Edgar Wallace: Die Tote aus der Themse (1971)

Deutschland 1971
mit Hansjörg Felmy, Uschi Glas, Werner Peters, Siegfried Schürenberg
Drehbuch: Horst Wendlandt, Harald Philipp
Regie: Harald Philipp
Länge: 85 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace! Vol.16”

Die Tänzerin Myrna Fergusson wird erschossen, nachdem sie der Polizei Informationen über einen Rauschgiftring zukommen ließ. Als Inspektor Craig von Scotland Yard am Tatort eintrifft, ist die Leiche verschwunden. Sie wird später aus der Themse geborgen und von ihrer Schwester Danny identifiziert. Danny bittet die Polizei um Schutz, aber die Gangster sind immer einen Schritt voraus.

1969 befand sich die Edgar Wallace-Serie im Umbruch. Sinkende Zuschauerzahlen, der Zeitgeist hatte sich stark geändert, ließen Horst Wendlandt vorsichtig werden. So ging man, zur Minimierung der Produktionskosten, eine Ko-Produktion mit Italien ein. „Das Gesicht im Dunkeln“ enttäuschte Kritiker, wie auch Zuschauer und wurde zu einem finanziellen Flop. Bis 1971 gab es keinen neuen Wallace-Krimi im Kino, bis sich Rialto doch noch wagte einen neuen Versuch zu starten. Der Film „Die Tote aus der Themse“ ist kein Meilenstein der Reihe aber in meinen Augen ein sehr unterhaltsamer, wie auch pulpiger Krimi mit schöner Besetzung, der zu Unrecht vernachlässigt wird.

Mit diesem Film kam die Kino-Serie in den 70ern an. Statt mondänen Schlössern, miefigen Gruften und skurril maskierten Bösewichten, bietet man dem Zuschauer hier einen klassischen Thriller/Krimi, der, wenn man genau darüber nachdenkt, mit Wallace eigentlich nicht mehr viel zu tun hat. Lediglich einzelne Motive aus dem Roman „Engel des Schreckens“ wurden für diesen Film verwendet, was nichts Neues war, hatte man doch schon vorher eigene Geschichten gesponnen, um die Filme mehr der Zeit anzupassen. Ich persönlich sah „Die Tote aus der Themse“ relativ spät und mir hat er relativ gut gefallen. Klar kann er mit den Klassikern nicht mithalten, dennoch wird man hier knapp 90 Minuten gut unterhalten. Die Geschichte dreht sich hier um organisierten Drogenhandel und einen unbekannten Mörder, der seine Opfer mit einem einfachen, schallgedämpften Gewehr um die Ecke bringt. Hier gibt es keine illustren Mordwerkzeuge, wie „Die Blaue Hand“, mehr, Wallace wurde scheinbar erwachsen. Trotz dieser Veränderungen müssen Fans nicht auf die typischen Zutaten der Reihe verzichten. Der tugendhafte Inspektor, die Frau in Nöten, halbseidene Charaktere, fiese Fieslinge, Pulp und etwas Komik. Letztgenanntes kommt in Form des großartigen Siegfried Schürenberg daher, der, nach seiner eigentlichen Abschiedsvorstellung in „Der Hund von Blackwood Castle“, hier nochmal den Sir John gibt, was wie gewohnt unterhaltsam ist. Im großen Ganzen hat man hier eine gute Handlung gestrickt, die den Zuschauer bei der Stange hält. Der Film hat wenig Längen und bietet auch schöne Action, was man bei Wallace nicht immer bekommt. Auch die Auflösung des Ganzen ist, in meinen Augen, ganz gut gelungen, jedenfalls habe ich nicht damit gerechnet. Was man auch erwähnen muss, „Die Tote aus der Themse“ bietet auch schöne Aufnahmen, da man hier, nach langer Zeit, mal wieder wirklich nach London gereist ist und teilweise on Location gedreht hat. Das verschafft dem Film etwas mehr Authenzität.

Auch hatte man hier einen neuen Regisseur zur Verfügung. Alfred Vohrer hatte zu „Roxxy Film“ gewechselt und Harald Reinl stand ebenfalls nicht zur Verfügung, so dass Harald Philipp zum Zuge kam, den man schon in der Vergangenheit engagieren wollte, was jedoch aus Termingründen nie klappte. Philipp war vorwiegend für Komödien verantwortlich, inszenierte aber auch mit „Der Ölprinz“ und „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ zwei Filme der beliebten Karl May-Serie. Philipp beweist hier auch wieder ein gutes Gespür und liefert schöne Bilder, handfeste Schlägereien und eine reizvolle Krimi-Atmosphäre. Gerade die Szenen im Schlachthaus sind sehr cool geraten und machten mir besonders Spaß. Auch bei diesem Film konnte man wieder eine hochkarätige Besetzung vereinen. Sein einmaliges Wallace-Gastspiel als Inspektor gibt hier Hansjörg Felmy, der einen guten Job macht, jedoch im Vergleich zu Fuchsberger und Drache, definitiv den Kürzeren zieht. In der weiblichen Hauptrolle beehrt uns mal wieder Uschi Glas, die jedoch auch etwas blass bleibt. Ich denke mit zwei ausdruckskräftigeren Darstellern in den Hauptrollen, wäre der Film beliebter beim Publikum. Dafür überzeugen die Nebenrollen umso mehr. Werner Peters, Friedrich Schoenfelder und Ivan Desny geben ein gutes Ganoventrio ab, während Siegried Schürenberg, wie schon erwähnt, zum Lachen einlädt und in seiner Rolle noch ein letztes Mal brillieren darf. Des Weiteren sind noch Petra Schürmann als Sekretärin, Harry Riebauer als mysteriöser Schnösel und Günther Stoll als Polizeiarzt mit von der Partie. Auch Ex-„Klimbim“ Star Ingrid Steeger hat als Nutte einen kurzen Auftritt, mit nacktem Oberkörper selbstverständlich. Zum letzten Mal für einen Film der Reihe, komponierte Peter Thomas den Soundtrack. Gerade das Main-Theme gefällt mir besonders gut und ich würde den Score zu seinen besten Arbeiten innerhalb der Serie zählen. Nach dem enttäuschenden Vorgänger, konnte „Die Tote aus der Themse“, eigentlich ein sinnloser Titel, da besagte Tote nichts mit der Handlung zu tun hat, als 30. Edgar Wallace-Film Erfolge verbuchen. Trotzdem wagte man danach wieder den Schritt nach Italien, der die letzten beiden Filme in ein komplett anderes Licht rücken sollte.

„Die Tote aus der Themse“ ist, obwohl er der drittletzte der Reihe ist, der letzte in Deutschland produzierte Krimi der berühmten Serie. Mehr Realismus, gut dosierter Pulp, eine solide bis gute Besetzung und eine handwerklich saubere Inszenierung machen diesen Wallace-Film sehenswert. Klar zählt er nicht zu den Glanzlichtern aber für einen netten Abend, an dem man nochmal in die frühen 70er eintauchen will, ist der Film genau das Richtige.

 

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