Edgar Wallace: Das Rätsel der roten Orchidee (1962)

Deutschland 1962
mit Adrian Hoven, Christopher Lee, Marisa Mell
Drehbuch: Trygve Larsen, Piet ter Ulen
Regie: Helmuth Ashley
Länge: 81 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

“Hallo, Hier spricht Edgar Wallace Vol.17”

Nachdem der Chicagoer Gangsterboss Kerkie Minelli aus den USA ausgewiesen wurde, verlegt er sein Geschäft nach London, ebenso wie der schöne Steve. Beide haben sich auf Erpressung spezialisiert. Wer seine “Lebenspolice” nicht zahlt oder sich an die Polizei wendet, wird ermordet. Scotland Yard kennt diese kaltblütigen Methoden bisher nur aus Amerika, so dass Inspektor Weston seinen amerikanischen Kollegen Captain Allerman vom FBI um Hilfe bittet. Schnell finden sie heraus, wer hinter den anonymen Erpresserbriefen steckt, dennoch sterben die Opfer, die sich an Scotland Yard wendet, schnell. Und immer war der Butler Parker im Dienste des Ermorderten.

Nach dem erfolgreichen Wallace-Krimi „Die seltsame Gräfin“ wollte man ursprünglich „Die Tür mit den 7 Schlössern“ verfilmen, jedoch erwies sich das Drehbuch von Hans Wiedmann als zu umfangreich. Da kein alternatives Drehbuch vorlag und sich geplante Wallace-Filme im Skriptstadium als noch nicht filmreif erwiesen, machte Horst Wendlandt aus der Not eine Tugend und lies das von Egon Eis geschriebene Drehbuch „Gangster in London“ unter dem Titel „Das Rätsel der roten Orchidee“ verfilmen. Was dabei heraus kam ist ein unterhaltsames Gangster-Stück, welches aber in vieler Hinsicht den Wallace-Glanz vermissen lässt.

 

„Das Rätsel der roten Orchidee“ gehört zu meinen späten Wallace-Erfahrungen, denn ich sah den Krimi erst nach Kauf, der dazugehörigen DVD Box. Der Titel wurde offensichtlich gewählt, um eine Verbindung zum erfolgreichen „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ zu suggerieren, da Begriffe mit „Rätsel“ oder „Geheimnis“ im Titel gut beim Publikum funktionierten. Trotzdem ist der Film kein gewöhnlicher Wallace-Krimi, sondern eine klassische Gangster-Geschichte, wie man sie in der Reihe, mit Ausnahme von „Das Verrätertor“, eher nicht findet. Die Story um zwei rivalisierende Banden, die reiche Londoner Bürger erpressen und schließlich ermorden dient als Grundpfeiler eines Wallace typischen Rätsels um eine Erbschaft und einen dubiose Machenschaften auf Seiten einer Bank. Man kann von vorne rein sagen, dass die Geschichte durchaus Potential hat, jedoch verzetteln sich die Macher beim Aufbau ihres Spannungsbogens. Natürlich bietet der Krimi einige unterhaltsame Passagen. Die Fehde zwischen den zwei Banden ist durchweg interessant und auch das Grundkonstrukt ist stimmig und auch der Humor, in Form von Eddi Arent, ist gut gelungen, jedoch kann der Film sich nicht entscheiden, was er sein möchte. Ein klassischer Gangster-Film oder ein klassischer Wallace, da man versucht den „Rätsel-Aspekt“, so ein halbes „Whodunit“, in den Film zu integrieren. So wirkt der Verlauf auf weite Sicht extrem unausgegoren, da man versucht den Spagat zu schaffen. Ich rechne Horst Wendlandt den Versuch hoch an, nur hätte man sich für eine Linie entscheiden sollen, denn somit stiftet der Krimi einiges an Verwirrung, was auch am Regisseur Helmuth Ashley liegen mag. Der Österreicher soll sich am Set mehr um seine Hunde, als um den Film, was Wendlandt gar nicht gefiel, so dass er ihn nicht mal zur Weihnachtsfeier der Rialto-Film einlud. Genau das spiegelt sich im Film wieder, obwohl er handwerklich sehr sauber inszeniert ist.

 

Es gibt viele Stimmungsvolle Szenen, obwohl man hier auf den Grusel-Aspekt verzichtete. Das Spiel mit Licht und Schatten lässt an einigen Stellen Erinnerungen an den Film-Noir hervorrufen. Auch wurde hier zum ersten Mal, seit „Der Frosch mit der Maske“, an Original-Schauplätzen in London gedreht, was dem Film ein schönes Flair verleiht und für die Authenzität sorgt. Was aber gewaltig hackt, ist das Geheimnis um den Gangsterboss O’Connor, den man im Prolog an der Stimme erkennt, und somit das Finale mit der Auflösung keine Überraschung mehr darstellt. Man kann das Ende von Anfang an erahnen, beziehungsweise man weiß es schon, was den Genuss erheblich schmälert. Auch auf der Darstellerseite bewies man nur zum Teil ein glückliches Händchen. Der wohl größte Volltreffer ist, wie schon bei „Das Geheimnis der gelben Narzissen“, die Besetzung von Christopher Lee, der auch hier wieder mit seiner eigenen Stimme zu hören ist. Sein charismatisches Spiel, macht die Horror-Ikone zum Star des Films. Ihm zur Seite steht der österreichische Schauspieler Adrian Hoven, der als Inspektor leider sehr blass bleibt. Wer vollends überzeugen kann ist die Österreicherin Marisa Mell, erstaunlich viele aus unserem Nachbarland!, die selbstbewusst aber auch sexy aufspielt. Auch Klaus Kinski brilliert als schmieriger Gangster und Eddi Arent hat einige tolle Auftritte als „Todesbutler Parker“. Die weiteren Rollen sind mit Eric Pohlmann, solide, und Pinkas Braun, der einen herrlich fiesen Charme besitzt, treffend besetzt. Leider fehlt hier ein Fuchsberger oder Drache, also ein echtes Wallace-Gesicht in der Hauptrolle. Zum letzten Mal in der Reihe zu sehen, ist hier Fritz Rasp. Die UFA-Legende gibt noch einmal einen gelungenen Auftritt und verabschiedete sich nach fünf Filmen von der Edgar Wallace-Serie. Erstaunlich betörend kommt der Score von Peter Thomas daher, sein zweiter für die Reihe, der sehr ins Ohr geht und wahnsinnig gut zur Geschichte passt. Sein Jazz-Sound ist einfach unverwechselbar. Der Krimi war kein großer Erfolg und der bis Dato am schlechtesten besuchte Wallace-Film. Jedoch ging es mit dem Nachfolger wieder bergauf.

 

Helmuth Ashleys „Das Rätsel der roten Orchidee“ ist kein schlechter Film, sondern ein unterhaltsamer Gangster-Spaß, der handwerklich und darstellerisch gut geraten ist. Doch trotz schöner Bilder und guten Momenten, verzettelt sich der Kriminalfilm in seinen eigenen Elementen, denn so ganz will er nicht zu Edgar Wallace passen. Schade, denn da wäre mehr drin gewesen.