Kritik: Der New York Ripper (1982)

Ein mysteriöser Serienkiller mit einer eigenartigen Stimme versetzt die Frauenwelt von New York City in Aufruhr. Seine Opfer, die er wahllos aus allen Schichten der Gesellschaft wählt, sind fürchterlich entstellt. Lt. Williams (Jack Hedley) bittet Professor Davis (Paolo Malco) um ein Täterprofil und konzentriert sich in Kürze auf einen Verdächtigen, dem zwei Finger fehlen. Die Fahndung erweist sich aber schnell als Reinfall, da der Täter Selbstmord begeht und laut Gerichtsmedizin nicht der gesuchte Mann ist. Der Serienkiller schlägt erneut zu, doch diesmal begeht der Psychopath einen Fehler und lässt sein Opfer verwundet entkommen.

 

Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen DVD-Fassung von XT-Video!

MARIO BAVAs 1972er IM BLUTRAUSCH DES SATANS wird als einer der ersten Slasher der Filmgeschichte angesehen und war wegweisend für das Subgenre, das mit HALLOWEEN oder FREITAG, der 13., die Höhepunkte dieser Dekade erschaffen sollte. Der Giallo, der sich bereits in den frühen 60er Jahren entwickelte, formte den Slasher also mit – so, dass sich beide Filmgattungen aufgrund diverser Stilmittel ähnelten. Somit ist es nicht unüblich, vor allem die Gialli der 80er Jahre auch als Slasher zu bezeichnen. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre feierte der Slasher Hochkonjunktur. Der ungeheure Erfolg dieser Genre-Produktionen rief selbstverständlich auch das europäische, vor allem aber das italienische Kino auf den Plan, das ab den 80er Jahren wieder verstärkt auf Giallo setzte. Dario Argento inszenierte beispielsweise 1982 seinen Film ‘Tenebre’, während Lucio Fulci im gleichen Jahr, mit ‘Lo Squartatore di New York’, seinen Anteil an der Slasher-Welle beisteuerte. Der Film, der in Deutschland und Österreich unter dem reißerischen Titel ‘Der New York Ripper’ vermarktet wurde, gehört zu den brutalsten Werken, des im Jahre 1996 verstorbenen Regisseurs.

Ein Spaziergänger findet in New York, am Ufer des Hudson Bay, die grausam zugerichtete Leiche einer jungen Frau. Doch in der Metropole von New York gehören Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen zum Alltag der Polizei – so dass dem Fund, des schon halb verwesten Körpers, zunächst keine besondere Beachtung geschenkt wird.
Doch nur kurze Zeit später geschieht ein zweiter Mord: Wieder ist das Opfer eine junge Frau – der Mörder öffnet ihre Bauchhöhle mit einem Klappmesser und sticht ihr mehrere Male mit unvorstellbarer Brutaltät in den Magen, in den Hals und in die Oberschenkel. Für die Presse sind diese Taten ein gefundenes Fressen – und die Polizei ist nun dazu gezwungen, ihre Jagd auf den Täter zu forcieren…

Die Parallelen zu Argentos Giallo liegen genauso auf der Hand wie die daraus resultierenden Unterschiede – denn während Argento mit “Tenebre” wieder einmal ein inszenatorisches Meisterwerk mit unzähligen Raffinessen und fulminanten Tötungsszenarien geschaffen hatte, scheint Fulci mit seinem “Der New York Ripper” ein billig und schnell runtergekurbeltes Schundprodukt abgelegt zu haben, das auf geschmacklose Weise exploitativen Sex mit sadistischer Gewalt kombiniert, wobei beide Stilmittel lediglich auf den Effekt ausgerichtet sind.
Da Argentos Meisterwerk “Tenebre” von mir bereits anerkennend gelobt wurde, widme ich mich im folgenden ausschließlich Fulcis Film, der, abgesehen von seinen späteren Inszenierungen Ende der 80er Jahren, zu seinen schwächsten Filmen innerhalb seiner Hochzeit zwischen “Woodoo – Schreckensinsel der Zombies” und “Das Haus an der Friedhofmauer” angesehen werden kann, und nur noch von seinem einfallslosen und spannungsarmen “Der Frauenmörder mit der Hutnadel” übertroffen wird.

