Kritik: Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974)

 

George ist ein Londoner Kunsthändler und will das Wochenende in seinem neuen Sommerhaus in Windemere verbringen. Auf dem Weg dorthin demoliert eine junge Frau namens Edna an einer Tankstelle sein Motorrad. Da die Reparatur einige Tage in Anspruch nimmt, fährt George in Edna’s kleinem Wagen mit und prompt verfahren sich die beiden. Sie wollen einen Bauern nach dem Weg fragen, der gerade mit zwei Männern vom Landwirtschaftsministerium spricht, die mit dem Bauern zusammen eine neue Art von Schädlingsbekämpfung ausprobieren, wobei man mit Ultraschall auf das Nervensystem der Tiere einwirken will. Während die vier Männer sich unterhalten, wird Edna von einem Mann belästigt. Als die vier wiederkommen, ist er weg, doch man sagt ihr, daß sei Guthrie gewesen, ein verrückter Landstreicher, der eigentlich letzte Woche ertrunken sei. Edna und George lassen diese verstörende Situation schnell hinter sich und fahren zu Edna’s Schwester Katie, die sich wegen ihres Heroin-Konsums gerade heftig mit ihrem Mann Martin streitet. Da kommt plötzlich der zombieartige Guthrie, tötet Martin und verschwindet wieder. Die Polizei vermutet, das Katie ihn getötet hat. Katie kommt daraufhin ins Krankenhaus, in dem gerade sehr seltsame Fälle von verrückten Babys beobachtet werden. George erzählt von den Ultraschall-Experimenten, welche die Insekten verrückt werden lassen, so das sie sich gegenseitig ausrotten. Der Doktor vermutet, das diese Schallwellen auch auf das Nervensystem der Babys wirken. Kurz darauf kommen auch schon die Zombies, denn die Toten steigen aus den Gräbern, weil die Schallwellen ihr Nervensystem beeinflussen.

Das Leichenhaus der lebenden Toten ist eine italienisch-spanische Ko-Produktion aus dem Jahre 1974, die im Fahrwasser der populären “Reitenden Leichen”-Filmreihe entstand.
Und somit ist der Horrorfilm, der auch unter dem Alternativtitel “Invasion der Zombies” bekannt ist, lange vor der Welle von Zombiefilmen entstanden, die durch Lucio Fulcis “Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies” 1979 losgetreten wurde.
In mancher Hinsicht ähnelt der bereits von mir bewertete, jedoch vier Jahre später inszenierte Jean Rollin-Film “Foltermühle der geschändeten Frauen” dem Film von Jorge Grau:
Hier, wie auch in “Foltermühle”, ist eine neuartige Form der Schädlingsbekämpfung dafür verantwortlich, dass sich das Insektizid auf das Nervensystem nicht nur der Schädlinge auswirkt, sondern auch auf das kürzlich Verstorbener, die daraufhin aus ihren Gräbern steigen und als lebendige Tote die Gegend unsicher machen. Spielte Rollins Film in der Gegend eines französischen Weinanbaugebietes, so ist der Ort der Handlung aus “Leichenhaus” die englische Provinz mit saftigen Wiesen, malerischen Berglandschaften und idyllischen kleinen Ortschaften.
Während Rollins “Foltermühle” jedoch dreisten Etikettenschwindel betreibt, ist der Titel bei Das Leichenhaus der lebenden Toten Programm – denn bei den schlurfenden, bleichgesichtigen Kreaturen handelt es sich wirklich um Zombies, was durch zwei Ausweidungen und dem Verzehren von allerlei Innereien verdeutlicht wird.
Ein weiterer Unterschied zu Rollins Machwerk ist aber auch, dass Jorge Grau ein Regisseur ist, der es versteht, eine unheimliche Atmosphäre und eine fast unerträgliche Spannung zu erschaffen. Dabei wirken die Untoten mit ihren blassen Gesichtern, schwarz umränderten und blutroten Augen, sehr viel unheimlicher und realistischer als solche, die halb verwest sind. Außerdem sorgen die röchelnden Stöhnlaute, die sie von sich geben, für unheimliche Momente.
“Leichenhaus der lebenden Toten” kommt relativ schnell in Fahrt und steigert sein Tempo und die Spannung bis hin zu einem dramatischen Finale, das – so ist es das Gesetz des Genre – dem Held der Handlung keine Chance zum Überleben gibt. Doch wird der, von Ray Lovelock gespielte George, nicht von einem Zombie getötet, sondern von einem grantigen, ignoranten Inspector, der von Vorurteilen gegenüber der jungen Generation zerfressen ist. Für ihn – sehr gut dargestellt von US-Schauspieler Arthur Kennedy – sind alle, die nicht seinen Wertevorstellungen entsprechen, langhaarige, ungewaschene Hippis, die nur Sex und Drogen im Kopf haben. So ignoriert er alle Warnungen von George und hält ihn für einen Satanisten, der im Wahn die Greueltaten begangen hat, die er in dem Dorf zu untersuchen hat. Er erschießt ihn, wird sich aber wenig später seiner Ignoranz bewusst, als er von dem, von den Toten wieder auferstandenen George, getötet wird.
Dass George und seine Begleiterin Edna sich nicht nur vor den Zombies zu verteidigen haben, sondern auch noch die Polizei ihr Gegner ist, verleiht der Handlung zusätzlichen Reiz und gibt Anlass für mehrere Verfolgungsjagden, die für weiteres Tempo sorgen.


Neben etwas Gesellschafts- und Zivilisationskritik am Rande, wird auch mit erhobenem Zeigefinger auf die Problematik der Umweltverschmutzung hingewiesen. Ob nun ein Horrorfilm die richtige Grundlage für eine ökologische Botschaft ist, ist natürlich fraglich, verleiht dem Film über seinen sleazigen Charakter hinaus etwas Anspruch.
In erster Linie ist der Film jedoch ein spannender und nervenaufreibender Klassiker mit guter Besetzung. Die Effekte sind preisgünstig und handgemacht, verfehlen aber nicht ihre Wirkung. Die malerische Landschaftskulisse verleiht dem Werk zusätzlichen Charme und verzeiht den einen oder anderen Anschlussfehler in der Handlung. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer, spannender Vertreter seiner Art und eine willkommene Alternative zum altbekannten Dschungel-Setting diverser Beiträge aus dem Zombie- und Kannibalenfilm-Genre.

Dafür gibt es 8 von 10 Leichentüchern!