Die weiße Spinne (1963)

Deutschland 1963
mit Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Horst Frank…
Drehbuch: Egon Eis
Regie: Harald Reinl
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Die Leiche ist völlig verbrannt. Nur anhand eines Talismans, einer weißen Spinne, kann Muriel Irvine (Karin Dor) den Toten als ihren Mann identifizieren. Bei den Opfern weiterer “Unfälle” werden ebenfalls Spinnenanhänger entdeckt. Scotland Yard holt Inspektor Conway (Joachim Fuchsberger) zu Hilfe, um die Hintergründe aufzudecken. Die Spur führt in den zwielichtigen Spielklub “Klub 55”, in dem der tote Irvine sein ganzes Vermögen verspielt hat.

Der deutsche Kriminalfilm der 60er Jahre ist ein wahrer Pool an Filmen. Kein anderes Genre, zog in dieser Dekade mehr Besucher in die Kinos, als die reißerischen London-Krimis, ok, vielleicht noch „Winnetou“ aber um den geht es ja jetzt hier nicht! An der Speerspitze dieser Bewegung standen natürlich die Adaptionen der berühmten Romane von Edgar Wallace, mit denen sich „Rialto-Film“ eine goldene Nase verdienten. Doch es gab auch noch andere! „Die weiße Spinne“ aus dem Jahr 1963, ist ebenso ein klassischer Vertreter des Genres wie gleichzeitig eine Kopie des Wallace-Erfolgs, jedoch eine durchaus unterhaltsame.

Louis Weinert-Wilton. Noch nie gehört? Ist ja auch egal. Der sudetendeutsche Schriftsteller gehörte nicht gerade zu den Meistern seiner Zunft, schrieb er doch lediglich elf Romane. Diese waren jedoch ganz in der Tradition des Pulp-Meisters Edgar Wallace, denn auch Weinert-Wiltons Geschichten waren in der Unterwelt Londons angesiedelt und handelten von fiesen Verbrechern, Frauen in Nöten und furchtlosen Ermittlern, die den Tag retteten. Gerhard F. Hummel, Produktionsleiter des Constantin Filmverleihs hielt, beflügelt durch den massiven Erfolg der Edgar Wallace Filme, Ausschau nach weiterem, ähnlichen, Krimi-Stoff, den man verfilmen konnte. So wurde er auf die Romane von Louis Weinert-Wilton aufmerksam, die sich reibungslos in die, nach Spannung dürstenden, Sehgewohnheiten der deutschen Kinobesucher einfügten. Es wurden insgesamt vier Filme gedreht, die neben „Die weiße Spinne“ noch „Das Geheimnis des chinesischen Nelke“ (1964), „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ (1963) und Der Teppich des Grauens“ (1962) umfassten und anständige Erfolge verbuchen konnten. „Die weiße Spinne“ stellt dabei die einzige rein deutsche Verfilmung dar. Alle anderen wurden entweder in Prag gedreht oder entstanden in Koproduktion mit ausländischen Firmen. Somit ist der Schwarz-Weiß Krimi der Wallace-Reihe wohl am nächsten. Das Drehbuch schrieb Egon Eis, der schon für einige Bücher der Wallace-Reihe verantwortlich war. So bietet auch „Die weiße Spinne“ eine klassische WhoDunIt-Story, die zwar einfach gestrickt ist, jedoch ihren Zweck erfüllt. Im Mittelpunkt steht die Witwe Muriel Irvine, die nach dem, rätselhaften, Tod ihres Mannes völlig mittellos ist, da ihr Gatte sein Vermögen zu Lebzeiten in einem ominösen Spielklub verzockt hat. Muriel heuert bei einer Institution an, die vorbestrafte Gangster wieder auf den rechten Weg führen soll. Doch immer wieder führt es sie in den „Klub 55“, der ein großes Geheimnis birgt. Eine Verbrecherbande operiert im Dunstkreis des Klubs, welche über Leichen geht. Als Symbol fungiert eine weiße Spinne, welche auch der Talisman des toten Mr. Irvine war. Ein Fall für Scotland Yard, doch schon bald wird Inspektor Dawson selbst tot aufgefunden, ermordet mit einer Drahtschlinge.

