Die Klapperschlange (1981)

Inhalt:

Im Jahr 1997 ist wegen der hohen Kriminalitätsrate die Insel Manhattan zu einem gigantischen Hochsicherheitsgefängnis geworden, in dem die Gefangenen sich selbst überlassen werden. Es wird lediglich Nahrung abgeworfen, Flucht ist unmöglich. Da stürzt die Air Force One mit dem Präsidenten (Donald Pleasence) über der Insel ab, im Gepäck eine Kassette, deren Inhalt einen Weltkrieg verhindern kann. Daraufhin bietet der Polizeichef (Lee van Cleef) dem frisch verhafteten Ex-Soldaten Snake Plissken (Kurt Russell) einen Deal an: den Präsidenten und das Tape zu retten, um seine Freiheit wiederzugewinnen. Damit er auch spurt, pflanzt man ihm ein paar Miniaturzeitbomben in die Halsschlagadern und schickt ihn mit einem Segelflieger und knapp 23 Stunden Zeit in die Hölle von Manhattan. Denn inzwischen gilt ein Leben auf der Insel nichts mehr und auch die Insassen haben inzwischen die Bedeutung ihres Gefangenen bemerkt.

Filmisches Feedack:

Der Prototyp des urbanen Endzeitthrillers

John Carpenter ist ein Phänomen. Trotz seiner immensen Bandbreite am filmischen Oeuvre schaffte er es mit 5 Filmen verschiedene Genres zu revolutionieren. Einer davon ist dieser grandios-einfache Endzeitthriller, der der Filmgeschichte eine der prägnantesten Figuren präsentierte die bis heute nichts an ihrer Wirkungskraft verloren hat: Snake Plissken. Kongenial wortkarg und dafür physisch eindrucksvoll dargestellt von Kurt Russell. Carpenter ist ein Chronist der amerikanischen Kultur und Gesellschaft und gleichzeitig ein Zeitzeuge der es schafft aktuelle Bezüge der damaligen Zeit (und auch noch heute vergleichbar) in das Korsett einen phantastischen Films zu zwängen. Somit erreicht er viele Leute.

Hier seien nur einige erwähnt. DARK STAR seine 2001-Parodie wurde anlässlich der Mondlandung geplant, ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT  (sein weit unterschätztes Meisterwerk, und ich benutze dieses Wort sehr ungern) spiegelt die Gewalt, Überfälle und Vergewaltigungen der ersten Hälfte der 70er Jahre wieder, HALLOWEEN  bezieht sich auf die Debatte um Pornografie in den 70ern, ELVIS  bezieht sich auf den amerikanischen Aufstiegsmythos, THE FOG  dient als Versinnbildlichung der Amerikaner an der Vernichtung der indianischen Ureinwohner, DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT  hat als einer der ersten Filme die Aids-Thematik intus, DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT  nimmt Bezug auf die neuen Sektenglauben die in den 80ern aufkamen und eben dieser Film. Was unterscheidet DIE KLAPPERSCHLANGE  von anderen seiner Werke?

Wie kein anderes denunziert es den damaligen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan und seine Politik. Wie würde Amerika unter ihn aussehen? So oder so ähnlich wie das Manhattan in diesem Film. So ganz unrecht hatte er nicht dabei. Carpenter schuf mit diesem Film den Prototyp des Dark-Future Films der Anfang der 80er Jahre aufkam und in Filmen wie THE TERMINATOR,  ROBOCOP  oder MAD MAX fortgeführt wurde. Er zeigt eine Welt die sich selbst zerfleischt, wo jeder sich selbst überlassen ist und wo die alte, ethisch reine Welt verloren ist oder nur eine Randerscheinung (hier versinnbildlich durch den von Ernest Borgnine verkörperten Taxifahrer). Alles in dieser Welt scheint verloren, der Präsident machtlos, die Menschen nur leblose Gestalten die gehorchen und um zu überleben auf Menschenjagd gehen. Was für eine verlorene Welt in der wir uns befinden.

