Orca – Der Killerwal (1977)

Der Walfänger Nolan (Richard Harris) harpuniert aus Versehen das trächtige Weibchen eines Orcas (fälschlich als “Killerwal” bezeichnet), als er ein Exemplar dieser Spezies für ein Meerwasseraquarium fangen will Der Orca jedoch erweist sich im Nachhinein als ausgesprochen rachsüchtig und kreativ. Nachdem er auch im idyllischen Küstenstädtchen vor dem Tier nicht sicher ist, dieser die halbe Stadt in Flammen steckt und Nolans besten Freund tötet und seine Lebensgefährtin verstümmelt, fährt er auf Druck der Öffentlichkeit hin mit Kollegen und Freunden aufs Meer hinaus, um den Wal umzubringen. Doch der Orca lockt das Schiff in eine unzugängliche, vereiste Gegend, wo er alle Vorteile hat.

Im Fahrwasser des internationalen Erfolgs von “Der weiße Hai” entstand drei Jahre später dieses Plagiat, finanziert und geschrieben von eifrigen Italienern (u.a. Sergio Donati), die die Regie allerdings – ähnlich wie bei “Piranhas II: Fliegende Killer” – in die Hände eines Amerikaners, hier Michael Anderson, legten.
Böse Zungen würden “Orca – Der Killerwal” kurz und knapp eher als eine “Ein Mann sieht rot”-Variante mit Fisch bezeichnen – und das ist gar nicht so falsch, obwohl sich hinter Andersons Gesamtwerk bei genauerer Betrachtung viel mehr verbirgt:
Richard Harris spielt hier wieder einmal den Haudegen, einen gebrochenen Charakter namens Kapitän Nolan, einem irischen Raubein der Marke “Harte Schale, weicher Kern”, der sich den grenzenlosen Hass eines Killerwals zuzieht, nachdem er dessen trächtiges Weibchen versehentlich getötet hatte.
Was darauf folgt ist eine Orgie der Gewalt und Zerstörung, die immer mehr Todesopfer fordert. “Orca” dreht, wie einst Charles Bronson in “Death Wish”, seine Runden und zieht jeden Beteiligten an der Tötung seiner Familie mit perfidem Kalkül gnadenlos zur Rechenschaft, bis sich die beiden Todfeinde in einem Duell im Packeis ein letztes Mal gegenüber stehen.

Zugegeben, dem Killerwal wird hier für eine packende und unterhaltsame Story eine nahezu an Genialität grenzende Intelligenz angedichtet, denn der Rachefeldzug gegen Nolan und seine Freunde ist von “Orca” anscheinend bis ins kleinste Detail geplant und von solch einer Perfidität, wie es nur ein menschliches Wesen von übermäßiger Intelligenz umzusetzen vermag. Egal, Schwamm drüber. Denn würden wir die meisten Filme nur an ihrer Logik und Wahrscheinlichkeit messen, und nicht an ihrem Unterhaltungswert, dann wären die meisten Produktionen sterbenslangweilig.
Und von Langweile kann hier nun wirklich keine Rede sein, denn Regisseur Anderson hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern treibt seine Geschichte zügig voran, wobei es ihm – Dank eines guten Drehbuchs – gelingt, seinen Charakteren, allen voran dem von Richard Harris dargestellten Nolan, Tiefe und Emotionen zu verleihen:
Nolan, gebeutelt von einem ähnlichen Schicksalsschlag in der Vergangenheit wie der Killerwal, hat sich mit seinem Schicksal längst abgefunden und sieht darin – wie auch “Orca” – die Möglichkeit, seinen inneren Frieden zu finden.
Und so steuert er, angetrieben von einer ungeheuren Wut gegen und gleichzeitig mit Verständnis für die Motivation des Tieres, seinem unausweichlichen Schicksal entgegen, das die beiden Kontrahenten für immer im ewigen Eis vereinen wird.

Setzt man sich etwas genauer mit dem Filmstoff auseinander erkennt man auch die Vielschichtigkeit der Geschichte, die auch als Parabel auf unsere menschliche Gesellschaft verstanden werden kann. Und die Moral von der Geschichte? 
Rache mag eines der ältesten und stärksten Motive sein, doch ändert sie wirklich etwas an dem, was geschehen ist? Im Gegenteil, sie macht aus friedliebenden Geschöpfen rasende Bestien, die blind vor Wut alles und jeden ins Unglück stürzen.
Ist es die Profitgier, die Nolan antrieb, Jagd auf einen Killerwal zu machen, wirklich wert, dafür solche Opfer in Kauf zu nehmen?
“Orca” mag zwar ein Killerwal sein, doch rein äußerlich wirkt er im Vergleich zu “Bruce”, dem weißen Hai aus Steven Spielbergs gleichnamigen Klassiker, eher wie ein zahmer Meeresvertreter.
Das Grauen und der Horror des Films gehen daher vielmehr von seinem gnadenlosen Rachefeldzug und seinen teilweise vorhersehbaren, aber aus dem Nichts auftauchenden Angriffen hervor, die zwar weniger blutig ausgefallen sind, dafür aber dem Film eine bedrückende, teilweise unheimliche Atmosphäre verleihen.

“Orca – Der Killerwal”, oder auch das High Noon im ewigen Eis, wurde zudem mit einem wunderschönen Score veredelt, der von keinem geringeren als Ennio Morricone komponiert wurde, und sein Übriges dazu beiträgt, das Michael Andersons “Orca” als einer der besten klassischen Vertreter seines Genres angesehen werden kann.