Edgar Wallace: Der Mann mit dem Glasauge (1969)

 

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace Vol.9”

In einem Londoner Hotel wird ein Mann tot aufgefunden. Das Messer steckt noch fest in der Brust des Opfers, in der Jackentasche findet Inspektor Perkins merkwürdigerweise ein Glasauge. Kurz darauf geschieht ein zweiter, rätselhafter Mord: Eine stadtbekannte Tänzerin der Las Vegas Girls, die im Londoner Odeon-Theater auftreten, wird vergiftet. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der hübschen Tänzerin und dem Hotelgast? Inspektor Perkins Seargent Pepper und Sir Arthur stehen unter Zeitdruck. Der “Mann mit dem Glasauge” schlägt immer wieder tödlich zu. Eine erste Spur führt Scotland Yard in einen Billardclub, wo man als Eintrittsberechtigung ein Glasauge vorweisen muss…

 

Nachdem „Der Gorilla von Soho“ sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum nicht den erhofften Erfolg verbuchen konnte, wagte Produzent Horst Wendlandt einen weiteren Versuch, die berühmte Edgar Wallace Reihe zu alten Tugenden zu verhelfen. Das Ergebnis ist derweil besser geraten, lässt aber auch weiterhin den Glanz der Kult-Serie vermissen. Zwischen Tänzerinnen, schlüpfrigen Witzen und Pulp-Elementen, ermittelt sich Horst Tappert in seinem zweiten Einsatz durch London auf der Jagd nach dem „Mann mit dem Glasauge“.

Schon die Credits zu Beginn verweisen darauf, dass man vom alten Wallace-Flair gänzlich Abstand genommen hat. Leuchtende Neon-Reklamen blenden Cast und Crew ein, bevor wir uns in die Anfangsszene begeben, in der, obligatorisch, ein Mord geschieht. Erst dann ertönen die berüchtigten Schüsse und wir hören die prägnante Stimme Alfred Vohrers. Die darauf folgende Story würde ich nicht als Glanzleistung beschreiben, zu offensichtlich ist die Identität des Mörders und die Hintergründe hat der geneigte Zuschauer schnell begriffen. Trotz allem bleibt die Story effektiv und schafft es zu unterhalten, auch wenn man einige Ungereimtheiten und Logiklöcher hinnehmen muss um das gezeigte zu genießen. Warum und wie unser Inspektor Perkins, auf die Details kommt, die er am Ende erläutert, bleibt ebenso im Unklaren, wie einige Figuren, die etwas ins Nichts laufen. Auch wenn diese Schwächen den Film etwas schmälern besitzt der Streifen dennoch einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Natürlich liegt der Story auch hier KEIN Roman des berühmten britischen Schriftstellers zu Grunde. Man hat sich, wie in der Phase, der spät 60er üblich, eine originäre Geschichte erdacht. Statt der üblichen Motive geht es hier um Tänzerinnen, Drogen- und Mädchenhandel. Genau wie beim Vorgänger durchzieht den Film ein gewisses Pulp-Flair. Schummrige Bars, schöne Frauen und etwas blutigere Einstellungen, die man so in Wallace-Filmen noch nicht gesehen hat. Regisseur Vohrer und sein Team setzten bewusst diese Elemente in Szene, um das Material den jüngeren Zuschauern attraktiver zu machen, was auf der einen Seite unterhaltsam trashig wirkt aber auf der anderen Seite durchaus albern daher kommt. Gerade die „schlüpfrig“ gemeinten Gags entpuppen sich lediglich als verklemmte Alt Herren Witze, die aus der Situation heraus resultieren, in der ältere Menschen versuchen jung und fresh zu sein. Bei den einen ruft dies nur ein müdes Lächeln hervor, bei mir zum Beispiel sorgt dies auch an gewissen Stellen für Heiterkeit, wenn man eine Affinität zu so etwas hat. Zumindest macht es hier mehr Spaß als beim „Gorilla von Soho“.

In der Besetzung sind nur noch wenige „Wallace-Gesichter“ vorhanden, lediglich Hubert von Meyernick, der mit seinem überdrehtem Spiel als Sir Arthur eine Freude ist, Ilse Pagé, Harry Riebauer, Harry Wüstenhagen oder Thilo von Berlepsch hübschen als gestandene Darsteller der Kult-Krimis das Ganze noch etwas auf. Karin Hübner hingegen bleibt als Hauptdarstellerin relativ blass. Horst Tappert darf hier zum zweiten und letzten Mal als Inspektor ermitteln. Der spätere „Derrick“-Star macht seine Sache souverän, kommt aber nie an Backy Fuchsberger oder Heinz Drache heran. Ein weiteres Bonbon ist sicherlich sein erstes Zusammenspiel mit seinem späteren Co-Star Fritz „Harry Klein“ Wepper als heroinsüchtiger Lord. Lediglich nervig bekommt man hier Stefan Behrens als „Pepper“ zusehen, im Vorgänger noch von Uwe Friedrichsen verkörpert, der mit seinem Bestreben ulkig zu sein, dem Zuschauer einiges abverlangt. Der Score von Peter Thomas ist indes wieder solide Arbeit, lässt jedoch etwas den Drive vermissen, den der Stammkomponist der Reihe immer gut drauf hatte. Mit diesem Film wurde übrigens eine Ära beendet, denn auch „Der Mann mit dem Glasauge“ konnte die Fans nicht begeistern und viele blieben dem neusten Wallace-Krimi ebenfalls fern, sodass Horst Wendlandt beim darauffolgenden „Das Gesicht im Dunkeln“ gänzlich neue Wege ging, die weitaus schlechter waren. Somit nahmen nach dem vorliegenden Film prägende Leute, wie Peter Thomas, Alfred Vohrer, Kameramann Karl Löb und einige Darsteller ihren Hut bei Rialto-Film, womit dann schließlich die wirklich letzte Phase der Reihe eingeläutet wurde.

„Der Mann mit dem Glasauge“ ist das Ende einer Ära. Der letzte Film unter Alfred Vohrer kann noch einmal durchaus unterhalten. Mit guten Szenen, netten bis albernen Gags und einer gewissen Schmierigkeit werden die Fans der alten Riege trotzdem ihre Probleme haben. Menschen, die auch die Vorgänger unterhaltsam fanden und sich etwas mehr auf Pulp einlassen, werden auch an diesem Film ihre Freude haben, wenn man nicht zu viel erwartet.