Kritik: Das Geheimnis der grünen Stecknadel (1972)

Der Lehrer Henry Rossini hat eine Affäre mit einer seiner Schülerinnen. Während einer gemeinsamen Bootstour beobachtet sie einen Mord, er schenkt ihr jedoch keinen Glauben. Als dann jedoch weitere Morde unter den Schülerinnen geschehen, sieht sich Rossini schnell im Visier des ermittelnden Kommissars Barth. Rossini stellt selbst Nachforschungen an und stößt auf das Mädchen Solange, deren schreckliche Kindheitserlebnisse etwas mit den Morden zu tun zu haben scheinen.

Die Kritik beruht sowohl auf der ungeschnittenen Langfassung als auch
auf der geschnittenen, deutschen Veröffentlichung von Ufa/BMG aus der
EDGAR WALLACE-COLLECTION:

“Das Geheimnis der grünen Stecknadel” ist ein unter deutscher
Beteiligung entstandener Thriller, der dem italienischem Giallo
zuzuordnen ist. Hierzulande wurde der Film als eine der letzten
Edgar-Wallace-Verfilmungen vermarktet und erreicht dabei nicht
annähernd den nostalgischen, leicht angestaubten und ironischen Charme
gängiger Wallace-Verfilmungen aus den späten 50er und 60er Jahren.

Zwar wurde mit Joachim Fuchsberger einer der beliebtesten und demnach
meist beschäftigten Ermittler von Scotland Yard mit der Aufklärung
einer Mordserie beauftragt, in deren Zusammenhang es nicht um
Erbstreitigkeiten, Unterweltverbrechen oder unheimliche Mönche geht –
obwohl auch hier ein Priester eine nicht unwichtige Rolle einnimmt.
Massimo Dallamanos Thriller hat nichts mehr mit den traditionellen
Filmstoffen wie “Der Hexer” oder “Der Bucklige von Soho” gemeinsam,
sondern ist vielmehr der erste Teil der sogenannten “Schulmädchen in
Angst-Thrillogie”, die mit dem sehr harten “Der Tod trägt schwarzes
Leder” fortgesetzt und mit dem etwas zähen “Die Orgie des Todes”
beendet wurde.

Im Mittelpunkt der Handlungen steht in allen drei Filmen eine
verschworene Mädchengruppe an einer angesehenen Privatschule, die nach
und nach einem geheimnisvollen Messerstecher zum Opfer fallen. Das
Motiv für die brutalen Morde ist jeweils ein düsteres Geheimnis im
Umfeld der Mädchen.
Humor und skurrile Mordmethoden (wie etwa in “Die blaue Hand” oder
“Das indische Tuch”) sucht der Zuschauer hier vergebens. Hier
dominieren blutige und detailfreudig inszenierte Kills und nackte
Mädchenkörper das Geschehen und auch Joachim Fuchsberger ermittelt
ungewohnt ernst.

“Hallo – Hier spricht Edgar Wallace” – diesen markanten Spruch mitsamt
seiner Revolverschüsse und der peitschenden MG-Salve erwartet der
Zuschauer daher vergeblich wenn er sich die englische Langfassung von
“Das Geheimnis der grünen Stecknadel” anschaut. Hier wird sehr
deutlich, was von der Ursprungsfassung für die deutsche Kinoauswertung
übrig blieb und wie der Thriller umgeschnitten wurde um ihn
hierzulande marktschreierisch als “Edgar Wallace”-Verfilmung
vermarkten zu können.

Im Gegensatz zur deutschen Schnittfassung beginnt die Langfassung mit
den Credits, aus denen – abgesehen von den Darstellern – keine
weiteren Rückschlüsse auf eine deutsche Beteiligung zu erkennen sind.
Diese Eingangssequenz – untermalt von einer traumhaften Melodie von
Ennio Morricone, die eines der Leitmotive des Thrillers darstellt –
zeigt eine in braunem Farbstich inszenierte Rückblende, die im
weiteren Verlauf des Films zur Klärung der Mordserie erneut
aufgegriffen wird, während die deutsche Schnittfassung auf diese Szene
verzichtet und einleitend mit der Sequenz beginnt, in der Fabio Testi
und Christina Galbo im Ruderboot liegen und sich lieben. Dabei wird
sie Zeugin eines bestialischen Mordes. Danach erst setzen die
“Wallace”-typischen Credits ein und weisen darauf hin, dass der
deutsche Schriftsteller Peter M. Thouet an der “Eindeutschung” des
harten Filmstoffes beteiligt war.
Im weiteren Filmverlauf der deutschen Fassung gibt es noch weitere
Kürzungen, die sich nicht nur auf Handlung und Dialoge beziehen,
sondern auch auf die graphisch explizit dargestellten Morde.

