Edgar Wallace: Das indische Tuch (1963)

Nachdem Lord Lebanon mit einem indischen Tuch erwürgt wurde, fiebert seine Verwandtschaft der Testamentseröffnung entgegen. Doch zur allgemeinen Überraschung verliest Rechtsanwalt Tanner nur den “vorletzten Willen” des Spaßvogels. Darin verlangt dieser, dass die zerstrittene Familie sechs Tage gemeinsam auf dem Schloss verbringen soll. Erst danach soll das Testament – “der letzte Wille” – verlesen werden. Nachdem der erste Erbe in dem durch einen Sturm von der Außenwelt abgeschnittenen Schloss ermordet wird, übernimmt Tanner die Ermittlungen.

 

HALLO, HIER SPRICHT EDGAR WALLACE VOL.5!

Nachdem „Im Banne des Unheimlichen“ ein eher mäßiger Versuch war, die berühmte Krimi-Serie auf ein jüngeres Publikum zu münzen, gehe ich nun in meinem Querbeet-Streifzug noch einmal zurück in die glorreiche Schwarz/Weiß Ära der Reihe und befasse mich mit einem persönlichen Liebling: Dem 1963 entstandenen „Das indische Tuch“, in dem Wallace-Stammregisseur Alfred Vohrer gekonnt ein Kammerspiel inszeniert, welches gleichzeitig Agatha Christie zitiert und mit Ironie und trockenem Humor ein Fest für Krimi-Fans ist.

Der Film lässt einige Wallace-Attribute vermissen. Keine Nebelschwaden in dunklen Gassen, keine veruchten Nachtlokale und kein Inspektor. „Das indische Tuch“ spielt gänzlich auf einem alten Schloss und vermitttelt dem Zuschauer fast schon ein Theater-Ambiente. Vorbild für die filmische Umsetzung des Stoffs war „Zehn kleine Negerlein“ von Agatha Christie, denn hier muss einer nach dem anderen sein Leben lassen. Dabei sind der Plot um eine Erbschaft mit gierigen Verwandten und halbseidigen Charakteren, die Schauspielführung und die pointierte Inszenierung gängig „Wallace“. Vohrer beweist einmal mehr das sein Stil eine ungeheure Bereicherung für die Reihe war. Es kommt kaum Langeweile auf und der Film bleibt trotz seiner statischen Kulisse relativ rasant. Es gibt natürlich wieder ungewöhnliche Kameraperspektiven und einen Hauch Grusel, wie man das vom Regisseur gewohnt ist.
Zudem versammelt sich hier wieder eine Star-Riege aus bekannten Gesichtern, die mehrfach in den „Edgar Wallace Filmen“ zu sehen waren. Heinz Drache, der immer das raubeinige Gegenstück zu Fuchsberger war, ermittelt hier als Anwalt. Daneben gibt es einige Etablierte, wie Richard Häussler, Alexander Engel oder Gisela Uhlen zu bewundern. Ganz klar hervorzuheben sind wieder einmal Siegfried Schürenberg, diesmal nicht als Sir John, Eddi Arent als Butler mit trockenem bis zu makabreren Humor und Vollblut-Psycho Klaus Kinski, der sich seine Rolle wieder komplett einverleibt hat und bei dem man nie weiß ob er jetzt um sich schlägt, jemanden umarmt oder einfach mit dem Kopf gegen die Wand läuft. Hans Clarin ist als merkwürdig verwirrter Sohn zu sehen und Elisabeth Flickenschildt, die Grand-Dame der UFA gibt hier eine herrliche Performance als Schlossherrin zum Besten. Ihr intensives Spiel ist wahrlich fantastisch und zieht einen immer in ihren Bann. Der Plot ist zwar nicht sonderlich originell und die Auflösung nicht wirklich überraschend aber dennoch verstrahlt der Film einen solch klassischen Flair und ist mit vielen Pointen, Wortwitz, meistens von Arent, und großartigen Leistungen gespickt. Das klassische „Einer nach dem anderen“-Spiel wird bis zum Schluss durch dekliniert und bleibt höchst amüsant und unterhaltsam, was die 85 Minuten Lauflänge wunderbar kurzweilig gestaltet. Auch die musikalische Komponente ist wieder sehr schön. Peter Thomas komponierte wieder einen wunderbar jazzigen Score, der das Ambiente gut untermalt. Das alles sind die Dinge die „Das indische Tuch“ zu einem meiner Lieblings-Krimis aus der Kult-Reihe machen.

„Warum kommt der Reverend nicht zum Frühstück? Fühlt er sich nicht wohl?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis Milady…Er ist tot. Seine Leiche ist im grünen Salon zu besichtigen.“

„Das indische Tuch“ ist ein Highlight der Reihe. Komplett anders aufgezogen, aber doch unverkennbar Edgar Wallace. Gut aufgelegte Stars der Reihe, eine gute Inszenierung, Humor und Pointen machen diese „Zehn kleine Negerlein“-Variante zu einem kurzweiligen, unterhaltsamen und amüsanten Krimi, der in keiner guten Genre-Sammlung fehlen darf.

Der Film ist ungekürzt auf DVD erhältlich und in der „Edgar Wallace Edition Nr.4“ zu finden.