Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia

Stilistischer und inhaltlicher Klassiker
Der Begriff Klassiker zu definieren kann manchmal schwer sein. Ebenso wie der Begriff des „Kultfilms“. Manchmal zu überstrapaziert, und für jeden individuell erfassbar. Was ein „Klassiker“ und was „Kult“ ist mag nicht allgemein definierbar sein. So ist es für jeden eine Sache wie er einen Film sieht und was er persönlich daraus zieht. Ich empfinde diesen Film als „Klassiker“. Vollkommen unabhängig von der Entstehungszeit kann ich ihn guten Gewissens als solches bezeichnen. „Klassiker“ sind m.E.n. nicht zeitbedingt, sondern bedürfen bestimmten Voraussetzungen. So ist es auch hier. „Good Fellas“ entpuppt sich als mit das größte Werk Scorceses. Er schafft hier ein Mammutprojekt der besonderen Art. Warum ist das so? Warum ist dies nun ein „Klassiker“ für mich?

Ich möchte das kurz aufdröseln. Dieser Film bietet drei Aspekte des filmischen Schaffens, welches ausschlaggebend ist um einen Film die Zeit überdauern zu lassen. Zum einen ist hier die stilistische Seite. Die Technik die hier Scorcese schuf, zusammen mit der genialen Kamera von Michael Ballhaus und dem Schnitt von Thelma Schoonmaker, ist, auch für einen Mafiafilm, bahnbrechend. Im Gegensatz zum anderen Mafiafilm der Furore machte („Der Pate“) ist hier alles schnelllebig gedreht. Hier herrscht das Chaos. Hier gibt es keine Ruhephasen, kein langes Verharren auf Gesichter. Hier ist alles wild; die Kamera wirbelt um den Schauspieler und führt uns in eine Welt ein, die so sonderbar abstrakt und fremd ist, dass sie gleichzeitig eine große Faszination darstellt. Allein die lange Kamerafahrt in den Club ist eine Meisterleistung von Ballhaus. Die Kamera und der Schnitt in Kombination mit der stimmigen Musik (hier zeigt Scorcese seine Kunst perfekte Szenen zu zeigen, da er Musikstücke ausgesucht hat, die vollkommen passend zur Zeit und zur Szene sind und damit ist er ebenfalls ein Vorreiter der ganzen „Inspired by“-Alben und/ oder Tarantinos Faible fürs musikaussuchen), zeigt einen neuen Stil in der Darstellung des Mobs. Dieser Stil beeinflusst bis heute Filmschaffende, wie jüngst die Serie „Boardwalk Empire“ oder „Mob City“, und hat einen größeren Einfluss auf die moderne Popkultur als „Der Pate“.

Und hier ist der zweite Unterschied und der zweite Aspekt des „Klassiker“-Mythos dieses Films: der Inhalt. Während tatsächlich „Der Pate“ sehr ruhig und elegisch daherkommt und in langen, langsamen Szenen eine eher romantische Seite des Mobs zeigt und die Schmutzigkeit nur partiell offenbart, da kommt Scorceses Werk mit einer inhaltlichen Schwere daher, die man so vorher noch nie sah. Hier ist nichts moralisch, nichts rein „schwarz“ oder rein „weiß“. Es gibt in Scorceses Mafiawelt keine wirkliche ethische Säule an denen die Menschen sich hochhangeln können. Sie sind im Grunde ganz auf sich alleine gestellt. Es gibt hier keine Familie die einen hilft. Der Mensch geht hier unter wenn er sich auf diese Welt einlässt. Scorcese appelliert unterschwellig an das menschliche Gewissen sich aus einer Welt herauszuhalten die einen in den Sog der Verdammnis bringt. Eine Thematik, die er häufig später ebenfalls zeigte, wie z.B. „Casino“ oder „The Departed“.

Und hierzu kommt jetzt der dritte Aspekt. Und zwar die Kombination der beiden zuvor genannten Aspekte. Scorcese schafft es in kongenialer Weise sowohl den Stil als auch den Inhalt in eine perfekte Balance zu bringen. Die schnelle Inszenierung versinkt im Chaos und spiegelt eben genau das (Innen-) Leben der Darsteller wieder. Wenn Scorcese schnelle Szenen mit schnellen Schnitten und der Musik kombiniert (wie in der quasi Drogenszene von Ray Liotta), dann bringt er die Seele direkt auf die Leinwand. Das Leben ist hier kurz, schmerzlos und brutal. Genau so drehte er das auch. Neben den exzellenten Darstellern brilliert hier vor allen Dingen eins: der Film als erzählendes Medium. Für mich ein „Klassiker“. Noch vor „Der Pate“.