Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen (1976)

Bei einer Razzia kommt es zu einem Feuergefecht, bei dem Inspektor Vanni (Marcel Bozzuffi) den Bruder des gefürchteten Gangsterbosses Marsigliese (Ivan Rassimov) erschießt. Marsigliese rächt sich mit der Erschießung von Vannis Frau. Daraufhin wird bei der Polizei eine Vanni unterstellte Spezialeinheit gebildet, die Motorräder fährt und mit Revolvern des Kalibers 38 bewaffnet ist. Kurz darauf lässt Marsigliese zwei seiner Komplizen aus der Haft befreien und organisiert 70 Tonnen Sprengstoff, mit denen er die Stadt Turin um fünf Millarden Lira erpressen will…

Die italienische Film-Industrie ist, oder besser war hinreichend dafür bekannt, gängige Trends des internationalen Kinos aufzugreifen und daraus ihre eigenen Stoffe zu kreieren. Egal ob Western, Horror, Erotik oder Action, in Italien ging alles! Ein besonders schillerndes und beliebtes Genre war der sogenannte Polizioteschi, wahlweise auch schlicht Italo-Crime genannt. Actionbetonte Polizei-Filme und Krimis der härteren Gangart. Der vorliegende Film „Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen“ ist eine besondere Perle dieser Zeit. Das 1976 entstandene Werk ist ein rasanter, spannender und actionreicher Reißer mit Top-Besetzung.

Der Polizioteschi gehört definitiv zu meinen Lieblingsgenres aus der Exploitation-Ecke. Nach Welterfolgen, wie „Dirty Harry“ oder „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ inszenierten die Italiener ihre eigenen Krimi- und Verbrechergeschichten, in deren Zentrum meist harte, männliche Ermittler standen, die mit dem Abschaum ordentlich aufräumten, ganz im Stil von Clint Eastwood oder Gene Hackman in den Vorbildern. Zugleich spiegelten die Filme die Gesellschaft unserer südlichen Kollegen wieder, in der zu dieser Zeit die Kriminalität florierte. Nicht selten waren diese Genre-Filme von Selbstjustiz geprägt, ein Ventil für die verärgerte Bevölkerung, die es nur zu gerne sahen, wenn raubeinige Kommissare den miesen Verbrechern in den Allerwertesten traten. Stars wie Henry Silva, Franco Nero oder „Kommissar Eisen“ Maurizio Merli waren die führenden Gesichter dieser Filmgattung, zu deren Stammbesetzung auch Regisseure, wie Stelvio Massi, Enzo G. Castellari und Umberto Lenzi zählten. „Kaliber 38“ ist ein eher unbekannter Vertreter aber zugleich ein sehr Guter. Die Handlung um einen eiskalten Verbrecher, der mittels Bomben die Stadt Turin ins Chaos stürzt ist recht einfach aber effektiv gestrickt. Hier tritt klar Gut gegen Böse an, mit einem Kommissar, der gerne die Regeln missachtet um für Gerechtigkeit zu sorgen. Dieser wird gespielt von Marcel Bozzuffi, der auch in „French Connection“ einen Auftritt hat und als Bösewicht in Fulcis „Das Syndikat des Grauens“ brillierte. Die Rolle des knochenharten Ermittlers steht ihm gut und er treibt den Film mit seiner Präsenz voran. Auch sein Gegenspieler kann sich sehen lassen. Ivan Rassimov, der in den 70er Jahren in einigen Italo-Filmen vertreten war, hat schon durch sein markantes Gesicht eine fiese Präsenz und spielt diese gekonnt aus. Das Katz-Und-Maus-Spiel bietet ordentlich Spannung und die Komponente mit der Spezialeinheit des Kommissars, die die titelgebenden Waffen verwenden, sorgt für coole Actionszenen. Hier gibt es einige rasante Verfolgungsjagden, meist auf Motorrädern, mit schönen Stunts und ein paar Ballereien, die für damalige Verhältnisse auch eine angemessene Härte vorweisen können. All diese Szenen sind gut verteilt, was dem Film ein gutes Tempo gibt aber auch die ruhigen Szenen können durch Spannung und gutes Schauspiel glänzen.

Handwerklich ist der Film sehr gut inszeniert. Schöne Kamerafahrten und gute Einstellungen, gerade bei Stunts machen den Film sehr hochwertig. Besonders der Shootout in der Villa, bei dem nur wenig geschnitten wird und die Kamera viel mitläuft, gefällt mir optisch sehr gut, was daran liegen mag, dass hier ein talentierter Filmemacher auf dem Regiestuhl saß. Niemand geringeres als Massimo Dallamano war hier für die Regie verantwortlich. Er war schon Kameramann bei Sergio Leone für die Klassiker „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ und inszenierte den vorzüglichen Giallo „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“, lief hierzulande in der Edgar Wallace-Reihe, sowie den fantastischen Giallo/Polizioteschi-Hybrid „Der Tod trägt schwarzes Leder“. Auch bei „Kaliber 38“ zeigt Dallamano sein Können und formt aus einer simplen Geschichte einen erstklassigen Action-Krimi, der sich hinter den Vorzeigefilmen des Genres nicht verstecken muss. Zugleich war es seine letzte Regiearbeit, er starb noch im selben Jahr bei einem Autounfall. Mit 98 Minuten ist der Film zudem auf den Punkt. Er ist kurzweilig und macht einfach mächtig Spaß, auch wenn er weit weniger Over-The-Top ist, wie zum Beispiel die Lenzi-Filme. Wer genau hinschaut entdeckt auch eine spätere Disco-Queen unter den Akteuren. In einer Clubszene ist Grace Jones („Slave tot he Rhythm“) bei einem Gesangsauftritt zu sehen. Auch weitere musikalische Aspekte sind mit gut zu bewerten. Der Score von Stelvio Cipriani liefert mit seinen Synth-Klängen das gewohnte Italo-Flair und untermalt von opulent bis angenehm schmierig wunderbar den Film. Dieser rare Reißer ist bei uns in DVD-Hartboxen von „Anolis“ erschienen und beinhaltet einen schönen Audiokommentar von Christian Kessler und Peter Blumenstock, die neben Infos zum Film auch einen weiten Bogen im Bereich der italienischen Genre-Filme spannen und interessante Anekdoten zum Besten geben.

„Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen“ ist ein unterhaltsamer, spannender Italo-Crime Kracher, der durch gutes Handwerk, gute Action und gute Darsteller glänzt. Für Freunde des südländischen Kinos definitiv Pflicht, für alle anderen aber auch sehr zu empfehlen.

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