Robert de Niro und Bridget Fonda den Streifen im Fernsehen an. Im Abspann zu „Jackie Brown“ dankte Tarantino Berger noch einmal für seine herausragende Darstellung. Seitdem gilt „Der Tollwütige“ (1977) als Geheimtipp, der allerdings schwer erhältlich war, besonders in Deutschland. Nun hat XCESS ENTERTAINMENT ein Mediabook mit drei verschiedenen Cover-Motiven auf den Markt gebracht, in dem der Film remastered auf Blu-Ray vorliegt. Diese bietet eine sehr gute Bild- und Tonqualität. Das Bild ist scharf und detailreich, hat aber immer noch einen etwas schmierigen Look, was dem Film sehr gut tut. Zudem bekommt man noch ein 16-seitiges Booklet, einen Audiokommentar von Marcus Stiglegger, ein kleines Interview mit Helmut Berger und Featurettes geboten, die das Paket sehr gut abrunden. Hier ist dem Label eine wunderbare Veröffentlichung gelungen, die einen gesuchten Exploitationklassiker wieder zu Tage fördert.

Sergio Griecos „Der Tollwütige“ (1977) gibt hundert Minuten Gas und präsentiert uns den ehemals schönsten Mann der Welt, Helmut Berger, als ruchlose Drecksau. Gewürzt mit Sleaze und Gewalt, mausert sich der Streifen zu schwer unterhaltsamen Terrorkino, welches man sich durchaus mal ansehen kann oder vielleicht auch sollte.

 

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