Deutschland/Frankreich 1964
mit Heinz Drache, Elga Andersen, Ralf Wolter
Drehbuch: Manfred R. Köhler
Regie: Manfred R. Köhler
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Der Londoner Privatdetektiv Nelson Ryan findet in seinem Appartement die erschossene Chinesin Jo Ann Jefferson. Kurze Zeit später stattet deren Schwiegervater, der wohlhabende Industrielle William Jefferson, dem Detektiv einen Besuch ab. Er beauftragt Nelson Ryan, die Umstände zu klären, die zum Tod seines Sohnes George geführt haben. Dieser kam angeblich vor fünf Tagen in Hongkong bei einem Autounfall ums Leben. Seine Frau Jo Ann Jefferson ist daraufhin mit einem Sarg nach London gereist, in dem sich die Leiche ihres Gatten befand. In Hongkong nehmen Ryan und sein Assistent Bob Tooly schließlich die Spur auf und müssen sich einigen Mordanschlägen erwehren.

In Deutschland wird, was Filme angeht, ja immer gemeckert. „Bei uns gibt es keine coolen Filme!“ „Nur Komödien und Liebesschnulzen!“ „In Deutschland gibt es kein Genre-Kino!“ Moment, doch, gibt es! Gut, heute laufen die eher unter Ferner-Liefen und dümpeln höchstens auf kleinen Festivals herum, doch früher in den 60ern und 70ern sah das ganz anders aus. Wir gehen auf eine Zeitreise in das Jahr 1964, als man bei uns noch reines Unterhaltungskino produzierte und werfen einen Blick auf die legendären „Hongkong-Reißer“, die zu dieser Zeit die Menschen massenweise in die Lichtspielhäuser zogen. „Ein Sarg aus Hongkong“ schlägt genau in diese Kerbe. Ein pulpiger Abenteuerkrimi, der trotz Wirrungen sehr unterhaltsam geraten ist.

In den 1960er Jahren florierte das deutsche Genre-Kino. Horst Wendlandts Verfilmungen der Kriminalromane von Edgar Wallace wurden zu großen Publikumshits und ebneten den Weg für, auf internationalem Niveau produzierte, Unterhaltungsfilme made in Germany. Der damals noch eher unbekannte Filmproduzent Erwin C. Dietrich, der vor allem in den 70er Jahren einen zweifelhaften Ruhm durch seine, in Zusammenarbeit mit Trash-Gott Jess Franco entstandenen, Exploitation-Filme erlangte, verdiente sich seine ersten Sporen ebenfalls mit Kriminalfilmen, die im Fahrwasser der Edgar Wallace-Reihe entstanden. In Zusammenarbeit mit Constantin-Film wollte Dietrich einen großen Abenteuer-Krimi produzieren. Vor exotischer Kulisse und im Stil der James Bond-Filme wollte er „Ein Sarg aus Hongkong“ drehen. Wolfgang C. Hartwig erschuf vorher bereits ähnlich gelagerte Streifen, wie „Heißer Hafen Hongkong“, und erwirtschaftete gute Einspielergebnisse. Also schloss man sich mit französischen Produktionspartnern zusammen und erschuf einen pulpigen, sowie vergnüglichen Krimi in Fernost. Als Regisseur und Autor fungierte Manfred R. Köhler, der zuvor nur als Synchron-Regisseur gearbeitet hatte und hier sein Debüt bei einem Spielfilm gab, was man relativ schnell merkt, denn die Geschichte ist nicht unbedingt die Stärke des Films. Das Ganze wirkt etwas überladen und verliert sich ab und an in Logiklöchern, beziehungsweise in Wirrungen. Ich, als Zuschauer, musste schon ein paar Mal auf die Skip-Taste drücken, um nochmal nachzuvollziehen, was jetzt die neueste Wendung in diesem Streifen ist. Köhler packt den Film mit kleinen Twists und Überraschungen voll, die aber am Ende nicht wirklich zünden, sondern den Betrachter etwas verwirrt zurücklassen. Auch die Auflösung wirkt etwas dahin geschludert, denn wirklich fundierten Sinn ergibt vieles nicht. Da waren die Wallace-Filme schon besser erdacht und selbst die achteten nicht immer auf Logik und Kontinuität. Aber wenn man darüber hinweg sieht, so fern einem das leicht fällt, kann man mit diesem Streifen Spaß haben. Die Hongkong-Kulisse macht einiges her und Köhler liefert schöne Bilder, die dem Film einen angenehmen Touch geben. Man ist hier auch wirklich nach Hongkong gereist um zu drehen, und hat nicht, wie so oft, nur Stock-Footage benutzt. Es gibt schön pfiffige Dialoge mit netten Sprüchen, die äußerst unterhaltsam sind und den Spaß-Faktor nach oben schrauben. Was mir sehr gut gefallen hat, ist dieser, sehr an Bond erinnernde, Agenten-Film Stil, den man hier auffährt. Exotische Kulisse, schöne Frauen und ruchlose Gangster. Und mittendrin Heinz Drache, der in bester Bond-Manier flirten, prügeln und kommentieren darf. Generell versucht sich der deutsche Star hier als cooler Held in Szene zu setzten. Spätestens wenn er im weißen Anzug durchs nächtliche Hongkong flaniert, dachte ich automatisch an Sean Connerys Auftritt im Prolog zu „Goldfinger“, der passenderweise zur selben Zeit erschien.

