Die Mörderklinik (1966)

Retro-Film Giallo Series Vol.2

“Die Mörderklinik”
Italien/Frankreich 1966
mit William Berger, Francoise Prévost, Mary Young
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Luciano Martino
Regie: Elio Scardamaglia, Lionello De Felice
Länge: 90 Minuten
FSK: Ungeprüft

In einer einsam gelegenen Irrenanstalt geht ein Mörder um, getarnt mit einer großen Kapuze und bewaffnet mit einem Rasiermesser. Eine Krankenschwester (Barbara Wilson), die gerade erst neu zum Personal dazugestoßen ist, beginnt zu zweifeln, wem sie trauen kann. Und eine hinterhältige Frau (Francoise Prévost), die vom leitenden Arzt (William Berger) aufgrund eines Unfalls für einige Nächte als Gast ins Hospital eingeladen wurde, weiß mehr als gut für sie ist.

Da wären wir wieder, ihr Gelbsüchtigen! Mit „Blutige Seide“ (1964) haben wir letzte Woche den Einstieg in das Giallo-Genre gewagt und heute legen wir, dem Rhythmus gemäß, nach. Und weil es ja langweilig wäre, direkt mit Argento und Konsorten weiterzumachen, befassen wir uns heute mit einem eher unbekannteren Titel, der nicht nur vor dem Boom der Gialli das Licht der Welt erblickte, sondern der auch erst im Jahr 2015 seine Premiere auf DVD und Blu-Ray feierte. Elio Scardamaglias „Die Mörderklinik“, aus dem Jahr 1966, ist kein typischer Giallo. Er greift zwar Motive auf, ist aber eine ansprechend inszenierte Schauergeschichte, die gekonnt Elemente von Edgar Alan Poe, als auch der berühmten „Hammer-Filme“ aufgreift.

1966 war steckte der Giallo noch in den Kinderschuhen. Mario Bava hatte zwar mit „Blutige Seide“ zwei Jahre zuvor, quasi die Blaupause bereits geschaffen, jedoch erfreuten sich andere Genres zu dieser Zeit etwas mehr Popularität, wie etwa der Italo-Western. So kam es, dass sich diverse Genre-Routiniers zusammentaten und etwas neues, beziehungsweise anderes, zu versuchen wagten. Die Produzenten Elio Scardamaglias, der hier seinen einzigen Ausflug ins Gialloeske wagte und sonst für Sandalenfilme und Western, wie „Arizona Colt“ (1966) verantwortlich war, und Luciano Martino, Bruder vom guten Sergio und Produzent dessen Erfolgswerke im gelben Reigen, wagten hier neues Terrain. Auch Drehbuchautor Ernesto Gastaldi, der zuvor den Western „Sartana“ (1966) schrieb, betrat Neuland. Nach einem Roman von Robert Williams erarbeitete er ein Skript, welches in dieser Form ein Novum im späteren italienischen Psycho-Thriller darstellt. Erstmal spielt der Film nicht in Italien, obwohl er in Rom gedreht wurde, sondern im schaurigen England des 19. Jahrhunderts. Wir befinden uns in einer abgelegenen Irrenanstalt, die von niemandem geringeren als Dr. William Berger geleitet wird, was schon mal ein Grund ist, sich dort nicht behandeln zu lassen. Schon in den ersten Filmminuten begegnen wir unserem vermummten Rasiermessermörder, der aussieht, als wäre er aus „Die blaue Hand“ (1967) entsprungen. Nachdem dieser sein erstes weibliches Opfer gefordert hat, lernen wir Krankenschwester Mary kennen, die sich auf Schloss Moorley einen neuen Job gesichert hat. Schon bald merkt die junge Dame, dass es in dem Gemäuer nicht mit rechten Dingen zugeht und vor allem die obere Etage ein Geheimnis birgt. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht erklären, da ich dem ein oder anderen eventuell etwas vom Filmgenuss nehmen könnte. Wie schon erwähnt, benutzt „Die Mörderklinik“ verfrühte Giallo-Elemente, wobei die Morde an sich eher im Hintergrund angesiedelt sind. Im Fokus stehen die Figuren, ihre Beziehungen zueinander, ihre Persönlichkeiten und ihre Motivationen. So sind die Charaktere sehr ambivalent gezeichnet und folgen nicht den gängigen Stereotypen, die sonst in Genre-Filmen zu finden sind. So ist auch die Auflösung und die dazu gehörige Vorgeschichte durchaus interessant gestaltet, sowie für den Zuschauer überraschend. Das heißt nicht, dass sie sonderlich komplex wäre, jedoch erwartet man sie in dieser Form nicht. Die Figuren funktionieren einfach und machen einen gewissen Reiz aus. Die eigentliche Mörder-Story läuft nebenbei ab und der Film stellt gar nicht so wirklich die Frage, wer sich nun unter der Kapuze befindet, sondern legt hier und da mal einen Köder für den Betrachter aus, ohne zu konstruiert zu wirken. Auch die Storyline um eine Hauttransplantation findet nebenbei statt, was dem Zuschauer viele Möglichkeiten eröffnet die Geschichte zu deuten. Der Film spielt gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers, was durch ein recht gutes Drehbuch verstärkt wird.