Man merkt als Kenner schon, dass die Story viele Motive besitzt, die auch schon in der Wallace-Reihe etabliert wurden. Halbseidene Charaktere, ein zentraler Ort, um den sich die Handlung dreht, die Ermittlungen von Scotland Yard, die schutzbedürftige Frau und natürlich der große Unbekannte, den es am Ende zu enttarnen gilt. So weist „Die weiße Spinne“ auf narrativer Ebene keine großen Abweichungen des bekannten Krimi-Schemas auf, jedoch brauch der Film etwas bis er interessant wird. Die ersten 20 Minuten wirken etwas schwer. Die Fronten müssen erst geklärt werden und als Zuschauer brauch man auch etwas, bis man den Überblick bekommt. Ob das gewollt ist oder lediglich etwas maue Drehbucharbeit wird man wohl nicht mehr erfahren. Danach entwickelt sich die Story ganz gut und bietet genug potential für einen spannenden Krimi, was zum Großteil auch effektiv genutzt wird.  Auch die klassischen Charaktere tragen viel zum Wohlfühlfaktor bei. Neben der „Damsel in Distress“ und dem charmanten Helden bekommt man auch hier mit der Figur des Kiddie Phelips, den psychopatischen Gangster oder mit Sir James ein Pendant zur beliebten „Sir John“-Figur. Auch der komödiantische Sidekick darf nicht fehlen, welcher in der Figur des Gideon auftritt. Eine gute Facette der Geschichte, ist die Maskerade des Bösewichts. Dieser tritt immer wieder in verschiedenen Personas auf, um unerkannt zu bleiben, was fast schon etwas von „Fantomas“ hat. Natürlich ist dieser Umstand für das geübte Auge irgendwann zu durchschauen, wenn man mit Krimi-Logik an die Sache herangeht.  Auch auf der technischen Seite kann „Die weiße Spinne“ durchaus überzeugen. Regie führte Harald Reinl, der schon für mehrere Wallace-Filme, wie „Der Frosch mit der Maske“ oder „Die Bande des Schreckens“ bekannt war und durchaus wusste, wie man einen spannenden Krimi inszenieren muss. Der ehemalige Berg- und Heimatfilmregisseur erzeugt stimmungsvolle Bilder im nächtlichen London und hat auch die Studio-Szenen im Griff. Auch ein paar schöne Mord-Sequenzen gehen dabei auf sein Konto, wo er somit auch die Action nicht vernachlässigt. Auch die Darsteller scheinen direkt vom Set eines Wallace-Films ausgeliehen worden zu sein. In der weiblichen Hauptrolle glänzt die Ehefrau des Regisseurs, Karin Dor. Ihr zur Seite steht DER deutsche Mann von Scotland Yard, Joachim „Blacky“ Fuchsberger, der wie immer mit Charme und Ausstrahlung brilliert. Auch die weiteren Rollen bieten mit Dieter Eppler, Werner Peters, Friedrich Schoenfelder einen vertrauten Cast. Für die Späße ist dieses Mal nicht Eddi Arent, sondern der britische Schlagersänger Chris Howland zuständig, der ein paar amüsante Szenen hat. Mit einer wunderbar fiesen Präsenz spielt hier Horst Frank auf, dem ganze Szenen gehören, sobald er zu sehen ist. Von ihm hätte ich gerne noch mehr gesehen, denn seine Szenen beweisen, dass der Franken Horst zu den begnadetsten Darstellern zählte. Somit bekommt man bei diesem Kriminalfilm das komplette Wallace-Paket, was nur anders hieß.

„Wer Edgar Wallace liebt, wird auch von Weinert-Wilton begeistert sein!“ lautete einst die Werbung. So ganz kann ich da nicht mitgehen, erkenne ich doch keinen gravierenden Unterschied zu dem Rialto-Zugpferd. „Die weiße Spinne“ aus dem Jahr 1963 ist ein Plagiat, um Geld zu verdienen. Mit den, fast, selben Darstellern, einem vertrautem Stab und gleichen Story-Mustern setzt der Krimi keine neuen Akzente, funktioniert aber als Produkt seines Genres relativ gut. Da gab es schlechtere Versuche Wallace zu kopieren. Fans vom großen Edgar und allgemein deutscher Krimi-Kost der 60er, dürften ihre Freude haben.