Frankenstein (1994)

Inhalt:

Der Schweizer Arzt Victor Frankenstein (Kenneth Branagh) erschafft aus Leichenteilen ein neues Wesen (Robert de Niro). Verschmäht und verachtet durch die Menschheit versucht das Wesen seine Stellung in der Welt zu finden. Das ist aber alles andere als einfach.

Filmisches Feedback:

Bildgewaltiges Stück Kunsthorrorkino

Ich setzte, bevor es weitergeht, den Film hier in einem ganz anderen Licht wie die Verfilmung von 1931. Das Original (obgleich bereits der Film DER GOLEM WIE ER IN DIE WELT KAM, 1920 einiges vorwegnahm) bleibt unerreicht in seiner Art und hat seinen Platz im Gruselfilmolymp. Kenneth Branagh war in der 90ern ein Regisseur der neben kleineren Produktionen, schon damals aufkommen ließ, was er heute mir THOR (2011) oder SHADOW RECRUIT (2014) vollbrachte: erzählerisches Bombastkino mit allerlei Anleihen bei klassischen Stoffen. Sei es Literatur oder Mythologie.

Branagh hat allerdings immer ein Leithema in seinen Filmen: die Komplexität von familiären Zusammenleben und der Menschwerdung. Dieser Film hier ist quasi der Anfang seines fantastischen Schaffens. Und die kommt gewaltig: enorme Austattungsorgie und Kamera (mit viel Symbolik und Metaphern), majestätisch gedreht (so u.a. mit einer sehr pompösen Musik von Patrick Doyle) und allen voran überragende Darsteller (natürlich ohne Frage die Leitfigur in diesen Film schlechthin: Robert de Niro).

Das „Frankenstein“-Motiv, dass der Mensch Gott spielt und sein eigenes Monster erschafft wäre hier zu oberflächlich betrachtet. Der Film geht viel tiefer in die menschlichen Urängste und die Psyche des Menschen ein. Alle Taten der Kreatur macht sie nur um zu (über-) leben und als Mensch anerkannt zu werden und nicht als „Wesen“ welches erschaffen wurde. Jedes Lebewesen, das denken kann braucht Freunde, Familie, Liebe und genau das versucht es zu finden. Es will akzeptiert werden. Und scheitert an den Urängsten der Menschen vor dem Unbekannten.  Nur weil jemand anders ist, heißt es nicht, dass es ein nicht-liebendes Wesen sein kann. Die Angst des Menschen vor dem unbekannten Wesen (welches vielleicht viel mehr vom menschlichen Wesen weiß, als der Mensch als solches) ist ein Thema des Films.

Tod, Vergänglichkeit, Geburt, Sex sind die anderen Themen des Films. Man spürt eine unmittelbare Erotik in den Film. Die Erschaffung der Kreatur gleicht einem monströsen Geschlechtsakt, die Beziehung zwischen Victor und Elizabeth oder später die Beziehung zwischen Elizabeth und der Kreatur. Im Grunde ist der Film eine abstruse Liebesgeschichte. Die Kreatur sucht verzweifelt nach Liebe und die findet er nur in der toten Elizabeth, die in der Hochzeitsnacht stirbt. Aus Liebe flickt Victor sie wieder zusammen im Auftrag der Kreatur. Schließlich sterben beide an Liebe zu ihr. So ist der Mensch das Monster, die Kreatur, der an etwas zerbricht, daß er selbst erschuf. Quasi die Zerstörung des eigenen „Ichs“ durch die Unsicherheit vor sich selber und durch die Angst zu den Unbekannten. Ein einfach großartiger Film und zudem der erste bei dem ich als jugendlicher Bub eine Träne vergoss (die Szene in der die Kreatur von seiner „Ziehfamilie“ ausgestoßen wird.