Zudem punktet der Thriller durch seine Atmosphäre. Er birgt eine wunderschöne Schauerromantik, was schon durch das Setting transportiert wird. Dunkle Wälder, ein großes Anwesen, Gemälde, flackerndes Kerzenlicht und die dazugehörige Ausstattung der Kostüme. Der Film fängt das englische Flair durchaus gut ein und erinnert in der Inszenierung an die Optik der britischen „Hammer“-Filme. Auch Elemente aus den Werken von Edgar Alan Poe finden sich wieder. Wenn „Die Mörderklinik“ damit werben würde, auf einer Geschichte eben jenen Autors zu basieren, würde ich das zu keiner Sekunde anzweifeln. Elio Scardamaglias Arbeit an dem Film wird heute angezweifelt, denn wenn man Autor Gastaldi Glauben schenkt, wurde der Großteil von Lionello De Felice inszeniert, der aber das Projekt vor Vollendung verließ und daraufhin Scardamaglia einsprang und noch fehlende Szenen drehte. Egal wer jetzt mehr geleistet hat, die Inszenierung ist sehr stimmig. Die Kamera fängt sehr gut die dunklen Korridore und verwinkelten Räume ein, so dass ein wunderbares Gefühl der Unbehaglichkeit erzeugt wird. Ohne große Spielereien bleibt der Film dadurch sehr klassisch, was wunderbar zum Ambiente passt. Auch der Score von niemand geringerem als Francesco De Masi spiegelt dieses Flair wieder. Klassische Streicher-Musik mit leicht schaurigen Tönen und tiefen Bässen sogen für die nötige Gänsehaut. Auch die Darsteller verleihen ihren Charakteren die nötige Präsenz. Allen voran William Berger als leitender Arzt spielt wunderbar ambivalent. Auch Mary Young und Barbara Wilson wissen ihren Rollen zu überzeugen und Francoise Prévost spielt wunderbar auf, weshalb ihre „Ende“ durchaus überraschend sein dürfte. Gorehounds dürften etwas enttäuscht sein, da der Film eher unblutig ist, was aber dem Filmgenuss keinen Abbruch tut. Im Jahr 2015 erschien „Die Mörderklinik“, der auch damals unter dem Titel „Das Monster auf Schloß Moorley“ bekannt war im feinen DVD/Blu-Ray Kombo-Pack von „filmArt“ im Rahmen ihrer Giallo Edition unter der Nummer 7. Man hat sich wieder viel Mühe gegeben und das Bestmögliche herausgeholt. Klar es gibt bessere Referenzprodukte, was Bild und Ton angeht, jedoch war zu diesem Film nicht mehr viel gutes Material zu finden, washalb man „filmArt“ trotzdem loben kann, dass Beste daraus gemacht zu haben.

„Die Mörderklinik“ (1966) ist ein historischer Grusler, der schon früh gewisse Stilmittel des Giallo aufgreift, sie aber nicht vordergründig in Szene setzt. Ein atmosphärisches Historien-Stück, welches mit guten Figuren und einer ambivalenten Erzählung punktet und zugleich durch seine Gothic Elemente bestechen kann. Kein typischer Genre-Reißer aber auf jeden Fall eine Sichtung wert.