Edgar Wallace: Die seltsame Gräfin (1961)

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” Vol.12

Margaret Reedle hofft, mit der neuen Stelle bei der Gräfin Moron den unerklärlichen Drohanrufen und Mordanschlägen auf sie zu entgehen. Diese Hoffnung schwindet allerdings schnell, denn als sie im Schloss den Balkon ihres Zimmers betritt, bricht dieser ab. Margaret kann sich allerdings in letzter Sekunde vor dem Sturz in die Tiefe retten. Bei seinen Ermittlungen entdeckt Mike Dorn von Scotland Yard, dass Margaret die Tochter Mary Pinders ist, die damals den Bruder der Gräfin geheiratet hat. Margaret hat damit Anspruch auf das Erbe und schwebt in großer Gefahr…

 

Nachdem die erste Hälfte des Jahres 1961 für die Wallace-Serie sehr gut lief und die Filme „Die toten Augen von London“, sowie „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ guten Umsatz verbuchen konnten, ging der dritte 61er Wallace „Der Fälscher von London“ eher unter und war ein kleiner Flop. Für den nächsten Krimi aus dem Hause „Rialto“ investierte man viel Arbeit, die sich auch auszahlte. „Die seltsame Gräfin“ ist nicht nur einer der bekanntesten Adaptionen des britischen Autors, sondern auch ein fast perfekter Krimi mit viel Spannung und ein wenig Grusel, der mit Lil Dagover zudem eine der ganz großen Damen des deutschen Stummfilms vorweisen kann.

„Die seltsame Gräfin“ bietet mal wieder den klassischen Plot, „the Damsel in Distress“. Diesmal wird Brigitte Grothum  nach dem Leben getrachtet, die schließlich der strahlende Inspektor von Scotland Yard retten muss. Was sich nach 08/15 Story anhört, ist auch eigentlich so, entfaltet aber eine sehr gute Wirkung, denn dieses Mal hat niemand versucht aus der Geschichte mehr zu machen, als sie eigentlich hergibt. Der Film erzählt sehr geradlinig und hält sich nicht mit Albernheiten und Kleinigkeiten auf und kommt schnell zum wesentlichen. Nichts wird unnötig verkompliziert und verworren ausklabustert, nein dieser Wallace ist straight tot he point, und das macht ihn auch so spannend. Gerade diese Spannung hält sich auf einem hohen Level durch den ganzen Film und der Zuschauer hat viel Zeit zum mitfiebern und dem Wallace-typischen Flair zu frönen. Auf dem Regiestuhl saß hier der ungarische Regisseur Josef von Báky, was sein einziger Einsatz in der Reihe war, da er sich danach aus Gesundheitsgründen vollständig von der Branche verabschiedete. Schon während des Drehs ging es ihm alles andere als gut, weshalb zeitweise der frühere „Stahlnetz“-Regisseur Jürgen Roland übernehmen musste, der auch die Wallace Frühwerke „Der rote Kreis“ und „Der grüne Bogenschütze“ inszenierte. Doch von Bákys Stil ist spürbar geblieben. Seine Mischung aus klassischem Wallace-Thrill und Anleihen des klassischen deutschen Kinos fügt er noch Elemente des Film-Noir hinzu, die sich in Schwarz-Weiß grandios entfalten und eine wunderbare Stimmung kreieren. Handwerklich sitzt hier jeder Griff. Wunderschöne Kameraarbeit, pointierter Schnitt und großartige Schauspielleistungen steigern den Filmgenuss. Das Spiel mit Licht und Schatten, was auch zu den Trademarks des Alfred Vohrer zählte, bringt einen zusätzlichen Reiz.

Aber nun zu den Darstellern. Zum fünften Mal ist Joachim „Blacky“ Fuchsberger in der Rolle des Helden zu sehen, was ihm einfach gut steht. Ich habe immer Spaß ihm zu zusehen und genieße jede Szene mit ihm. Auch Brigitte Grothum, die später noch in „Das Gasthaus an der Themse“ mitwirkte, spielt mit viel Elan und gibt eine gute weibliche Hauptfigur ab, die aber gewohnte Klischees erfüllt, war halt so im Jahr 1961. Was wunderbar funktioniert sind die Nebenfiguren. Mit Rudolf Fernau, Richard Häussler und Fritz Rasp sind hier drei große Namen des deutschen Films vertreten, aber Lil Dagover hat die größte Präsenz. Die Grand Dame des Stummfilms spielt als Gräfin Moron mit viel Energie und es ist ein Fest ihr zu zusehen. Jede Geste sitzt perfekt und jede Nuance kommt zur Geltung. Auch ein Highlight ist sicherlich Klaus Kinski, der als manischer Irrer komplett vom Leder ziehen darf und völlig zügellos seine Performance zelebriert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich den Film mit acht oder neun Jahren das erste Mal sah und ich panische Angst vor Kinski hatte. Obendrauf ist natürlich auch Eddi Arent mit von der Partie, der einige heitere Momente zu verantworten hat. Auch das erste Mal an einem Wallace-Film beteiligt ist Peter Thomas. Der Komponist, der den Score zu insgesamt 18 Filmen der Reihe komponierte feierte hier Premiere und zauberte eine Untermalung vom feinsten, die gewohnt jazzige Klänge besitzt und sowohl unheimlich, als auch melodiös und mitreißend ist. Der Film war ein voller Erfolg und Produzent Horst Wendlandt machte sich schon für den nächsten Kracher bereit, denn schließlich war „Die seltsame Gräfin“ erst der achte von 32 Filmen aus dem Hause Rialto. Für mich gehört der Streifen zu den besten, da hier alles stimmt. Ein Krimi der heute noch funktioniert und immer noch unheimlich ist, so dass ich doch manchmal noch Gänsehaut bekomme.

„Die seltsame Gräfin“ ist eine wahre Perle. Ein toll inszenierter Krimi mit reichlich Spannung, Grusel und wunderbarem Flair. Grandiose Schauspieler runden das Vergnügen vollends ab und selbst wenn man das alles nicht so geil findet, allein für Kinski sollte man den mal sehen.