Während der deutsche Verleihtitel “Das Geheimnis der grünen
Stecknadel” noch ansatzweise “Wallace”-Erinnerungen zu wecken
versucht, ist der englische Titel “What You Have Done To Solange?”
zwar keinen Deut aufschlussreicher, impliziert aber auch keinerlei
Hang zu den naiven Inszenierungen älterer “Wallace”-Verfilmungen.
Lässt man die Marke “Wallace” außen vor, so hat man es hier mit einem
handwerklich grundsoliden Giallo zu tun, der inszenatorisch und
handlungstechnisch den Stilelementen des Genre Tribut zollt:
Regisseur Massimo Dallamano erzählt eine schlüssig und geradlinig
erzählte Story mit sicherer Hand und Gespür für “gialloeske”
Atmosphäre.
Die subjektive Kamera, detailfreudige Morde, jede Menge
“Lolita”-Erotik und das altbekannte Versatzstück des zu Unrecht
Beschuldigten, der auf eigene Faust Ermittlungen anstellt, dürfen
ebenso wenig fehlen wie unzählige falsche Fährten, um den Zuschauer in
die Irre zu locken und die Auflösung so überraschend wie nur möglich
zu gestalten.

Und gerade die Auflösung von “Das Geheimnis der grünen Stecknadel” ist
die dramaturgische Schwäche des Handlungsgerüsts:
Es wirkt, als wären den beiden Autoren auf den letzten Metern die
Ideen ausgegangen, um den Film zu einem vernünftigen,
nachvollziehbaren Ende zu bringen. So ist das Finale trotz seiner
Tragik und Dramatik nicht nur aufgesetzt, sondern die vielen Zufälle,
die zur Entlarvung des Täters geführt haben, wirken wie an den Haaren
herbei gezogen.
Ein Manko, dass sowohl in der Langfassung als auch in der gekürzten
Version besteht.

Die Story an sich erinnert noch etwas an Handlungsmuster aus “Der
unheimliche Mönch” oder dessen Remake “Der Mönch mit der Peitsche” –
doch dürfte die Brutalität jeglichen Anflug von Nostalgie im Filmblut
ertränken. Wenn der Killer in der Verkleidung eines Priesters auf
Mädchenjagd geht und lange Messer und Heckenscheren in deren
entblößten Unterleib stößt, dann wird die giallotypische Affinität zu
phallusartigen Mordwaffen mehr als deutlich.

Aus heutiger Sicht mag die Sex & Crime-Handlung nicht mehr zu
schockieren – zu damaliger Zeit dürfte die Story um einen
verheirateten Lehrer, der ein Verhältnis zu seiner minderjährigen
Schülerin unterhält, sicherlich ein kleiner Tabubruch gewesen sein,
ebenso wie die unzähligen Softerotik-Einlagen zwischen den beiden.

Fabio Testi (der in “Die Orgie des Todes” selbst den Ermittler spielt
und aus unzähligen italienischen Genre-Produktionen bekannt ist)
überzeugt in der Rolle des Lehrers voll und ganz, während Joachim
Fuchsberger wieder einmal als Yard-Inspector glänzt und sich mit
seinem Gegenpart ein sichtlich unterhaltsames Duell liefert.
Karin Baal als unterkühlte, biedere Ehefrau und Claudia Butenuth als
durchtriebenes College-Flittchen machen die Besetzung perfekt.

Hin und wieder schleicht sich in den Filmverlauf etwas erzählerisches
Schritttempo ein, da die unzähligen Sexszenen die Handlung etwas
ausbremsen.
Alles in allem ist “Das Geheimnis der grünen Stecknadel” jedoch in
beiden Schnittfassungen ein spannender und unterhaltsamer Giallo mit
einigen Härten, als “Wallace”-Vermarktung sicherlich ein
ungewöhnlicher Abgesang auf die einst so beliebte Erfolgsreihe.

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