Everywhere you look: Eine Liebeserklärung an “Full House” (1987-1995)

“Everywhere you look, everywhere you go, there’s a heart, a hand to hold on to.
Everywhere you look, everywhere you go. There’s a face, of somebody who needs you.”

Jedes Kind der 90er müsste diese Zeilen erkennen oder zumindest schon einmal irgendwie gehört haben. Jedem anderen sei gesagt, dass es sich hierbei um den Titelsong zur US-amerikanischen Sitcom „Full House“ handelt, die von 1987 bis 1995 beim US-Sender „ABC“ über den Bildschirm flimmerte. Eine Serie, die heute noch eine große Fangemeinde ihr Eigen nennen kann und bei der, der Begriff „Kult“ definitiv nicht von der Hand zu weisen ist. Im nun folgenden Special-Bericht oute ich mich als großer Fan der Serie und erkläre meine Liebe zu diesem Format, welches mich in meiner Kindheit immer begleitet hat!

 

In den 80ern und 90ern waren Familien Sitcoms Massenware. Fast jeder Sender im US-amerikanischen Fernsehen, hatte ihre eigene Show, in der Familien mit humoristisch angelegten Charakteren durch allerlei Situationen des Alltags stolpern und Probleme meist mit Witz und Herz lösten. Egal ob die „Bill Cosby Show“ mit dem titelgebenden Vergewaltiger Bill „erst betäuben, dann Spaß haben“ Cosby, „Alle unter einem Dach“ mit Kult-Nerd Steve Urkel, der „Prinz von Bel-Air“ mit dem späteren Hollywood-Star Will Smith oder als Gegenentwurf zur klassischen Familien-Sitcom, „Eine schrecklich nette Familie“ mit Pantoffelheld Al Bundy, gespielt von Ed O’Neal. Daneben gab es viele weitere Formate, die sich aber meist nicht lange halten konnten und die heute wohl kein Mensch mehr auf dem Zettel hat. Doch eine Show stach, für mich und bestimmt auch viele andere, immer heraus. Die „ABC“-Sitcom „Full House“, die in 8 Staffeln und 192 Episoden auf warmherzige Art und Weise ein besonderes Familienleben dokumentierte. Eine Serie mit Witz, Herz und Gefühl, bei der man lachen konnte und manchmal auch die eine oder andere Lebensweisheit zum Thema „Familie“ mitnehmen konnte.

Um was geht es in „Full House“?

Der, in San Francisco lebende, Sportjournalist Danny Tanner (Bob Saget) steht vor einer schwierigen Phase. Seine Frau Pam kam bei einem Autounfall tragisch ums Leben und nun muss der Sauberkeitsliebhaber nicht nur den Haushalt schmeißen, sondern sich auch um die Erziehung seiner drei Töchter kümmern. Da wäre die 10-jährige Donna Jo, genannt „D.J.“ (Candace Cameron Bure), die 5-jährige Stephanie (Jodie Sweetin) und Baby Michelle (alternierend: Mary-Kate und Ashley Olsen). Aufgrund der Angst, dem nicht gewachsen zu sein, bekommt der Witwer Hilfe ins Haus. Sein Schwager, der aufstrebende Rock-Musiker und Elvis-Fan Jesse Katsopolis (John Stamos), sowie Dannys bester Freund Joey Gladstone (Dave Coulier), ein semi-erfolgreicher Stand-Up Komiker, ziehen in das Familien-Haus ein um Danny beizustehen und ihm bei der Erziehung unter die Arme zu greifen. Was nun folgt sind acht turbulente Serien-Jahre.

 

Das Konzept von Schöpfer Jeff Franklin kam bei den Produzenten gut an und sofort begann man im Frühjahr 1987 mit den Dreharbeiten. Alle Rollen wurden mit den letztendlich auftretenden Schauspielern besetzt. Einzig die Rolle des Danny Tanner ging an John Posey, da Bob Saget zuerst keine Zeit hatte. Nachdem man den Piloten mit Posey gedreht hatte, war Saget schließlich doch frei und man entließ John Posey aus seinem Vertrag, er bekam eine Abfindung und sein Gehalt wurde trotzdem bezahlt, so dass man die Folge schließlich noch einmal mit Saget drehte, welche dann am 22.September 1987 ausgestrahlt wurde. Die ursprüngliche Version wurde nie gesendet, ist aber auf der DVD-Veröffentlichung zur ersten Staffel als Bonus dabei. „Full House“ strauchelte zu Beginn, bekam mäßige Kritiken und die Quoten waren mittelmäßig. Erst mit der zweiten Staffel, Jeff Franklin hielt an der Serie fest und setzte sich für eine Fortführung ein, kam der Erfolg und die Sitcom avancierte nach und nach zum Hit und sorgte für ein Millionenpublikum.