Fulcis “Ripper” fängt nach der oben beschriebenen Eingangssequenz vielversprechend mit dem augenzwinkernden Verhör einer schrulligen älteren Dame an, versprüht mit seinem fetzigen Score reichlich Italo-Charme und begeistert gleich mit dem nächsten Mord, der eindrucksvoll auf der Staten Island Ferry inszeniert wurde.

Doch mit dem fulminanten Einstieg machen sich auch gleich schwerwiegende Logikbrüche und Regiefehler bemerkbar, die bis zum Finale andauern:
Das zweite Mordopfer, das auf der Fähre vom Killer praktisch zerstückelt wird, sieht bei der Autopsie auf dem Seziertisch einwandfrei aus; der Gerichtsmediziner hat Kenntnisse über die Opfer, die er unmöglich aus seinen Untersuchungsergebnissen ziehen kann und erstellt Analysen eines Profilers; die Kenntnisse des Killers über das Privatleben des ermittelnden Cops werden ebenso wenig erläutert wie die Beziehung zwischen dem Täter und einem Komplizen; und woher weiß der Ermittler von den diskreten behandelten eines weiteren Mordopfers? Fragen über Fragen – und obwohl man bei solchen Sleaze-Eskapaden nicht die Logik hinterfragen sollte, zeigt sich doch eindeutig, mit welch heißer Nadel das Werk gestrickt wurde.
Dabei würden diese Kleinigkeiten nicht einmal besonders ins Gewicht fallen, wenn “Der New York Ripper” zumindest spannend wäre – doch außer aneinander gereihter Szenenabfolgen, die aus bestialischen Morden, tiefen Einblicken in das Rotlichtviertel und billigen, ordinären Sexszenen bestehen, hat Lucio Fulcis Film nicht viel zu bieten. Den Sleaze-Freund wird’s freuen – doch besonders ergiebig ist die Mischung nicht.
Die halbwegs unterhaltsame Jagd nach dem Killer verliert bereits ab der zweiten Hälfte an Potential, da die dargestellte Gewalt den Zuschauer bereits bei den ersten Morden abgestumpft hat und die Erotik nur noch abstoßend ist. Somit verfehlen die, zum reinen Selbstzweck eingesetzten Stilmittel, schnell ihre Wirkung und nur eingefleischte Gorehounds und Voyeure können sich befriedigt zurücklehnen – alle anderen werden von grausamer Langeweile gepeinigt.

Trotz einer Menge offensichtlich falscher Fährten und einer lange, bereits vor dem Finale alles auflösenden Traumsequenz, ist die Frage nach dem Täter auch schnell beantwortet. Lediglich das Motiv bleibt bis zum Ende im Dunkeln. Es ist relativ nachvollziehbar, aber kaum raffiniert und in zwei, drei Sätzen abgehandelt.
Dass für diese hanebüchene Handlung vier Drehbuchautoren notwendig waren, ist kaum zu glauben. Lucio Fulcis durchaus vorhandenes Talent, Atmosphäre und Stimmungen zu schaffen, ist bei dieser lustlosen Inszenierung nicht im Ansatz zu erkennen. Dass er auch in der Lage ist, außerhalb des Horrorbereichs anständige Filme zu produzieren, hat er mit seinem zwei Jahre zuvor entstandenen Mafiakrimi “Das Syndikat des Grauens” eindrucksvoll bewiesen.

“Der New York Ripper” ist nichts weiter als ein frauenverachtendes Machwerk übelster Sorte mit mäßigen Splattereffekten und daher ausschließlich für Komplettisten und Fulci-Fans zu empfehlen. Wer einen spannenden Giallo erwartet, sollte hier Abstand nehmen und vorbehaltlos zum anfangs genannten “Tenebre” von Dario Argento greifen.