Flucht von Alcatraz (1979)

Originaltitel: “Escape from Alcatraz”
USA 1979
mit Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Fred Ward, Roberts Blossom…
Drehbuch: Richard Tuggle
Regie: Don Siegel
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Frank Morris (Clint Eastwood) wird während eines nächtlichen Gewittersturms auf der Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco eingeliefert. Der hoch intelligente Schwerverbrecher verschafft sich als harter Brocken den Respekt der Mitgefangenen und lässt sich auch durch Schikanen in Einzelhaft nicht beugen. Er tüftelt einen Plan zur Flucht aus und setzt ihn mit zwei Brüdern, die er aus einem anderen Zuchthaus kennt, nach monatelanger Kleinarbeit in die Tat um.

Don Siegel und Clint Eastwood. Ein eingeschworenes Team des 70er Jahre Kinos, welches eine Reihe von Perlen hervorbrachte. Mit „Flucht von Alcatraz“ (1979) lieferten die Beiden ein spannungsgeladenes Stück ab, welches sowohl als klassischer Ausbruchsfilm, als auch ruhiges Gefängnisdrama funktioniert.

Als 1968 der Film „Coogans großer Bluff“ in die Kinos kam, war man sich sicher, dass Regisseur Don Siegel und sein Hauptdarsteller Clint Eastwood wie für einander geschaffen waren. Man wurde nicht enttäuscht. Es folgten weitere, von Kritikern, wie auch Publikum, geschätzte Filme, darunter der Klassiker „Dirty Harry“ (1971). „Flucht von Alcatraz“ (1979) stellt die letzte Zusammenarbeit der beiden Ikonen dar, zudem ist es Siegels letzte große Kinoarbeit. Der Film gilt als eine Art Blaupause für ähnliche Gefängnisfilme, die sich mit minutiös geplanten Ausbrüchen ihrer Hauptfiguren beschäftigen. Solch einen Handlungsverlauf finden wir auch in „Flucht von Alcatraz“ wieder. Der straffällige Frank Morris, gespielt von Eastwood, wird eines Nachts mit einem Boot in das berühmte, häufig als „The Rock“ bezeichnete, Gefängnis gebracht. Dort erwartet den raubeinigen Häftling ein menschenverachtendes System. Schnell schließt er den Entschluss aus dieser Vollzugsanstalt auszubrechen und scharrt ein paar Gleichgesinnte um sich. Im Grunde folgt Don Siegels Film einer ganz klaren Struktur. Kernelement der Handlung ist die Planung, Vorbereitung und Durchführung des Ausbruchs, quasi wie im klassischen Heist-Film, nur das die Protagonisten fliehen wollen, anstatt irgendwo einzudringen. Diese Handlung wurde meisterlich umgesetzt, denn man nimmt sich Zeit diesen Ablauf zu erzählen und würzt das Ganze mit spannenden Momenten, da man ja jeder Zeit erwischt werden könnte. Das Drehbuch von Richard Tuggle widmet sich aber auch in Zwischentönen intensiver den Charakteren, von denen Eastwood wahrscheinlich am einfachsten gezeichnet ist. Wir lernen zum Beispiel „English“ kennen, ein afroamerikanischen Insassen, dem man zwei Mal 99 Jahre aufgebrummt hat, da er in Notwehr zwei weiße getötet hat. Während „English“ darunter leidet von seiner Familie getrennt zu sein, baut er sich seine eigene Gang auf, die sich größtenteils von den anderen distanziert. In nur kleinen Szenen wird ein ganzer Charakter mit verschiedenen Eigenschaften etabliert, ein kleines Kunststück für einen Film, der lediglich eine Laufzeit von rund 100 Minuten besitzt und sich nicht mit zu viel Exposition beschäftigt.

Tragisch ist auch das Schicksal des gefangenen „Doc“, der ein leidenschaftlicher Maler ist und dem man seine einzige Beschäftigung, die ihm noch Freude macht, wegnimmt, da er ein nicht in Gänze schmeichelhaftes Portrait des Direktors angefertigt hat. Daraufhin hackt er sich vor versammelter Mannschaft die Finger ab. Es sind diese Abgründe, diese nicht vorhandene Wertschätzung des Menschen, die Frank dazu animieren aus Alcatraz auszubrechen. Natürlich bekommt man auch Klischeefiguren zu sehen, wie zum Beispiel „Lackmus“, der Mann der Alles besorgen kann oder den klassischen Bullen, der eine neue „Braut“ sucht und sich mit Frank Morris in den falschen verguckt hat. Diese Zutaten gehören einfach zum Genre aber stören auch nicht. In „Flucht von Alcatraz“ passt einfach Alles. Don Siegel setzt auf eine geradlinige Inszenierung und besonders der finale Ausbruch wird vollständig in Stille durchgeführt. Man fühlt sich fast an einen Film von Jean-Pierre Melville erinnert, dessen inszenierter Heist aus „Vier im roten Kreis“ (1970) wohl als Pate für den Film zur Verfügung stand. Der Regisseur und das Drehbuch haben ganz klar Sympathie für die Gefangenen, für die Anti-Helden, die zwischen Zwangsarbeit und Dunkelhaft einiges ertragen müssen. Sie werden als Menschen dargestellt. Clint Eastwood spielt hier natürlich seine Paraderolle als raubeiniger Kerl vom Dienst, der sein Ding durchzieht. Trotzdem nimmt er Rücksicht und wird als eine nachdenkliche Figur dargestellt. Auch die Nebenrollen sind mit Fred Ward, Patrick McGoohan und Roberts Blossom passend und perfekt besetzt. In einer kleinen Nebenrolle kann man übrigens Danny Glover als Häftling entdecke. Der hat ein offenes Ende, was auch bewusst integriert wurde, basiert es doch auf einem realen Fall aus dem Jahr 1962. Wie in der Realität werden Frank Morris und seine Komplizen nie gefunden. Es ist unklar, ob ihnen die Flucht gelang oder ob die in der San Francisco Bay ertranken.

Don Siegel „Flucht von Alcatraz“ (1979) erweist sich als spannungsgeladenes Ausbruchsdrama, welches den Fokus nicht nur auf die Flucht legt, sondern auch ruhige und dramatische Zwischentöne anschlägt. Einer der besten Zusammenarbeiten zwischen dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller Eastwood!