Die negative Kritik ist durchaus berechtigt. Aus künstlerischer Sicht ist „Full House“ relativ flach. Die Gags sind kindgerecht, Klischees werden ausgespielt, der Ton ist äußerst brav, es fielen nie Schimpfwörter und es wurde immer wieder äußerst kitschig. Schon das Main-Theme „Everywhere you look“ von Serien-Theme-Spezialist Jesse Frederick stimmt schon darauf ein aber auch wenn man diese Punkte durchaus akzeptieren muss, hat das Format viele Vorzüge, die man auch benennen muss. Wie keine andere Show aus dieser Zeit portraitiert keine andere Sitcom das Thema „Familie“ mit so viel Hingabe und Herz. Die durchaus interessante Grundprämisse lässt den Spielraum zur Figurenentwicklung, der auch genutzt wird, gerade bei den Männern im Cast.

Da wäre zum Beispiel Jesse. Der Rock’N’Roller mit seiner Vorliebe für Harleys, Elvis und seine eigenen Haare, der generell etwas zur Selbstüberschätzung neigt, ist am Anfang ein unerfahrener Hitzkopf. Ein Mann, der gerne auf der Überholspur lebt und nun sich in einem Familienhaushalt wiederfindet und erst mal alles falsch macht. Mit der Zeit entwickelt sich der Rock-Onkel zum durchaus fürsorglichen Familienmensch, da er die Kinder und das Zusammenleben mit ihnen lieben lernt und seine Mitstreiter ihm immer wieder aufzeigen, dass er manche Erziehungsentscheidungen besser überdenken sollte, ohne aber seine Persönlichkeiten zu verlieren, die ja einen großen Teil der Komik ausmacht. Das gipfelt schließlich in die Hochzeit mit Dannys Kollegin Rebecca (Lori Loughlin), mit der er selbst in Staffel 5 Zwillinge bekommt. Schon nach der Hochzeit will Jesse zu Rebecca ziehen, doch die Sehnsucht nach dem kunterbunten Familienleben bei den Tanners, bewegt ihn dazu den Dachboden auszubauen und dort mit seiner Frau einzuziehen, die zu einer Ersatz-Mutter für die Mädchen wird.

Joey Gladstone hingegen ist der alberne Charakter. Ein Stand-Up Komiker, der es nie zum großen Durchbruch schafft aber mit Fortschreiten der Serie seinen Weg geht. Er ist der weiche im Dreiergespann, denn er ist sehr gutmütig und lässt sich gerne von den Kindern ausnutzen, lernt aber ebenfalls dazu und wird, trotz fehlender Blutsverwandtschaft, auch zu einer Art Vaterfigur. Joey hatte dieses Leben als Kind nie und ist unendlich dankbar ein Teil der Tanners zu sein, da sie ihm das Gefühl geben gebraucht zu werden.

Danny Tanner stellt den klassisch, konservativen Vater der 90er da, der dazu neigt mit Regeln und großem Wertegefühl öfters über die Stränge zu schlagen. Jesse und Joey tun dem Witwer ebenfalls gut, denn durch sie lernt er auch andere Perspektiven zu akzeptieren, wodurch sich die Figuren gegenseitig ergänzen und bereichern.

Über die Jahre entwickeln sich die Charaktere immer weiter und als Zuschauer bekommt man eine immer engere Bindung zu ihnen. Gleiches gilt für die Kinder, die man in 192 Episoden aufwachsen sieht und die man durch acht Lebensjahre begleitet, was schon vorneweg eine Bindung zur Folge hat. Während die ersten Staffeln sich oft auf die Männer fokussieren und sich damit beschäftigen, wie sie in ihre Rollen als Ersatz-Väter hineinwachsen, legt sich der Fokus in den späteren Staffeln mehr auf die Kinder. Diese durchleben alle möglichen Stationen und auch Probleme der Jugend. Sei es die Schule, Freundschaften, erste Liebesbeziehung, Kummer, Probleme mit anderen oder Streitereien. Die Thematiken in vielen Episoden sind sehr lebensnah, da sich die Autoren um Jeff Franklin bei den Eltern der Darsteller und auch bei anderen erkundigten und echte Themen in die Bücher einarbeiteten. Wie zum Beispiel D.J.‘s erste Beziehung mit Steve (Scott Weinger), in der man viel wahre Situationen aus dem eigenen Leben erkennen kann. Somit leistet „Full House“ nicht nur Comedy, sondern auch viel reelles Material, in das sich jeder hineinversetzen kann. Klar glorifiziert es die „Familie“, macht aber auch darauf Aufmerksam, wie wichtig es für Kinder ist, sie liebevoll zu erziehen.

