Edgar Wallace: Der rote Kreis (1960)

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace Vol.14”

Eine geheimnisvolle Mordserie hält ganz London in Atem. Immer wieder werden wohlhabende Bürger erpresst. Alle Opfer, die den Zahlungsaufforderungen nicht nachkommen oder die Polizei aufsuchen, werden brutal ermordet. Am Tatort lässt der Mörder stets einen Pergamentstreifen mit einem roten Kreis zurück. Inspektor Parr von Scotland Yard tappt im Dunkeln. Um die aufgebrachte Öffentlichkeit zu beruhigen, wird ihm Londons bester Privatdetektiv, Derrick Yale, zur Seite gestellt. Eine heiße Spur führt das Ermittlerduo schließlich zu einem Todeskandidaten nach Paris, bei dem vor elf Jahren im entscheidenden Moment die Guillotine versagte. Der Mörder wurde begnadigt und verließ Paris – ohne Zweifel ist er der Anführer des „Roten Kreises”. Doch niemand kennt seine heutige Identität…

1959 trat „Der Frosch mit der Maske“, als erste deutsche Wallace-Verfilmung der Nachkriegszeit, eine der erfolgreichsten und langlebigsten Kino-Serien in Deutschland los, die ihres gleichen suchte. Nachdem der Erstling ein überragender Erfolg war, machte man sich an das nächste Projekt. Unter dem Titel „Der rote Kreis“ schickte Rialto-Film den zweiten Krimi, nach einer Vorlage des britischen Schriftstellers, in die Lichtspielhäuser und lieferte einen besseren Film ab, der aber unter dem Fehlen eines guten Hauptdarstellers leidet.

Noch bevor „Der Frosch mit der Maske“ das Licht der Leinwand erblickte, begann man mit der Vorproduktion des zweiten Films. Man verfilmte „Der rote Kreis“, da die Produzenten lediglich die Rechte an den genannten zwei Romanen hatten, mit der Option auf weitere Krimigeschichten aus der Feder von Edgar Wallace. Mir gefällt „Der rote Kreis“ handlungstechnisch besser als der Vorgänger, da der Krimi vielseitiger und auch dichter daherkommt. Der Film ist MEHR ein Kriminalfilm, da hier ausgiebig ermittelt, die Spannung konstant gehalten und verschiedenen Fährten nachgegangen wird. Statt Harald Reinl engagierten die Produzenten hier Jürgen Roland für den Posten des Regisseurs. Reinl kommt vom Berg und Heimatfilm, was dem Erstling anzusehen ist und durch seine ruhige Erzählart und den vielen Kamerascharmützeln, eben jenem Film teilweise das Tempo nimmt. Roland hingegen konnte durch die hochgelobte Krimi-Serie „Stahlnetz“ bereits Kriminalerfahrung sammeln, was dem Film sichtlich zu Gute kommt. Schon die Schauplätze, wie Lagerhäuser, Bürogebäude und Straßenecken machen den Krimi dichter und atmosphärischer. Nichts gegen Reinls Film, aber „Der rote Kreis“ wirkt einfach in diesen Punkten besser. Natürlich gibt es auch die üblichen Abstecher auf ein Schloss aber das gehört bei Wallace einfach dazu. Auch der Bösewicht macht etwas mehr her. Mit seiner dunklen Kleidung, Hut und einer schwarzen Maske, zur Vermummung des Gesichts logischerweise, wirkt er bedrohlicher als „Der Frosch“, der mit seinem obskuren Kostüm eher zum Schmunzeln anregt, als zum Fürchten. Roland und sein Drehbuchautor Wolfgang Menge, der das Skript von Egon Eis etwas aufpolierte, ziehen die Geschichte ganz gut auf und schaffen es bis zum Ende die Spannung zu halten und falsche Fährten zu legen, was die Enthüllung des Schurken recht überraschend gestaltet. Auch die Kameraarbeit ist immer im Geschehen und wird gut genutzt um bedrohliche bis mysteriös wirkende Bilder zu erzeugen. Natürlich muss man das, wie auch schon beim Vorgänger, unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass der Film Ende 1959 gedreht wurde. Aus heutiger Sicht wirkt vieles behäbig aber nicht so angestaubt wie man denken könnte und wie es bei „Der Frosch mit der Maske“ ist. Tatsächlich ist „Der rote Kreis“ ein handwerklich tadelloser Krimi, der funktioniert und auch ein gutes Fake-London erzeugt. Denn natürlich sind die Aufnahmen zum Großteil in Dänemark entstanden, zum letzten Mal in der Reihe, und die Shots aus London bestehen aus Archivmaterial, was man im Zuge der Produktion von „Der Frosch mit der Maske“ gedreht hat. „Der rote Kreis“ kaschiert dies sehr gut.

Jürgen Roland widmete sich danach weiteren Krimi-Stoffen und inszenierte noch den Wallace-Film „Der grüne Bogenschütze“ und stellte für den erkrankten Josef von Baky „Die seltsame Gräfin“ fertig, bevor er mit „Heißer Hafen Hongkong“ und „Das Mädchen von Hongkong“ unter dem Produzenten Wolfgang C. Hartwig die berüchtigten Hongkong-Reißer inszenierte und sich mit diversen Werken im Milieu des Hamburger Kiez austobte. Was negativ zu beurteilen ist, ist der Schluss, der konträr zum Rest des Films sehr konstruiert wird. Natürlich sind alle Wallace-Geschichten konstruiert, nur hier wirkt das irgendwie hingeschludert, genau wie die Identität unserer weiblichen Hauptfigur. Gut aufgelegt, mit Einschränkungen sind die Darsteller, allen voran Renate Ewert, die als Thalia Drummond fantastisch aufspielt und die wahrscheinlich ambivalenteste weibliche Figur, innerhalb der Wallace-Filme ist. Hübsch, zart aber auch raffiniert, progressiv und selbstbewusst tritt sie hier auf und es ist schade, dass es ihr einziger Auftritt in einem Film der Reihe ist. Klausjürgen Wussow, der später als Dr. Brinkmann in der „Schwarzwaldklinik“ große Erfolge feierte und mit „Der grüne Bogenschütze“ ein zweites Mal bei Edgar Wallace mitwirkte, spielt souverän den Leading Man, jedoch ohne den Charme und die Präsenz eines Blacky Fuchsberger zu erreichen. Karl Georg Saebisch als Inspektor Parr macht hingegen keine gute Figur. Sein müdes, unaufregendes Spiel zieht das Tempo herunter. Er wirkt einfach langweilig. Ein Siegfried Lowitz wäre da besser gewesen. Der Rest des Ensembles bietet gute Darsteller, wie Thomas Alder, Ernst Fritz Fürbringer, Fritz Rasp und Ulrich Beiger, die, mit Ausnahme von Alder, schon beim Vorgänger mitwirkten. Auch Eddi Arent darf wieder ein paar heitere Töne anschlagen. Die Musik stammt hier zum zweiten und letzten Mal von Willy Mattes, der einen schönen Krimi-Score komponiert hat, der aber nicht an das Gewicht heranreicht, welches Peter Thomas später in die Filme bringen sollte.

 „Der rote Kreis“ ist eine gute Weiterführung der gerade begonnen Edgar Wallace-Serie. Handwerklich sauber inszeniert, mit Gespür für Spannung und Krimiästhetik schafft Jürgen Roland eine äußerst adäquate Umsetzung des Romans. Lediglich der Schluss und das Fehlen eines charismatischen Hauptdarstellers schmälern das Endergebnis etwas. Für gute Krimiunterhaltung made in Germany ist dennoch bestens gesorgt.

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