Kritik: Hügel der blutigen Augen (1977)

Die Familie Carter ist mit ihrem Wohnmobil auf dem Weg in den Sommerurlaub nach Kalifornien, als sich Mitten in der amerikanischen Wüste eine Panne ereignet. Das Gebiet, von der Air Force als Atomversuchsgelände genutzt, scheint verlassen und so machen sich Zwei der Familienmitglieder auf den Weg, um Hilfe zu holen, während die Anderen zurückbleiben.

Was die Zurückgebliebenen nicht ahnen: Oben auf dem Hügel, werden sie von einer verseuchten Hinterwaldlerfamilie beobachtet…

Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen Fassung!

Wes Cravens 1977er Horrorschocker “The Hills Have Eyes” wurde in Deutschland nicht nur mit dem reißerischen Verleihtitel “Hügel der blutigen Augen” sinnentleert, sondern auch durch die Synchronisation. 
Handelt es sich im Original noch um atomar verseuchte, teilweise degenerierte und zu Kannibalen mutierte Menschen, so verwandelte die deutsche Synchronfassung sie kurzerhand in außerirdische Lebewesen, die einst mit einem Raumschiff auf der Erde landeten und von der Army nicht nur ausgerottet, sondern auch totgeschwiegen wurden. Einige von ihnen konnten sich in die Hügel flüchten, fristen ein karges Dasein und ernähren sich überwiegend von ahnungslosen Reisenden, die sich in die menschenleere Wüste verirrt haben.
Diese Abweichung von der eigentlichen Story sorgt dafür, dass “Hügel der blutigen Augen” teilweise trashiger erscheint, als er im Grunde ist und das angedichtete Science-Fiction-Element – die Landung von Außerirdischen – raubt dem Film etwas von seiner intensiven, puren Schockwirkung, die er in der Originalfassung ausstrahlt.
Davon ab ist Wes Cravens Film von Beginn an von einer unheimlichen und beängstigenden Atmosphäre geprägt, die vor allem durch den düsteren, mitunter unwirklich klingenden Score von Don Peake und das effektvolle Sound-Design zum Ausdruck kommt.
Trotz diverser blutiger Szenen überzeugt “Hügel der blutigen Augen” weniger durch explizit dargestellte Gewaltszenarien, sondern vielmehr durch einen konsequent gehaltenen Spannungsbogen.
Das Make-Up und die Kostüme der “Mutanten” sind einfach, aber effektiv und wirkungsvoll.
Die von Wes Craven verfasste Story ist sowohl in der Original-, als auch in der deutschen Synchronfassung Zivilisations- und Gesellschaftskritik pur und stellt eindrucksvoll den Zusammenprall zweier “Kulturen” dar: die zivilisierte Welt mit ihrem, im Gesetzbuch verankerten Recht, eine Waffe zu tragen und diese auch benutzen zu dürfen, stößt auf unkultivierte Wilde, die von der Regierung und deren Bestreben nach Macht zu dem wurden, was sie sind: durch Atombomben-Versuche zu Kannibalen mutiert, zusammen gerottet in einem Ghetto und ohne jegliche Rechte.
Und so ist Cravens Werk vielmehr als Parabel auf das amerikanische Polit- und Gesellschaftssystem zu verstehen, als Kritik an Rassenhass und Vietnamkrieg, vor allem aber ist es eine Abrechnung mit dem “American Dream” – denn der erfüllt sich nicht für jedermann! 
Die “Mutanten” stehen stellvertretend für die Unterschicht eines Zwei-Klassen-Systems, dass trotz Rassentrennung in den 70er Jahren noch immer in den USA vorherrschte. Die kaum bewohnbare weite Steppe der verseuchten Wüste ist ihr Ghetto und gleichzeitig Metapher für die Bezirke in den USA, in denen die Regierung den Unrat der untersten Gesellschaftsklasse ablädt – weit weg von der zivilisierten, elitären Bevölkerungsschicht.

Wes Cravens Debut, der Rape & Revenge-Klassiker “The Last House On The Left”, wurde noch als Gewalt-Satire verstanden und als Abrechnung auf das amerikanische Spießbürgertum, hinter dessen biederer Fassade Gewalt und Grauen ebenso lauern wie an jeder Straßenecke.
In “Hügel der blutigen Augen” rechnet Craven nicht nur mit der Doppelmoral ab, sondern mit der Regierung und vor allem mit dem falschen Bild eines Landes, das für Freiheit und Gleichheit einsteht.
Diese Abrechnung hat Craven in einen spannenden Horrorschocker verarbeitet, der nichts weiter darstellt als den harten Klassenkampf, bei dem der Außenseiter keine Chance haben wird.

8/10