Neben all dieser Dinge kommt auch der Humor nicht zu kurz. Die Serie lebt von der Situationskomik, denn die Figuren geraten immer wieder in abstruse Situationen oder auch Probleme, welche aber immer mit Witz und Herz gelöst werden, so dass zu jedem Ende einer Folge alles Negative bei Seite gelegt werden kann. Der Humor ist sehr kindgerecht, verfehlt aber nicht seine Wirkung. Gerade die Kinder sind immer extrem gut und man möchte gar nicht wissen, wie lange gearbeitet wurde um alles genau so im Kasten zu haben, wie man es haben wollte. Auch heute kann man immer noch beherzt lachen und Sprüche, wie Jesses „Have Mercy“, Joeys „Cut it out!“, Stephanies „How Rude“, D.J.‘s „Oh my Lanta“ oder Michelles „You got it Dude“ gehören genauso zur Popkultur, wie die Auftritte von Nachbarskind Kimmy Gibbler (Andrea Barber), D.J.‘s beste Freundin, die immer wieder für Schenkelklopfer sorgt.

Doch was macht „Full House“ noch so unverwechselbar und einzigartig?

Die Authentizität der Darsteller! Man merkt durchgängig, wie viel Spaß die Schauspieler an der Serie haben und das sie das mit Herz und Hingabe tun und nicht nur für den schnöden Mammon. Über die Jahre entwickelte sich unter den Akteuren selbst eine tiefe Freundschaft, die bis heute anhält. Die älteren kümmerten sich vorbildlich um die Kinder, man fuhr sogar zusammen in den Urlaub und auch nachdem Ende der Show, arbeiteten sie immer wieder zusammen, feierten ihre Geburtstage zusammen und wurden von der Serien-Familie fast schon zu einer eigenen Familie. Dieses Gefühl überträgt sich auf den Zuschauer und somit hat die Sitcom einen Zauber, ja eine Magie, die ich persönlich nie wieder in einem Fernsehformat gespürt habe. Das sind genau die Punkte, die „Full House“ so großartig machen und die Show zum Pflichtprogramm für alle Kids im Alter von 6-12 Jahren qualifizieren.

Das Vermächtnis:

Am 23. Mai 1995 wurde die Serie schließlich eingestellt, obwohl alle Beteiligten noch für eine 9. Staffel zur Verfügung gestanden hätten. Die Trauer war bei den Fans, aber auch bei den Darstellern sehr groß. Über all die Jahre schrie man nach einer Fortsetzung, zu der es nie kam. Trotz allem konnte man die Stars immer wieder zusammen im Fernsehen sehen, die ihrer Anhängerschaft immer etwas „Full House“-Feeling schenkte, zum Beispiel der Auftritt von „Jesse & the Rippers“ bei Jimmy Fallon. Schließlich kam im Jahr 2014 der Knaller: „Full House“ kommt zurück. Jon Stamos gab bekannt eine Fortführung des Originals mit zu produzieren. In Zusammenarbeit mit dem Streaming Giganten „Netflix“ produzierte man unter dem Titel „Fuller House“ ein Spin-Off, welches sich auf D.J., Stephanie und Kimmy Gibbler fokussiert, die nun selbst die Situation durchleben, wie einst Danny Tanner. Nun müssen drei Frauen Kinder erziehen. Alle Darsteller, mit Ausnahme der Olsen-Zwillinge nahmen ihre Rollen wieder auf und auch Schöpfer Jeff Franklin ist wieder an Bord. Nun ist ab dem 9.Dezember 2016 weltweit schon die 2.Staffel „Fuller House“ verfügbar, die weniger eine originelle neue Serie ist, sondern ein Geschenk für Fans und alle die es noch werden wollen. Sie ist mit genauso viel Herz gemacht wie das Original, obwohl man hier eher vom Nostalgiefaktor zerrt und auf bewehrtes setzt. Ich persönlich werde wieder reinklicken und mich dem Alltag der Familie Tanner widmen, einfach weil mein Herz dafür schlägt und die Serie mich immer begleitet hat und mir schöne Stunden bescherte.