Kritik: Frenzy (1972)

In London ist ein Serienkiller unterwegs, der seine weiblichen Opfer mit Vorliebe mit Krawatten erdrosselt. Als Richard Blaneys Frau ihm zum Opfer fällt, wird Blaney für den durch die Nicht-Kochkünste seiner Gattin geplagten Inspektor Oxford zum Hauptverdächtigen. In der Not wendet er sich an seinen Freund Bob Rusk. Ein Fehler, denn Rusk ist in Wirklichkeit der Killer und reißt Blaney immer weiter rein…

 

Alfred Hitchcocks Spätwerk “Frenzy” war der vorletzte und zugleich
britischste Film des unerreichten *Master Of Suspense* und entstand
erstmals nach 1950 wieder an Original-Schauplätzen in London und
Umgebung.

Mit seinem Thriller erzählt Meisterregisseur Hitchcock die mit
rabenschwarzen Humor garnierte Story um einen bösartigen
Sexualverbrecher und verbindet sie einmal mehr mit dem klassischen
Stilelement eines zu Unrecht der Taten verdächtigten Mannes.

Anthony Shaffer, Theater- und Drehbuchautor diverser Agatha
Christie-Verfilmungen wie “Tod auf dem Nil” oder “Das Böse unter der
Sonne”, entwarf mit “Frenzy” ein in sich schlüssiges, logisch
aufgebautes Handlungsgerüst mit sorgsam und glaubwürdig gezeichneten
Charakteren.
Der Film bietet eine gelungene Mischung aus harten Thriller-Momenten
und einer guten Portion Humor voller Sarkasmus, und punktet mit einer
kleinen Hommage an Hitchcocks “Leichenentsorgung” aus “Immer Ärger mit
Harry” und lauter Spitzfindigkeiten auf die französische Esskultur.

Dabei entstand mit Robert Rusk nach Norman Bates der zweite
psychopathologisch gestörte Triebtäter und Serienkiller in Hitchcocks
Repertoire.
Der von Barry Foster superb dargestellte Rusk zeichnet sich durch
einen übertriebenen Mutterkomplex und abartige sexuelle
Verhaltensweisen aus und wurde von Hitchcock wie ein ausgehungertes
Tier auf die Jagd nach seiner Beute in Szene gesetzt.

Mit viel Liebe zum Detail, nahezu unblutig und dennoch von gewohnter
Kaltblütigkeit in der minutenlangen Darstellung der Todesszenen,
entstand ein reinrassiges Stück Spannungskino mit unvergesslichen
Momenten (Beispiel: Robert Rusk und die Suche nach der Krawattennadel
im Kartoffelhaufen) und inszenatorischen Finessen, wie sie von
unzähligen Regisseuren oftmals zitiert wurden.
Absoluter Höhepunkt von Hitchcocks Inszenierungskunst stellt
zweifellos die rückwärts verlaufende subjektive Kamerafahrt dar: Sie
führt – nachdem Rusk ein neues Opfer in seine Wohnung gelockt hatte –
aus einem totenstillen Hausflur (womit der subtile Hinweis auf das
weitere Schicksal der jungen Frau gelegt wird) hinaus in das plötzlich
lautstarke geschäftige Treiben an einem anscheinend ganz normalen
Londoner Arbeitstag. Das Schicksal und die Todesschreie des Opfers
gehen in der Unruhe und Hektik der Großstadt verloren…

Jon Finch in der Rolle des John Blaney, der verdächtigt wird, der
bestialische Krawattenmörder zu sein, spielt seinen Part ebenso
glaubwürdig, reicht aber aufgrund des vielseitigen Charakters von Rusk
nicht annähernd an das nuancierte, doppelbödige Spiel Fosters heran,
der hier als abartig veranlagter Vergewaltiger und Mörder ebenso
Kinogeschichte schrieb wie zwölf Jahre zuvor Anthony Perkins als
Norman Bates.

Frenzy ist ein bösartiger Thriller mit galligem Humor, der weder
aufdringlich noch deplatziert wirkt. Das wunderbar eingefangene
Londoner Lokalkolorit mitsamt der einleitenden Kamerafahrt über die
Themse, sowie die realistisch dargestellte, zu Rusks Morden und
Blaneys Unschuldsbeteuerungen parallel verlaufende Ermittlungsarbeit
der Polizei, ergeben ein durchweg unterhaltsames, raffiniert
gestricktes Meisterwerk auf handwerklich hohem Niveau.

Obwohl die Handlung in den letzten 20 Minuten bis hin zum Finale
nicht konfus, aber in der Abfolge des weiteren Handlungsgeschehens
etwas zu schnell voran getrieben wird, wird der Unterhaltungswert
dadurch nicht geschmälert.

“Frenzy” ist und bleibt ein unerreichter Klassiker im Thriller-Genre
und eines von Hitchcocks besten Werken.

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