Kritik: Der Tod trägt schwarzes Leder (1974)

Die 15-jährige Silvia wird erhängt auf einem Dachboden aufgefunden, alles sieht nach Selbstmord aus. Kommissar Silvestri findet jedoch schnell heraus, das der vermeintliche Selbstmord nur vorgetäuscht ist und man es mit einem Mord zu tun hat. Zusammen mit der Staatsanwältin Stori macht sich Silvestri an die Ermittlungen und stößt schon bald auf einen Verbrecher-Ring der sein Geld mit Kinderprostitution macht.
Aber nicht nur der Kommissar macht Jagd auf die Verbrecher, auch ein mysteriöser, komplett in schwarzer Motorradkleidung steckender Unbekannter macht auf seine Art Jagd auf die Bande.

Die Kritik beruht auf der restaurierten, erstmals ungeschnittenen
DVD-Erstauflage vom Label Koch Media!

Bei dem Thriller “Der Tod trägt schwarzes Leder” handelt es sich nach
“Das Geheimnis der grünen Stecknadel” um einen weiteren Beitrag zum
Thema Kinderprostitution, der zusammen mit der “Stecknadel” und dem
1978 inszenierten “Die Orgie des Todes” aka “Das Phantom im
Mädchenpensionat” den mittleren Teil einer von Regisseur Massimo
Dallamano entworfenen “Schulmädchen-in-Angst-Thrillogie” darstellt.

Dallamano, der auch den in Deutschland als “Edgar Wallace”-Verfilmung
vermarkteten “Stecknadel”-Beitrag inszeniert hatte, führte auch bei
“Schwarzes Leder” Regie, verstarb jedoch zu Beginn der Dreharbeiten
von “Die Orgie des Todes” und wurde durch Alberto Negrin ersetzt.

In allen drei Filmen dieser Trilogie stehen die polizeilichen
Ermittlungen im Rahmen einer Morduntersuchung im Vordergrund, die die
Ermittler jeweils auf die Spur eines Verbrecherrings führen, der
Kinder und Jugendliche zur Prostitution zwingt.

Dabei war die 1971 inszenierte “Stecknadel”-Verfilmung noch ein
reinrassiger Giallo, während sich die Thematik bei “Der Tod trägt
schwarzes Leder” den filmischen Gesetzen des Poliziotto unterwirft.

Dabei entwirft Regisseur Dallamano ein sehr authentisches Bild von
der Zusammenarbeit von Polizei (in Form von Claudio Cassinelli und
Mario Adorf als Ermittler) und Staatsanwaltschaft (Giovanna Ralli als
Staatsanwältin) und deren akribischen und engagierten Ermittlungen:
angefangen von der Spurensicherung über die Identifizierung und
Obduktion von Leichen, bis hin zur Rasterfahndung und den Verhören
wird hier die Polizeiarbeit realistisch dargestellt und erhält durch
Kommentare aus dem Off zu Beginn und Ende des Films einen
dokumentarischen Charakter.

Dallamanos Inszenierungsstil ist wie bei der “Stecknadel”- oder der
“Kaliber 38”-Verfilmung von 1974 sehr sicher und gewohnt routiniert:
außergewöhnliche Kamerafahrten- und Einstellungen sowie ein erneut
ausgezeichneter Score von Stelvio Cipriani (der teilweise auch in “Der
Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen” Verwendung findet) ergeben ein
qualitativ hochwertiges Ergebnis.

Das Thema Kinderprostitution war für einen Film dieser Art und
angesichts der damaligen Produktionszeit sicherlich ein heißes Eisen.
Leider ist bei aller inszenatorischer Raffinesse die Handlung
entsprechend reißerisch geraten. Das kommt vor allem in den
detaillierten Tonbandaufzeichnungen zum Ausdruck, die minutenlange
Mitschnitte der Vergewaltigungen von Minderjährigen beinhalten. Auf
der einen Seite dramaturgisch notwendig um die Skrupellosigkeit der
Organisation und die Widerlichkeit des Verbrechens aufzuzeigen – aber
mit einem leicht bitteren Nachgeschmack.
Auch das Ende des Films ist nicht so perfekt ausgearbeitet wie der
Rest des Films und wieder einmal ist es (wie schon zuvor bei der
“Stecknadel”) die Auflösung des Falles, bei der “Kommissar Zufall” mal
wieder eine gewichtige Rolle einnimmt. Das Finale kommt insgesamt zu
abrupt, wobei auch die zeitliche Abfolge der Geschehnisse nicht mehr
ganz schlüssig erscheint.

Ansonsten wird die Handlung temporeich und mit sehr viel Action
vorangetrieben, wobei der Bodycount überschaubar bleibt, die wenigen
Kills jedoch sehr blutig dargestellt sind.

Die Charaktere der Darsteller sind gut und glaubwürdig ausgearbeitet
und die schauspielerischen Leistungen der Hauptpersonen über jeden
Zweifel erhaben. Vor allem Mario Adorf in seinen kurzen und wenigen
Auftritten weiß wieder einmal in der Rolle eines kleinen Beamten voll
und ganz zu überzeugen.

Insgesamt ein fesselnder, spannender Italo-Thriller gehobener
Machart. Teilweise arg reißerisch in Szene gesetzt, aber durchweg
unterhaltsam und ohne Längen, dafür mit kritischen Untertönen und sehr
um Realismus bemüht.