Kritik: Treffpunkt Todesbrücke (1976)

Nach einem Terroristenübergriff auf die Weltgesundheitsorganisation in Genf entkommt einer der Terroristen in einen Zug, der quer durch Europa nach Stockholm fährt. Bei der Aktion hat er sich jedoch mit einem experimentellen Lungenpestvirus infiziert, der unerforscht und oft tödlich ist. Der Arzt Chamberlain (Richard Harris), der an Bord ist, macht sich mit seiner Exfrau (Sophia Loren) auf die Suche nach dem Kranken, doch das Militär unter der Leitung von Colonel Mackenzie (Burt Lancaster) entschließend sich auf Befehl von oben zu einer Umleitung nach Polen in ein Quarantänelager. Der Zug wird verplombt und mit Soldaten bewaffnet, während die Seuche um sich greift. Doch was niemand ahnt, ist, daß der Weg über die Cassandra-Schlucht führt, über eine Eisenbahnbrücke, die seit Ende des 2.Weltkriegs außer Betrieb ist und den Zug nicht tragen wird…außer Mackenzie selbst.

 

Die 70er Jahre läuteten das Genre des Katastrophenfilms ein: “Airport” machte den Anfang, und weitere Klassiker wie “Die Höllenfahrt der Poseidon”, “Flammendes Inferno” sowie drei weitere “Airport”-Ableger sollten folgen.
1976 entstand mit Carlo Pontis finanzieller Unterstützung die europäische Variante “Treffpunkt: Todesbrücke”, einem mit internationalen Top-Stars bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzten Hybriden, der Elemente des Viren- und Verschwörungsthrillers mit einem Katastrophenszenario vermischte, und die Brisanz von Wolfgang Petersens viele Jahre später entstandenen Thrillers “Outbreak – Lautlose Killer” vorwegnehmen sollte.

Nach einer spektakulären und äußerst temporeichen Einleitung werden kurz und knapp die tragenden Hauptpersonen vorgestellt. 
Das Szenario um einen Terroristen, der bei dem Versuch, die Weltgesundheitsorganisation in Genf in die Luft zu sprengen, mit einem höchst ansteckenden Pest-Bazillus infiziert wird, verlagert sich sehr schnell auf das Geschehen in einem Passagierzug auf dem Weg nach Stockholm. 
General MacKenzie (Burt Lancaster) vom militärischen Abschirmdienst ist nicht nur daran gelegen, die Infektion einzudämmen, sondern auch sämtliche Beweise für die Beteiligung seines Landes an der Herstellung des Virus zu beseitigen, und leitet den Zug auf eine stillgelegte Bahnstrecke um, deren Ziel die vollkommen marode und vom Einsturz gefährdete Cassandra-Brücke ist.
Dr. Chamberlain (Richard Harris), ein gefeierter Neurochirurg, ist wegen seiner Flugangst rein zufällig mit an Bord und sieht sich mit dem Ausbruch der Krankheit konfrontiert. Als sich jedoch immer mehr erkrankte Passagiere scheinbar erholen und Chamberlain bewusst wird, dass man seinen und den Tod aller bewusst in Kauf nimmt, beginnt ein entfesselter Kampf ums Überleben – denn mittlerweile ist der Zug unter Kontrolle von Soldaten, die nicht nur stur ihrem Befehl folgen, sondern auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Chamberlain bleibt nicht mehr viel Zeit um das Leben Tausender zu retten.

Der Grieche George Pan Cosmatos (“Die City-Cobra”, “Rambo II”) bleibt auch mit dieser aufwändigen Produktion seinem Stil für effektreiche, actionbetonte Plots treu und inszeniert einen streckenweise temporeichen Thriller, der in der Filmmitte etwas auf die Bremse tritt, sich aber zügig wieder erholt und auf ein dramatisches Finale zusteuert.

Richard Harris, Burt Lancaster, Sophia Loren und Ingrid Thulin sind neben Ava Gardner (nach “Erdbeben” mittlerweile der zweite Ausflug der Hollywood-Diva ins Katastrophengenre) und Martin Sheen die Stars, die den Film tragen und in ihren jeweiligen Rollen aufgehen. 
In den Nebenrollen agieren unter anderem O.J. Simpson, Lionel Stander (Butler Max aus der Kultserie “Hart aber herzlich”), Brechmittel Ann Turkel (die mit Harris ein Jahr später “Rendezvous mit dem Tod” drehte) und die Beaus Ray Lovelock und John Phillip Law. Lou Castel mimt den Terroristen und überlebt nicht das erste Drittel der aufregenden Zugfahrt.
An dem Drehbuch (mitsamt seinen hanebüchenen Logiklöchern) arbeitete Regisseur Cosmatos gemeinsam unter anderem mit Tom Mankiewicz, Autor des “Bond”-Films “Leben und sterben lassen”, diverser “Hart aber herzlich”-Episoden und Regisseur der “Dragnet”-Kinoadaption mit Tom Hanks und Dan Akroyd.
Die Story hat durchaus Potential, das von Cosmatos mit allen ihm zur Verfügung stehenden inszenatorischen Mitteln ausgeschöpft wird – auch wenn die Charaktere wie nach Schablone gezeichnet und stereotyp sind. 
O.J. Simpson als angeblicher Priester erscheint genauso verdächtig wie Martin Sheen als naiver Liebhaber einer steinreichen, deutschen Industriellen-Gattin – leider ist der Clou dieser Rollenverteilung so überkonstruiert und die falschen Fährten zu offensichtlich als solche erkennbar, dass der Plottwist schon erkennbar ist, bevor der Zug überhaupt abgefahren ist.

Dies sind jedoch die genretypischen Makel, mit denen Werke dieses erfolgreichen Subgenre zu kämpfen haben. Sieht man großzügig darüber hinweg, wird man angenehm – mit gelegentlichen Längen – unterhalten. 
Jerry Goldsmiths Score ist dabei so dynamisch und kraftvoll komponiert, dass der Zuschauer gar nicht einschlafen könnte – selbst wenn er wollte. Und das wäre wirklich schade, denn die finale Katastrophe an der einstürzenden Cassandra-Brücke, ist – trotz Miniatur-Modelle schnitt- und kameratechnisch – äußerst effektiv in Szene gesetzt worden und zählt zweifelsohne zu den Höhepunkten des Films.

 

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