Die Klasse von 1984 (1982)

Originaltitel: “Class of 1984”
Kanada 1982
mit Perry King, Timothy Van Patten, Roddy McDowall, Michael J. Fox…
Drehbuch: Mark L. Lester, John C.W. Saxton, Tom Holland
Regie: Mark L. Lester
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 18 Jahren

Musiklehrer Andrew Norris (Perry King) tritt seinen Unterricht an der Abraham-Lincoln-Highschool an, an der Raubüberfälle, Drogenhandel und Waffenschmuggel an der Tagesordnung sind. Der sechzehnjährige Stegman (Timothy Van Patten) und seine fünfköpfige Punk-Bande regieren die Schule. Als ein Schüler an Drogen stirbt, will Norris Stegman das Handwerk legen. Es entsteht eine Spirale der Gewalt!

„Diese Jugend!“, pflegte meine Großmutter, Gott hab sie Seelig, immer zu sagen. In gewissen Dingen mag sie recht gehabt haben. Der moralische Verfall findet statt, wenn auch nicht so extrem wie in Mark L. Lesters „Die Klasse von 1984“ (1982). Der kultige Gang Film versucht sich mehr schlecht als recht an konservativer Sozialkritik, macht aber als ruppiges Exploitationspektakel eine durchaus gute Figur.

Das – ich nenne es mal so – „Crime in School“-Genre ist nicht neu, war es auch 1982 nicht. Bereits 1955 erschien mit „Die Saat der Gewalt“ der Prototyp für Filme, in denen die Schule zum gewalttätigen Schauplatz mutiert. In den 80ern und 90ern fand diese Art von Film ihren, vorläufigen, Höhepunkt. Egal ob „The Prinzipal“ (1987), mit James Belushi, oder „Mörderischer Tausch“ (1996), mit Action-Recke Tom Berenger, oder auch „Dangerous Minds (1995), die eher idealistische Variante des „Lehrer gegen Schüler“-Prinzips, sie alle beschäftigen sich mit dem moralischen Verfall an amerikanischen Schulen und nutzen diese Prämisse für die Weiterentwicklung in das jeweils anvisierte Genre. Die Initialzündung stellt dabei ganz klar „Die Klasse von 1984“ dar. Der Film verfolgt dabei das klassische Grundgerüst eines handelsüblichen School-Thrillers. Nachdem uns eine Texttafel über den moralischen Verfall und die steigende Anzahl von Gewalttaten an amerikanischen Schulen informiert hat, lernen wir unseren Protagonisten kennen, Mr. Norris – Nein, Chuck Norris räumt hier nicht an einer Schule auf. Der gute Andy, so sein Vorname, ist Musiklehrer und ein ganz idealistisches Kerlchen und tritt seine Stelle an einer neuen Schule an, deren Namen ich vergessen habe. Und prompt serviert uns der Streifen die Zustände im heiligen Bildungsinstitut. Sicherheitsbeamte, verschmierte Wände, verängstigte Lehrer und viel Gewalt, also fast schon anarchistische Züge. Kurz darauf lernen wir die Gegenseite kennen, nämlich die Gang, angeführt von Peter Stegman, die einen der wohl asozialsten Haufen darstellen, den man sich so vorstellen kann und mit dem man nicht mal in derselben Stadt leben möchte. Sie dealen mit Drogen, lassen Minderjährige für sich anschaffen und schrecken vor keiner Gewalttat zurück. Das steht ganz im Kontrast zum Lehrer, der äußerst diplomatisch vorgeht und an die Jugend appelliert. Der Rest der Handlung lässt sich erahnen. Beide Fronten verhärten sich und es entsteht eine Gewaltspirale, in der Mr. Norris selbst aktiv werden muss, um den verbrecherischen Schülern habhaft zu werden, da ja Kollegen und Polizei nicht im Stande sind, etwas in dieser Form zu leisten. „Die Klasse von 1984“ macht von der ersten Minute an klar, dass es sich hier um einen sehr konservativen Film handelt, der sich fröhlich bei diversen Figurenklischees bedient. Der Lehrer ist ein wahrer Gutmensch, will nur das Beste für seine Schüler und ist äußerst aufrichtig. Als Kirsche obendrauf hat er auch noch eine schwangere Frau zuhause, die ihn bedingungslos anhimmelt. Dem gegenüber stehen unsere Baddies. Die Gruppe um Peter Stegman wird als wilde, psychopatische Punk-Gang dargestellt, obwohl sie nur so zu tun scheinen als wären sie der Punk-Szene entsprungen, denn mit Punk hat das nicht viel zu tun aber so haben sich konservative Autoren eben jene Leute vorgestellt. Solche Individuen sind natürlich schlecht und böse, weswegen man sie stoppen muss. Und weil man, zumindest in den Köpfen der Verantwortlichen, Gewalt nur mit Gewalt bekämpfen kann, darf auch unser Lehrer gegen Ende ordentlich ausrasten. Das ist auch der einzige Kritikpunkt, den man dem Film anlasten kann.

