Glengarry Glen Ross (1992)

Die vier Immobilienmakler Shelley Levine, Ricky Roma, George Aaronow und Dave Moss stehen plötzlich mit dem Rücken zur Wand. Ihnen wird das Messer an die Brust gesetzt. Die wirtschaftliche Rezension hat auch ihr Maklerbüro erfasst. Die Firmenleitung lässt verlauten, dass nur zwei Mitarbeiter nach einem radikalen Schnitt übrig bleiben werden. Wer innerhalb kürzester Zeit am meisten verkauft, erhält einen Cadilliac Eldorado, der Zweitbeste ein Steakmesser-Set – und einen Job. Der Rest fliegt hochkant raus. Um den Standpunkt der großen Bosse im Hintergrund deutlich zu machen, wird „Bluthund“ Blake geschickt. Er hält den vier verdutzten Verkaufsprofis einen Vortrag, der sich gewaschen hat und sie wie unreife Schuljungen zurück lässt. Derart unter Druck gesetzt, machen sich die vier Makler an die Arbeit, ihren Job zu retten.

 

Es ist ein häufig auftretendes Phänomen: Filme, die im Kino Schiffbruch erleiden und erst im Nachhinein, meist durch DVD und Blu-Ray, von der Masse gewürdigt werden und teilweise Kultstatus erlangen. „The Thing“ von John Carpenter zum Beispiel floppte im Kino und bekam durch die Bank schlechte Rezensionen, gilt aber heute als absoluter Klassiker. Ein weiterer Fall ereignete sich im Jahr 1992, wenn auch nicht ganz in so massivem Ausmaß. Die filmische Theateradaption „Glengarry Glen Ross“ spielte trotz Starbesetzung kaum Geld ein und bekam vernichtende Kritiken. Erst Jahre später wurde der Film als Meisterwerk bezeichnet und bekam endlich Anerkennung bei Kritik und Publikum. Auch ich halte ihn für einen besonderen Film, ein wortgewaltiges Feuerwerk an fantastischem Schauspiel, intensiv und fesselnd und das, obwohl wenig passiert. Bühne frei sozusagen für „Glengarry Glen Ross“!

Erst einmal vorneweg, der Film wird nicht jedermann zufrieden stellen, denn das was man bekommt, lässt sich durchaus als schwere Kost bezeichnen. Die Handlung ist denkbar schlicht aber effektiv: Vier gerissene, mit allen Wassern gewaschene Immobilienmakler kämpfen um ihre Jobs und müssen in begrenzter Zeit Abschlüsse erwirtschaften um ihren Job zu behalten. Das ist zwar wenig Ausgangsmaterial und der Verlauf gestaltet sich denkbar unspektakulär, jedoch ist der Film überhaupt nicht an seiner Story interessiert. Hier liegt der Fokus eindeutig auf den Charakteren, denn fast allen steht das Wasser bis zum Hals und alle fürchten um ihre Existenz. Was nun folgt sind ausufernde Dialoge und Wortgefechte, in denen wir das Verhalten, die Einstellungen und Menschen an sich kennenlernen. Es werden Pläne ausgeheckt, zwielichtige Verkaufsgespräche geführt und sich in Melancholie gesuhlt. Auch auf große Schauplätze verzichtet der Film. Die Handlung spielt sich lediglich zu 90 Prozent im Büro der Beteiligten, sowie in der gegenüber befindlichen Bar ab. Somit erzeugt man die Atmosphäre eines Theaterstücks, was die Vorlage auch war. Autor David Mamet adaptierte sein eigenes Skript zum Drehbuch und erhielt so den Geist seiner Vorlage. James Foley erzählt in ruhigen Bilder und lässt dem großartigen Ensemble Zeit, um ihr ganzes Können zu präsentieren. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Rezession in den USA tauchen wir in den Dschungel des klassischen Vertreters ein, man könnt es fast schon ein Berufsportrait nennen. Unsere Figuren sprechen über ihre Zukunft, ihre Sehnsüchte und teilweise über ihre Probleme, werden zu ehrlichen Individuen, während sie in ihrem Job an Schlitzohrigkeit kaum zu überbieten sind. Da geben sie sich als führende Persönlichkeiten aus und schwatzen dem armen Kleinbürger teure Grundstücke auf. Jedes trickreiche Mittel ist ihnen Recht, was letztendlich zählt ist die Unterschrift auf dem Vertrag um Provision zu kassieren.

Dieses Portrait ist zudem eine beißende Kritik an die Leistungsgesellschaft, sie zeigt den ungeheuren Druck der von egozentrischen Managern, hier von Alec Baldwin dargestellt, auf den kleinen, unbedeutenden Vertreter ausgeübt wird. Die müssen Abschlüsse liefern. Wer nicht liefert wird gefeuert. Diese Prozedur ist eben so plakativ, wie effektiv, denn der Zuschauer spürt wahrlich die Last die auf unseren Protagonisten lastet. Da wäre der alte Shelley, der die Pflege seiner Tochter bezahlen muss, welche an Krebs erkrankt ist, aber durch eine Pechsträhne geplagt ist. Dann haben wir den harten Rick Roma, dem jedes Mittel Recht ist und der ein wahrlich impulsiver Mensch zu sein scheint, Dave, der nur nach einem Ausweg und einer Zukunft sucht und zu guter Letzt George, der sichtlich überfordert zu sein scheint und mit dem Druck nicht zu Recht kommt. Da der Film lediglich aus Dialogen besteht, kann der Zuschauer hier tief eintauchen und bekommt absolut fesselnde Schauspielkunst geboten mit absoluter Starbesetzung. Jack Lemmon als vom Pech verfolgter Makler ist ebenso wunderbar, wie Al Pacino als aufbrausender Zeitgenosse, der auch seine üblichen Wuttiraden zum Ausdruck bringen darf. Ed Harris und Alan Arkin spielen gekonnt auf und bilden ein gutes Neben Duo. Kevin Spacey ist hier als Büroleiter zu sehen. Er spielt den klassischen Bürokraten, der von der Arbeit und dem Druck keine Ahnung hat und sich nur an Richtlinien hält, was zu Spannungen führt. Alec Baldwin verkörpert die Obrigkeit, die Chefetage, die nur an Geld und Statussymbolen interessiert ist und sich nicht um den kleinen Bürger schert. Zu erwähnen sein noch der äußerst angenehme Score von James Newton Howard, der mit seinen Jazzklängen die Melancholie, es regnet auch ununterbrochen, genau einfängt und akustisch wiedergibt. Somit bleibt zwar kein temporeicher Film, sondern eine bissige Charakterstudie mit wohl einem DER Dialogfeuerwerke der 90er. Der Film schafft es den aufgeschlossenen Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, so als säße man selbst mit den Jungs an der Bar.

„Glengarry Glen Ross“ ist speziell. Für alle Nostalgiker und Fans von ruhigen Dialogen und grandiosem Schauspiel sei dieses Werk ans Herz gelegt. Ein interessanter Film voller Nuancen und starken Leistungen. Wem schon Tarantino-Filme zu ausufernd sind, sollte um den Streifen einen großen Bogen machen, denn er könnte sich bis in die Besinnungslosigkeit langweilen, denn das ist feinstes Arthousekino.