Kritik: The Sixth Sense (1999)

Malcolm Crowe (Bruce Willis) ist ein erfolgreicher Kinderpsychologe bis zu dem Tag, als ein von ihm falsch eingeschätzter Patient in sein Haus eindringt und ihn vor den Augen seiner Frau niederschießt. Das Erlebnis verändert Crowe stark und seine Ehe wird dadurch immer stärker belastet. Er stürzt sich in die Arbeit und auf den Fall des achtjährigen Cole Sear (Haley Joel Osment), der seltsame Verhaltensweisen an den Tag legt, in Kirchen spielt und in der Schule zum Außenseiter wurde. Cole hat ein schreckliches Geheimnis: er besitzt die Fähigkeit, tote Menschen zu sehen, die noch auf Erden wandeln. Crowe ist zunächst extrem ungläubig, bis ihn Erlebnisse aus seiner Vergangenheit umstimmen. Gemeinsam gehen sie der Fähigkeit auf den Grund, denn auch die Toten nehmen wahr, dass Cole sie sehen kann. Doch um ein normales Leben zu führen, muss er sich an seine Gabe gewöhnen und mit ihr umgehen…

Mit The Sixth Sense lieferte Regisseur M. Night Shyamalan 1999 seinen dritten abendfüllenden Spielfilm ab. Und gleichzeitig war das sein Meisterstück. Alles, was er danach inszenierte, war nie mehr so gut wie dieser Film. Zwar funktionierten die überraschenden Wendungen in seinen späteren Filmen wie „Unbreakable – Unzerbrechlich“ und „Signs – Zeichen“ auf eine gewisse Art und Weise, waren aber nicht mehr so originell wie in The Sixth Sense, obwohl er sicherlich nur beim ersten Ansehen richtig funktioniert. Dennoch kann dieser Film immer wieder faszinieren, weil man, wenn man sich darauf einlässt, auf die zahlreichen Hinweise achtet, die der Regisseur in seinem Film versteckt hat und eventuell bei der Erstsichtung nicht unbedingt bemerkt hat. Und sicherlich kann man den Eindruck bekommen, dass das alles vollkommen unlogisch ist, was man in The Sixth Sense zu sehen bekommt, aber das ist nun mal das besondere am Medium Film. Es funktioniert nur dort. Und mir persönlich hat das sehr gut gefallen, denn ich mag Filme, die man sich immer wieder ansehen kann, ohne dass man sich dabei langweilt.

Regisseur Shyamalan spielt in seinem Film mit den Ur-Ängsten des Menschen: die Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor dem Eindringen des Unbekannten in die Privat- bzw. Intimsphäre. Was ist hinter dem Vorhang, was erwartet mich. Und das tut er mit solch einer Kraft und Spannung, dass man das schockierende Ende, in dem alles auf den Kopf gestellt wird, nicht fassen kann und möchte. Und das Schöne daran ist, dass er trotz gemächlicher Erzählweise ein enormes Tempo vorliegt.

Der Zuschauer tappt zunächst völlig im Dunkeln, wie die Hauptfigur Malcolm auch. Warum ist Cole so ängstlich? Warum verhält er sich so seltsam und wo hat er die Verletzungen her? Dies alles wird klar, wenn er Malcolm sein Geheimnis verrät und der Zuschauer einige seiner Visionen zu sehen bekommen. Und da kann man schon eine Gänsehaut bekommen, wenn einige verunstaltete Tote Cole nachts heimsuchen. Doch Shyamalan hat nur wenige solcher Szenen eingebaut, denn sein Film will kein Horrorfilm sein, und schon gar nicht blutig. Diese kleinen Momente dienen als Spannungsspitzen und wirken nie überzogen. Stattdessen nutzt man den Platz für weitere Handlungsstränge in der komplexen Geschichte. So spielt z.B. der grausame Mord an einem kleinen Mädchen, welches Cole schließlich hilft seine Angst zu bewältigen, eine weitere tragende Rolle in The Sixth Sense. Aber auch Malcolm hat so seine Probleme. Seine Frau Anna will nichts mehr von ihm wissen und turtelt plötzlich mit ihrem jüngeren Mitarbeiter herum. So konzentriert sich Malcolm voll und ganz auf seine Arbeit, auch um einen Fehler in seiner Vergangenheit zu korrigieren. 

So liegt es auch an den großartigen Leistungen aller Darsteller, dass The Sixth Sense so intensiv daherkommt. Gerade die Gespräche zwischen Cole und seiner Mutter sind äußerst emotional, während Malcolm schon eine Vaterrolle einnimmt. So ist und bleibt Bruce Willis („Stirb Langsam“, „Tödliche Nähe“) einmalig und hat mit dieser Rolle bewiesen, dass er nicht nur Actionhelden verkörpern kann. Als Kinderpsychologe liefert er eine glaubhafte Vorstellung ab, doch im Gegensatz zu Kinderstar Haley Joel Osment („A.I. – Künstliche Intelligenz“) und Toni Collette („Shaft – Noch Fragen?“, „Velvet Goldmine“) wurde er leider für keinen bedeutenden Filmpreis nominiert. The Sixth Sense war unter anderen für sechs Oscars nominiert, doch dabei blieb es auch. Erwähnenswert ist auf jeden Fall die brillante, meist sehr hintergründige Filmmusik von James Newton Howard.

The Sixth Sense gibt es als VHS, DVD und BluRay und läuft bis heute mindestens ein- bis zweimal im Jahr im Fernsehen. Manchmal leider auch geschnitten, wenn er vor 22 Uhr gezeigt wird, denn er ist ab 16 Jahren freigegeben, was ich aber für etwas zu streng bewertet halte. Tatsache ist, dass dieser Film in den USA mehr jüngere Zuschauer hatte als hierzulande.

Fazit: Ein spannungsgeladenes Meisterwerk mit großartigen Darstellern und einem echt überraschenden Finale.

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