Die Mächte des Wahnsinns (1994)

Der Versicherungsdetektiv John Trent wird von einem Verleger beauftragt, den verschwundenen Kult-Horror-Autor Sutter Cane und dessen neustes, bisher unveröffentlichtes Werk “Die Mächte des Wahnsinns” zu finden. Canes Bücher sind dafür bekannt, ihre Leser regelrecht um den Verstand zu bringen, doch Trent nimmt dies nicht für voll. Die Reise zum vermuteten Aufenthaltsort Canes wird für ihn zu einem wahrhaften Albtraum, in dem die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion immer schwieriger wird.

John Carpenter gehört definitiv zu den Koryphäen des Horror-Genres. Mit Filmen, wie „Halloween“ oder „The Thing“ schuf der Filmemacher Meilensteine, die heute anerkannte Klassiker sind. Auch mit „Die Klapperschlange“ oder „Big Trouble in little China“ inszenierte Carpenter Genre-Filme, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Allerdings konnte er nach seiner goldenen Zeit in den 80er Jahren nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Alle seine Werke aus den 90ern ernteten zwiespältige Rezeptionen. Sein 1994 gedrehter Film „In the Mouth of Madness“, zu Deutsch „Die Mächte des Wahnsinns“ ist da ein Paradebeispiel. Für viele ist der surreale Horror-Trip eine verpasste Chance, für andere ein zu Unrecht geschundenes Meisterwerk. Nach meiner Meinung ist er eine Mischung aus beidem!

„Die Mächte des Wahnsinns“ bildet das letzte Stück in John Carpenters, sogenannter, Trilogie der Apokalypse, welche 1982 mit „The Thing“ ihren Anfang nahm. Die lose und rein thematisch zusammenhängende Trilogie wurde dann schließlich 1987 mit „Die Fürsten der Dunkelheit“ fortgesetzt. In allen drei Werken behandelt Carpenter das pure Böse, welches versucht die Erde zu bewandern und die Menschheit auszulöschen. Während das Böse in „The Thing“ in Gestalt eines außerirdischen Wesens sein Unwesen treibt, wird es in „Die Fürsten der Dunkelheit“ schon als eine Art Macht dargestellt, die versucht aus einer Kirche auszubrechen. So ähnlich verfährt Carpenter im vorliegenden Film. Das Böse ist gebannt in einem Buch und macht die Leser wahnsinnig, verwandelt sie in blutrünstige Irre, die ihren menschlichen Verstand verloren haben. Hier schafft es Carpenter, wie auch beim Vorgänger eine atmosphärische Dichte heraufzubeschwören, ein Unbehagen, welches der Zuschauer in jeder Sekunde spüren kann, jedoch verzettelt sich der Kult-Regisseur teilweise und so kann auch der dritte Teil der „Trilogie“ nicht mit seinem Meisterwerk aus dem Jahr 1982 mithalten. Dabei lässt sich der Film ganz gut an. Die erste Hälfte des Films ist gut getrickst und inszeniert, sie macht den Betrachter neugierig und zieht ihn in das Geschehen hinein. Die Schocker sitzen und der Grusel kann sich entfalten. Hier zeigt Carpenter wieder einmal sein Können, Stimmung durch Bild, Ton und pointierten Schnitt zu erzeugen. Es gibt viele surreale Momente, die aber noch dezent bleiben. Wie schon bei „Die Fürsten der Dunkelheit“ geschehen seltsame und grausige Dinge um den Protagonisten herum. Auch ein Vergleich mit „Sie Leben“ lässt sich nicht abstreiten, denn auch dort ist es das Umfeld eines klaren Protagonisten, was für Unbehagen sorgt, ein beliebtes Motiv im Oeuvre Carpenters. Jedoch verzettelt sich der Kult-Regisseur in der zweiten Hälfte, denn hier treibt er den Surrealismus, Horror und den Zweifel am menschlichen Verstand auf die Spitze. Hier wird der Film unübersichtlich, mehrere Dinge werden verkompliziert und lassen den Zuschauer zum Teil mit ein paar Fragezeichen zurück. Klar es ist ja auch irgendwo Fantasy, jedoch hatte ich meine Schwierigkeiten dem Geschehen eine Ordnung zu geben.

Auch visuell bleibt er hinter seinen Erwartungen zurück. John Carpenter ist dann gut, wenn er das Grauen dezent im Hintergrund hält und es irgendwann explodieren lässt, hier schwelgt er, in der zweiten Hälfte, fast ausschließlich in Explosionen, was den Zuschauer auf lange Sicht überfordert oder gar auch langweilt. Natürlich ist seine Konsumkritik ehrenwert, Menschen konsumieren Medien und verlieren ihre eigene Identität mit Übergang zum Fanatismus. Jedoch bleibt das Alles etwas schwammig und wird nicht genügend ausgearbeitet. Hier ist er klar über das Ziel hinausgeschossen und ich hätte mir das alles etwas minimalistischer gewünscht. Trotz allem ist seine Inszenierung um jeden Zweifel erhaben und auch die Effekte können sich sehen lassen, obwohl auch ein paar etwas günstig wirken. 14 Millionen Dollar Budget sind halt da etwas wenig. Das Drehbuch von Michael de Luca hat einige Lücken und setzt sich in den Kontrast zur Visualisierung Carpenters, was den Film etwas unausgegoren macht. Vielleicht hätte John dort selbst noch einmal Hand anlegen müssen. Ein Darsteller gibt sich trotz allem sichtlich Mühe. Sam Neill geht voll in seiner Rolle auf und spielt mit viel Leidenschaft, man nimmt ihm den Wahnsinn förmlich ab. Julie Carmen bleibt in ihrer Rolle als Begleiterin eher blass und lässt den Zuschauer etwas kalt. Auch Deutschland-Export Jürgen Prochnow, quasi der Christoph Waltz der 80er und 90er, wenn es um Bösewichte geht, bleibt etwas farblos und austauschar und sieht auch etwas lächerlich aus. Der Gastauftritt von Charlton Heston ist derweil ganz nett, aber auch nicht der Rede wert. Der Rede wert ist sicherlich der Soundtrack. Dieser bildet einen Kontrast zu Carpenters früheren Werken, bei denen er auf stimmungsvolle und minimalistische Synthesizer-Sounds setzte. In „Die Mächte des Wahnsinns“ wird es ungewohnt rockig. Schon das Theme in den Credits glänzt durch druckvolle Drums und heulende E-Gitarren. Zwar kommen auch die Synthis zum Einsatz, jedoch wirken die Hard Rock Elemente erfrischend und gestalten sich als guter Score für einen Horror-Film wie diesen.

„Die Mächte des Wahnsinns“ ist ein zweischneidiges Schwert. Die erste Hälfte ist gewohnt Carpenter, mit viel dezentem Horror, guten Ideen und ordentlich Spannung, während die zweite Hälfte durch ihr Effekte-Inferno und den Over-The-Top Surrealismus etwas abfällt. Trotz allem ist ihm ein interessanter Schocker gelungen, der nicht so schlecht ist, wie er damals betitelt wurde. Auch wenn die 90er nicht seine Glanzdekade war, ist Carpenter hier wohl sein bester und dichtester Film, dieser Zeit gelungen.