Koyaanisqatsi (1982)

Eine Höhle, platongleich, erstreckt sich am Anfang in einer langen Zoomfahrt der Kamera. Je mehr sie nach hinten zieht, desto mehr sieht man Wandmalereien. Dunkel, aber dennoch bunt. Es sind Zeichen der Hopi-Indianer. Eine Menschengruppe, die vor langer Zeit lebte. Keine Maschinen, keine Elektrizität, keine Moderne. Nur Natur und Regeln nach selbiger. Die Musik setzt ein. Sakral, choral, langsam. Keine Eile, keine Hetze. Langsam wird ein Bild aufgebaut, welches am Ende des Films nochmal erscheint. Der Kreis ist geschlossen. Die Hopi-Nachricht die der Film zeigt lautet: „Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, laden wir das Unglück ein. Wenn der Tag der Reinigung nah ist, werden Spinnweben hin und her über den Himmel gezogen. Ein Behälter voller Asche wird vom Himmel fallen, der das Land verbrennt und die Ozeane verkocht.“ – Das Leben im Ungleichgewicht.
Das zentrale Thema dieses Films. Die Anfangs- und Endsequenz zeigt genau das. Die Hopi-Nachricht steht im Kontrast zu den gezeigten Bildern. Zumindestens von den Bildern, die die Moderne zeigt. Menschen, die wie Ameisen schnell und klein in der Großstadtwelt ihres selbst suchen. Raketen, die in den Himmel schießen, um vielleicht irgendeinen Gott oder was auch immer zutreffen, explodieren und bringt die Verlorenheit der menschlichen Existenz zum Ausdruck, wenn man sich nicht auf das Leben fokussiert. Zeitrafferaufnahmen, die grelle Lichter zeigen, wie Rücklichter von Autos, einstürzende Hochhäuser, Großstädte, die immer weiter wachsen, immer mehr das Individuum als kleinstes Teil einer industriellen Gesellschaft präsentiert. Der Mensch wir hier ein Spiegel vorgesetzt. Siehe her, so bist du in einer Welt voller Eile, voller Unruhe. Keine Zeit für nichts. Grell und schnell muss es sein. Keine Zeit zum ausruhen, zum atmen.

Und dann die gegenteiligen Bilder. Luftaufnahmen der Erde. Wasserfälle, Berge, Landschaften, so ursprünglich wie die Hopi. Slow Motion im Extremen wird gezeigt, was die Erde ausmachen kann, wenn der Mensch sich darauf zurückbesinnt, was es bedeutet zu leben. Keine Eile, keine Hetze, kein Streben nach imaginärem Glück. Kein Stress, Leben und Natur aufsaugen, genießen, atmen. In einen atemberaubenden Bilderrausch wird uns hier gezeigt, wie es sein kann, wenn wir wollen. Oder ist es doch mittlerweile so, dass die industrielle Kultur zum neuen Naturerlebnis geworden ist? Hat die Evolution den Menschen pervertiert? Ist das Leben in der Moderne jetzt die neue Natur? Die Bilder könnten das suggerieren, ja sie formen sogar die Vorstellung. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dies so ist. Aber es ist nicht alles. Die Natur und seine Schönheit halten dagegen. Der Mensch ist, im Hinblick auf die Evolutionsgeschichte, höchstens 2 Sekunden auf dieser Welt. Die Natur ist lange vor uns da gewesen und wird es auch noch lange nach uns. Sie wird sich durchsetzen. Warum also sich ihr nicht hingeben? Warum nicht die Schönheit der Welt bewundern? Sich treiben lassen und sehen. Der Film stellt genau diese Konfrontation gegenüber. Auf der einen Seite der Mensch als kleinste Einheit des Universums, auf der anderen Seite die Unendlichkeit der Natur. Wir werden unterliegen. So oder so. Also warum nicht gleich das Leben genießen?

Reggio und sein genialer Kameramann Ron Fricke arbeiteten sechs Jahre an den Film. Jedes einzelne Bild ist eine auf Zelluloid gemeißelte Einzigartigkeit. Nichts ist hier dem Zufall überlassen worden. Sie arbeiteten mit allen Mitteln die damals zur Verfügung standen um eine wunderbare Sichtweise dem Zuschauer zu präsentieren. Ein Film, ohne Dialog. Obwohl das stimmt auch nicht ganz. Die schöne Musik von Phillip Glass ist der Dialog. Sie untermalt nicht den Film, sie spricht mit uns. Glass schuf mit diesem Soundtrack eine wahre Wanderschaft des Geistes durch die Musik. Seine anfangs erwähnten sakralen Töne werden unterstrichen mittels chorartigen Sing-Sang. Bilder und Musik schaffen eine perfekte Kombination und unterstützen sich. Bild- und Musiksprache bilden hier den Dialog.


Klingt für euch alles sehr gesalbt und ein bisschen zu sehr kulturpessimistisch? Ein wenig zu sehr hippiemäßig?
Mag sein, kann sogar gut sein. Aber, und das gebe ich bedenkenlos zu, auch wenn der Film vielleicht nichts ändern wird, so kann man ihn dennoch als Versuch anerkennen, die Welt ein bisschen besser zu machen, wenn man bereit dazu ist und man sich auf ihn einlässt. Grade zu dieser Zeit (und ich meine nicht Weihnachten, sondern generell in dieser Zeit) sollte der Film gesehen werden. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass Kameramann Fricke auch Regisseur der ebenso genialen Filme „Bakara“ und „Samsara“ ist. Auch diese unbedingt ansehen.