„Die Klasse von 1984“ ist reichlich doofe Sozialkritik. Selbst Mr. Norris ist, obwohl er ein gutes Herz hat, ein ziemlicher Lappen. Auch sein Kollege, gespielt von Roddy McDowell, ist eine Wurst. Ganz ehrlich, mit solchen Lehrern haben wir früher auch unsere Späße gemacht. An Norris‘ Figur haften aber die größten Probleme, da er keine Ecken und Kanten hat, bis er auf einmal selbst gewalttätig wird. Wenn nach einem langen „Wie du mir, so ich dir“-Prozedere, die Gang Norris‘ Frau vergewaltigt und entführt wird es persönlich und der smarte Lehrer wird zum Berserker. Dann werden Menschen verstümmelt und angezündet, weil Gewalt muss man mit Gewalt bekämpfen. Moral und Einfühlungsvermögen helfen nicht viel, wenn es um das Überleben geht, sind alle Mittel recht. Die Gang gibt dabei die Vorlage, da sie sämtliche Straftaten begehen, die man sich nur vorstellen kann. Auf dieser kritischen Ebene versagt der Film, da er jedes Klischee bedient und das Drehbuch von Tom Holland („Child’s Play“, „Fright Night“) zu platt ist, um ernst genommen werden zu können. Der Film wird immer dann gut, wenn er in die Exploitation-Schiene geht und richtig schön asozial sein darf. Auch wenn der Drogen-Missbrauch, mit anschließendem Schülertot, wirkt, als stamme er aus einem Anti-Rauschgift Spot aus den 70ern, machen die restlichen Elemente große Freude. Verantwortlich hierfür ist definitiv Mark L. Lester, eine verlässliche Größe im Genre-Kino, der uns schon mit Filmen wie „Phantom Kommando“ (1985) und „Showdown in Little Tokyo“ (1991) beglückt hat. Lester zieht alle Register und setzt seine Baddies schön wiederwertig in Szene, packt etwas Sleaze dazu und darf gegen Ende richtig aufdrehen. Wenn Mr. Norris zum erbarmungslosen Rache-Engel wird, dann ist das zwar recht reaktionär aber es rockt nunmal. Auch kreiert Lester spannende Momente, wie zum Beispiel die Szene in der Roddy McDowell, kurz vorm Nervenzusammenbruch, seine Schüler mit geladener Pistole zwingt, Fragen aus der Biologie zu beantworten. Es sind die kleinen Momente, die „Die Klasse von 1984“ etwas über den Durchschnitt heben. Die Inszenierung ist durchaus solide und hat keine auffälligen Mängel. Auch die Darsteller tun ihr Bestes, auch wenn Perry King in seiner Rolle als Mr. Norris relativ glatt und farblos daher kommt. Timothy van Patten gibt da eine weitaus charismatischere Vorstellung ab und darf als Peter Stegman ordentlich aufs Gas treten. Auch Roddy McDowell weiß zu gefallen, nicht nur weil ihm eine der besten Szenen gehört, sondern weil er als gebrochener Lehrer eine durchgängig gute Figur macht. In einer Nebenrolle ist übrigens noch Michael J. Fox zu sehen, mit noch etwas mehr Hüftspeck. Der Score stammt von Lalo Schifrin und trägt viel zur Atmosphäre bei. Gerade zum Ende wird die Musik sehr spannungsvoll und entfaltet ihre Wirkung. Den Titelsong, gesungen von Alice Cooper, kann man dagegen in die Tonne treten. In Deutschlang war der Streifen bis vor kurzem noch indiziert, steht aber jetzt mit einer Freigabe ab 18 Jahren in den Kaufhäusern. Die Blu-Ray von CMV bietet neben der Unrated-Verison noch hübsches Bonusmaterial und überzeugt durch saubere Bild-und Ton Qualität, sehr empfehlenswert.

Mark L. Lesters „Die Klasse von 1984“ ist eine lausige Sozialkritik, die sehr konservativen Hirnen entsprungen zu sein scheint. Zu klischeebehaftet und zu unfokussiert, stellt der Streifen seine reaktionäre Gesinnung zur Schau. Wer allerdings auf ruppige Exploitationkost steht, wie ich zum Beispiel, der bekommt mit dem School-Reißer einen würdigen Vertreter geboten, der neben Gewalt auch etwas Sleaze und Rape and Revenge-Motive zu bieten hat und dabei immer schön asozial ist.