Gibt es einen Ausweg? Carpenter zeigt nicht wirklich einen. Er hinterlässt einen bitteren, depressiven Beigeschmack. Selbst der Held, der hier eher das Gegenteil ist, der Antiheld, bietet auch nur als Lösung die komplette Vernichtung der Menschen (wie unschwer am Ende erkennbar). Carpenters Stil in dieser Phase ist als minimalistisch einzustufen. Die Kamera (sein genialer Stammkameramann damals war Dean Cundey. Als er wegging verlorenen die Filme auch ihren visuellen Reiz) zeigt vieles im Dunkeln und beschönigt nichts, die Effekte sind wenn überhaupt vorhanden sehr spärlich gesetzt um die Trostlosigkeit zu unterstreichen. Die Musik ist so metallisch-instrumental wie möglich um das „kalte Herz“ der Stadt, der Welt zu zeigen.

Carpenter vernichtet hier den guten Ausgang vieler Geschichten und schuf eine Dystopie die bis heute fasziniert. Unverkennbar hat Christopher Nolan seinen Film THE DARK KNIGHT RISES an die Grundgeschichte dieses Films angelehnt (die Stadt als Gefängnis. Auch inhaltliche Parallelen sind erkennbar). Carpenter hat mit einem immensen Staraufgebot der Extraklasse einen Film geschaffen; der den Menschen eine Warnung sein soll. Deswegen gibt es auch kein Happy End. Nur wir können aktiv was verändern. Sonst ist eben alles aus.

Retro-Fakten:

  • Während Plissken mit dem Segelflugzeug über Manhattan einschwebt, sieht er auf seinem Monitor eine computergenerierte Sicht auf die Stadt in Drahtgitterdarstellung, d. h. man sieht die Kanten der Häuser als dünne Linien. Als der Film gedreht wurde, war allerdings ein Computer, der derartiges darstellen konnte, noch sehr teuer. Deshalb drehte man die Szene, indem man ein Modell von Manhattan errichtete und dann alle Häuser schwarz anmalte und mit weißen Kanten versah. Dies wurde dann bei entsprechender Beleuchtung gefilmt und sah täuschend echt aus.
  • Man sieht Plissken oft im Schein flackernder Feuer, die sich auf seinem Gesicht widerspiegeln, durch die Nacht gehen. Dieser Effekt wurde dadurch erzielt, dass man die Stärke des Flackerns eines Feuers aufzeichnete und dann mit dem Verlauf dieser Stärke einen Scheinwerfer ansteuerte, sodass dieser mit der gleichen unregelmäßigen Frequenz flackerte.
  • Die Szene, in der Maggie tot auf der Brücke gezeigt wurde, ist in der Garage von John Carpenter gedreht worden. Man hatte vergessen die Einstellung in den Studios zu drehen. Adrienne Barbeau war damals die Ehefrau von John Carpenter.
  • Die Waffen der Wachen sind Gewehre vom Typ M16. Allerdings mit abmontiertem Vorderschaft.
  • Eine Gefängnisstadt, in der die Insassen sich selbst überlassen sind, gibt es wirklich: Das Palmasola in Bolivien. Sehr ähnlich dem Film wird diese Stadt von Bandenbossen regiert. Dort gibt es zwar Ordnungshüter, das sind aber Gewalttäter, die dort selbst ihre Haftstrafe verbüßen.
  • Die deutsche Übersetzung des Filmtitels „Die Klapperschlange“ ist fehlerhaft: Snakes Tätowierung ist eindeutig eine Kobra, keine Klapperschlange. 
  • [amazon_link asins=’B01IGSOFF8′ template=’ProductCarousel’ store=’retrofilmbl07-21′ marketplace=’DE’ link_id=’92fed4ef-491e-11e7-95fd-99e54254befc’]