Die zwölf Geschworenen

Nicht zu vergleichen mit heutigen Filmen ist die Zwölf Geschworenen
Langsamkeit und Intensität. Das sind die Stilelemente die diesen Film bestimmen. Er hat keine schnellen Schnitten, keine auf Krawall ausgelegten Actionszenen, keine bluttriefenden Thrillerversatzstücke, keine Schockeffekte. Er bezieht seinen Spannungsbogen ganz und gar allein auf eine Sache: die Sprache. Die intelligenten Dialoge schaffen einen Filmraum, bei dem die Suspense hier ganz und gar von der Sprache abhängig ist. Die Texte die den Schauspielern gegeben wurden, sind von einer solch intensiven Auseinandersetzung mit menschlichen Verhalten und Gruppenprozessen, dass man vergisst, dass der Film tatsächlich nichts beweist. Das ist das Geschickte. Im Grunde ist nichts bewiesen. Im Grunde bleibt alles beim Alten. Aber dieses Drehbuch schafft es, ein fantastisches Panoptikum der menschlichen Verhaltensweise aufzuzeigen. Wie handeln wir und was sind unsere Argumente bezüglich Recht und Gerechtigkeit? Lumet, der letzte große Gerechtigkeitsfanatiker des amerikanischen Kinos und politischer Freidenker, schuf mit seinem Kinoerstling eine exzellente Abhandlung über gruppendynamische Prozesse und Manipulationsmechanismen durch Rhetorik. Ist der Junge nun schuldig oder nicht? Es kann keiner beantworten. Auch in der Unschuldsthese gibt es nur Annahmen. Aber das ist auch nicht das Wichtigste an diesen Film. Es geht hier um die Vorverurteilung eines Menschen aufgrund einem eigenem menschlich-ethischen Kodex, der, wenn derjenige ihm nicht entspricht, zum Außenseiter wird. Es geht hier um den Abbau von Vorurteilen, um die Auflösung persönlicher Konflikte zu Gunsten einer realen Wahrnehmung der Geschehnisse.

Es geht hier um nichts anderes als um Menschlichkeit in einem System voller Opportunismus und Falschheit. Dies verpackt Lumet in einem spannenden Gerichtsthriller (dies wird mit sein Lieblingssubgenre), der wie oben bereits erwähnt nur durch seine Sprache lebt. Und seinen, und das darf man nicht vergessen, exzellenten Schauspielensemble. Jack Klugman, Lee J. Cobb, mein Liebling E.G. Marshall (der wirklich brillant spielt) oder natürlich Henry Fonda (der den Film auch produzierte), alle sind hier hervorragend besetzt und leben ihre Rollen. Das ist Schauspielerei von höchster Qualität. Auch wenn die deutsche Synchro manchmal holprig wirkt (vor allen Bernhard Wickis Stimme beim Geschworenen Nr. 11 wirkt sehr seltsam), so macht die Regie alles wieder gut. Lumets lässt die Kamera lange auf die Szenen verweilen und gibt den Gesichtern eine breite Palette des Freiraums. Das Gesicht, als Spiegelbild des Menschen, wird hier in Großaufnahmen gezeigt um den Zuschauer zum Einen zu konfrontieren mit seinen eigenen Gedanken und zum Anderen wird hier der Darsteller noch mehr in den Fokus gerückt.

Lumets Kinofassung seines selbst gedrehten Fernsehspiels ist hochklassisches Spannungskino mit humaner Aussage und vielschichtigen Interpretationsansätzen. Was er aber schafft, davon können sich einige Filmemacher eine gehörige Scheibe abschneiden; Der Film benötigt 12 Darsteller und einen Raum um Spannung zu erzeugen. Mehr nicht. Und das ist aller Respekt wert.