 

Es ist, wie so oft, dieses unverblümte 60er Jahre Flair, welches in jedem Bild zu spüren ist. Ein aufregendes Abenteuer für Jungs, die mal in eine „andere Welt“ eintauchen konnten, welche man so noch nicht kannte. Hongkong, mit seinem speziellen Look und der asiatischen Kultur, war zu dieser Zeit der Idealschauplatz für so einen, auf Action getrimmten, Krimi. Was die eben erwähnte Action angeht, versucht der Regisseur ordentlich was zu bieten. Viele Keilereien werden dem Zuschauer serviert, die zwar heute nicht mehr unbedingt überzeugen können, aber auf ihre etwas trashige Art und Weise ziemlich unterhaltsam sind. Alles wirkt wie so eine „kleine Jungs“-Fantasie, die man hier auslebte, was nicht von ungefähr kam, denn die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman von James Hadley Chase. Der britische Autor schrieb knapp einhundert Romane und widmete sich bevorzugt Agenten- und Gangstergeschichten, die zahlreich verfilmt wurden. Vieles aus den 60er Jahren war stark an James Bond angelegt, was ja bekanntlich das Non-Plus-Ultra war, was das Agenten-Genre zu bieten hatte. „Ein Sarg aus Hongkong“ passt perfekt in dieses Bild. Ein charmanter, schlagfertiger Held in Fernost, der natürlich am Ende die Frau betören kann. Ein germanisches Rip-Off englischer Genre-Kultur. Wo findet man das heute noch? Richtig, nirgendwo. Gerade deswegen schätze ich diese Filme, im speziellen dieses Werk, da es eine ausgestorbene Gattung darstellt und beweist, dass deutsche Filme wirklich mal cool waren. Dazu kommt auch die gute Besetzung. In der Hauptrolle natürlich Heinz Drache, der bereits als Inspektor in den Wallace-Verfilmungen schon Krimi-Luft schnuppern konnte und hier mit Bravour, seine Lässig- und Schlagfertigkeit beweist. Mit immer gut sitzender Frisur ist es wunderbar ihm zuzuschauen. Daneben steht direkt Ralf Wolter, den man aus den Winnetou-Filmen kennen dürfte, und der auch hier als witziger Sidekick fungiert. Er und Drache geben ein schönes Team ab, welches von Elga Andersen abgerundet wird, die als mysteriöse Schönheit etwas Glanz in die Sache bringt. Des Weiteren wird das Ganze mit deutschen Stars, wie Willy Birgel und Sabina Sesselmann in kleineren Auftritten garniert. Auch der Dreh verlief nicht ohne Reibereien, denn Dietrich überwarf sich mit, in Hongkong ansässigen, Dienstleistern und verließ die Produktion, weshalb, der im Metier bereits erfahrene, Produzent Wolfgang C. Hartwig einsprang, weshalb der Film als drittes Werk in der Reihe, der von Hartwig produzierten „Hongkong-Reißer“ steht. Ein prädestinierter Ersatz, könnte man sagen. Wer sich dieses deutsche Genre-Kleinod zulegen möchte, kann entweder zur Blu-Ray von „Filmjuwelen“ greifen oder zur Edition von „Ascot“, die ebenfalls auf blauer Scheibe zu haben ist. Beide sind ungekürzt, wobei die erstgenannte Veröffentlichung noch mit dem originalen deutschen Kino-Vorspann punkten kann.

„Ein Sarg aus Hongkong“ ist ein schönes, unterhaltsames Abenteuer in Fernost. Zwischen pulpigem Krimi und James Bond Rip Off chargierender Genre-Film, der zwar etwas überladen und überkonstruiert ist aber dennoch als nostalgische Reise in den Kosmos deutscher Unterhaltungsfilme hervorragend funktioniert.