Desperado (1995)

Hätten die Bewohner des zwielichtigen mexikanischen Grenzstädtchens gewusst, was da in der flirrenden Hitze des Sommertages in Gestalt eines schwarzgekleideten Desperados über sie kommt, sie hätten die Fensterläden geschlossen und keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt. Denn der mysteriöse Fremde ist auf einem blutigen Rachefeldzug – der Drogenbaron Bucho erschoss seine Geliebte. Seitdem hat der dunkle Mariachi-Sänger die Gitarre in seinem Koffer gegen ein Arsenal großkalibrige Waffen getauscht. Nichts kann ihn aufhalten und jeder, der sich ihm in den Weg stellt, endet blutend im Straßenstaub.

 

Nachdem Regisseur Robert Rodriguez 1992 mit „El Mariachi“ sein Debüt feierte und der 7000 Dollar teure Independent-Film zahlreiche Preise einheimste, bekam Rodriguez die Möglichkeit mit mehr Budget eine größere Kinovariante seiner Outlaw-Legende zu inszenieren. Mit „Desperado“ schuf er einen feurigen Genre-Film, der an gute alte Zeiten erinnert, Vorbildern seine Reverenz erweist und sich derweil in blutigen Machismen suhlt, dabei aber immer augenzwinkernd bleibt.

Ein Fremder kommt in eine Bar und erzählt die blutige Geschichte eines gnadenlosen Revolverhelden. Mit gewollter Überzeichnung schürt er Unbehagen bei den zwielichtigen Gestalten, die die Legende des schießwütigen Gitarrenspielers mit leichtem Unwohlsein aufnehmen. Was wie die Eröffnung eines reißerischen Spaghetti-Westerns aus der Zeit der „Django“ Rip-Offs anmutet, läutet hier Robert Rodriguez‘ Mexploitation-Klassiker „Desperado“ ein. Das Remake/Sequel zu „El Mariachi“ markierte Rodriguez‘ Hollywood-Debüt, nachdem er mit dem Vorgänger schon den Independent Markt aufmischte. „Desperado“ kommt als klassisches Männerspektakel daher. Staub, Blut, große Knarren, heiße Chics und schwülstige Explosionen zieren diesen 90er Jahre Klassiker. Rodriguez orientiert sich klar an den brutalen Italo-Western der 60er Jahre und an die Hongkong-Action Spektakel des John Woo. Themen wie Rache, Liebe und Freundschaft, wie sie auch in den Woo’schen Bleiorgien stattfanden, werden hier nur angerissen, denn bei Robert Rodriguez haben Sentimentalitäten keinen Platz. Auch die Werke des Sam Peckinpah, vor allem „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“, haben hier ihren Einfluss. In „Desperado“ ist es rau, staubig und die fiebrige Hitze dieser mexikanischen Kleinstadt überträgt sich direkt auf den Zuschauer. Wie schon angedeutet will Rodriguez hier niemanden „berühren“, hier geht es um den Spaß. Viele Szenen wirken wie aus einem Comic, so überzeichnet kommen sie daher. Auch werden viele Szenen mit einer guten Portion schwarzem Humor unterfüttert, was dem Geschehen durchaus gut tut. Der Regisseur begeistert derweil mit seinem pointierten Schnitt, denn Rodriguez hat ein Händchen für gute Action-Sequenzen, da auch in diesen Platz für Komik ist. Generell gehört er eher zu den „Style over Substance“-Typen, was auch am Drehbuch spürbar ist. Die Story ist nicht der große Bringer und in ihren Klischees so abgedroschen, wie die alten Italo-Reißer, so behäbig kommt vieles teilweise daher. Aber dies ist gar nicht die Intention des Regisseurs. Hier wird einfach 100 Minuten over-the-top Unterhaltung geboten. Da kann man auch mal Spannungsbögen außer Acht lassen. Hier geht es um die Coolness, quasi genau so cool sein, wie die Vorbilder. Dieses Unterfangen kann man als geglückt bezeichnen. Szenen wie die Schießerei in der Bar oder die Finalschlacht machen ordentlich was her.

Auch in Bezug auf die Darsteller gibt ordentlich was geboten. Antonio Banderas spielt nicht den El Mariachi, er lebt ihn! Leichtfüßig, mit dem Temperament eines Stierkämpfers, tänzelt er schon fast durch die Szenerie und verharrt in coolen Posen. Hier kann man von Idealbesetzung sprechen, denn Banderas hat sichtlich Spaß daran, den legendenumwobenen Pistolero zu mimen. Salma Hayek indes gibt mit ordentlich Sexappeal den weiblichen Part, bei der Sexszene bekomme ich heute noch diverse Gefühle! Auch Joaquim de Almeida gibt den bösen Drogenbaron mit Leidenschaft. Der Rest der Besetzung ist ein schönes Aufgebot an coolen Gesichtern, von Steve Buscemi über Cheech Marin bis zu dem späteren „Machete“-Star Danny Trejo. Auch Rodriguez‘ Busenkumpel Quentin Tarantino hat einen Auftritt als Drogenkurier, welchen er mit einem durchaus gelungenen Witz ausstattet, den er sich wahrscheinlich selbst ausgedacht hat. Ordentlich feurig kommt auch der Soundtrack der Band „Los Lobos“ daher. Mit mexikanischen Klängen und ordentlich Tex-Mex Rock untermalt der Score perfekt den Film.  „Desperado“ war erfolgreich und verschaffte Robert Rodriguez Ansehen in Hollywood, denn von dort an holte er immer wieder große Stars in seine Projekte und schuf mit „From Dusk Till Dawn“ und „Sin City“ weitere Kultfilme. Auch Die Mariachi-Thematik, bekam mit „Irgendwann In Mexico“ im Jahr 2003 einen dritten Teil spendiert. Nichts desto trotz gehört „Desperado“ für mich zu seinen coolsten Werken, die ich mir immer wieder gerne Ansehe.

Robert Rodriguez‘ schwülstige Rache-Fantasie „Desperado“ unterhält auf ganzer Linie. Mit guter Besetzung, einem genialen Hauptdarsteller, brachialer Action, etwas Humor und heißem Latino-Flair schuf er eine augenzwinkernde, Spaß bringende Genre-Hommage an klassisches, dreckiges Männerkino. Obwohl diese teilweise bessere Drehbücher hatten, kann man „Desperado“ seinen Fun-Faktor nicht absprechen. Kopf aus und Vollgas, Hombre!