Milano Kaliber 9 (1972)

Italien 1972
mit Gastone Moschin, Mario Adorf, Barbara Bouchet…
Drehbuch: Fernando di Leo
Regie: Fernando di Leo
Länge: 102 Min.
FSK: ab 16 Jahren

Nach einem misslungenen Coup wandert der Ganove Ugo Piazza für einige Jahre in den Knast. Kaum wieder auf freiem Fuß, bekommt er auch schon wieder Stress mit seinem ehemaligen “Arbeitgeber”. Dessen Scherge Rocco bewacht Ugo auf Schritt und Tritt, denn der Boss, genannt “Der Amerikaner”, glaubt, dass Ugo ihn damals um eine ordentliche Summe Geld betrogen hätte. Ugo bittet seinen Freund Chino um Hilfe, doch weder die Gangster noch die Polizei glauben seinen Unschuldsbeteuerungen, so dass die Situation schließlich eskaliert.

Ich habe viele Gangster-Filme in meinem Leben gesehen. Von „Der Pate“, über „Scarface“, bis hin zu „GoodFellas“. Das sind alles Meisterwerke, schon klar, aber ein Film hat mich immer wirklich überrascht und gefesselt: Der italienische Gangster-Krimi „Milano Kaliber 9“ von Fernando di Leo. Als Fan des Genre-Kinos unserer südlichen Freunde, ist es wahrscheinlich wenig verwunderlich, dass ich mir ein solches Werk vornehme, jedoch ist „Milano Kaliber 9“ kein sleaziger Exploitationkracher, sondern ein packender, spannender und gut ausgedachter Genre-Film, dem man mehr Beachtung schenken sollte, oder müsste.

Als ich den Film das erste Mal sah, hatte ich gerade den italienischen Polizei-Film für mich entdeckt. Harte Gesetzeshüter, die mit teils unlauteren Methoden den Kampf gegen das Verbrechen aufnehmen. Gespickt mit markigen Sprüchen, Action und ordentlich Backenfutter, waren diese Filme die Antwort auf große Hollywood-Erfolge, wie „Dirty Harry“ und „The French Connection“. Nicht selten propagierten diese Streifen Selbstjustiz, aber spiegelten somit auch die damalige politische und gesellschaftliche Lage wieder. Irgendwann stieß ich dann auf „Milano Kaliber 9“, der in entsprechenden Kreisen großen Ruhm genoss und zu einem der besten Vertreter des Genres gehören sollte. Kurz und knapp: Ich war begeistert! „Milano Kaliber 9“ ist ein vorzüglicher Euro-Crime Vertreter, der sicher zur Speerspitze des italienische Genre-Kinos gehört. Fernando di Leo verzichtet hier fast gänzlich auf Ermittlungsarbeit, sondern rückt die Verbrecher und Mafia-Mobster in den Vordergrund. Allen voran Ugo Piazza, der als tragische Figur in Szene gesetzt wird. Er will dem Gangstertum entsagen, trotzdem holt ihn die Vergangenheit ein. Die Story ist weniger geschickte Dramaturgie, sondern mehr eine Milieu-Studie. Wir setzten uns mit dem Konflikt zwischen Piazza und der herrschenden Mafia, die von dem „Amerikaner“ geführt wird, auseinander. Es geht um Geld aber auch um den Erhalt der eigenen Gangsterehre. Di Leo zeichnet hier keine klischeebelasteten Abziehbilder schmieriger Italo-Ganoven, sondern gibt ihnen Charakter. Allen voran dem Gangster Rocco, der hinter seinen cholerischen Anfällen fest an die Hierarchie und Struktur des organisierten Verbrechens glaubt und dafür einsteht. Interessant sind auch die beiden Polizisten, die im ständigen Konflikt stehen. Der altmodische Ermittler, der der Auffassung ist, dass man als Gangster geboren wird und der neumodische, linksorientierte Polizist, der die gesellschaftlichen Umstände anprangert und die Kriminalität darauf zurückführt. An diesen Stellen wird der Film politisch und übt Kritik am System, was ich einem Vertreter des italienischen Polizei-Films wirklich nicht zugetraut hätte. So bekommt alles einen feinen aber scharfen Unterton, der wahrlich Interesse am Geschehen hervorruft.

Darüber legt der Regisseur eine fesselnde Gangster-Story voller spannender Momente. Action findet man hier eher wenig, dazu ist die Geschichte zu charakterorientiert. Lediglich ein Shootout auf einer Gartenparty bekommt man geboten, aber der Film brauch keine Action. Hier stimmen Atmosphäre und Figuren um die richtige Stimmung beim Zuschauer hervorzurufen. Fernando di Leo war eher als Autor, diverser Italo-Western bekannt und inszenierte, zum Beispiel, vorher den sleazigen Slasher-Sexploiter „Das Schloss der blauen Vögel“ und widmete sich in den 80ern ebenfalls einigen billigen und spekulativen Filmen, wie „Söldner Attack“. Kaum zu glauben, dass es ein und derselbe Regisseur ist. In „Milano Kaliber 9“ beweist er Finesse und inszeniert geschickt, pointiert und äußerst stimmungsvoll. Unterstützt wird das durch die großartigen Schauspieler. Gastone Moschin als Ugo Piazza ist zwar die Hauptfigur, aber dennoch der ruhige Pol. Er ist zurückhaltend und lehnt sich nicht auf, er will einfach keinen Ärger. Moschin ist absolut überzeugend und arbeitet viel mit Gestik und Mimik. Sein krasser Gegenpol ist Mario Adorf, der in seiner Rolle als Rocco komplett aufgeht und die Rolle nicht spielt, sondern lebt. Unfassbar extrovertiert reißt Adorf die Szenen an sich und es ist ein Genuss, ihm dabei zuzusehen. Auch Frank Wolff und Luigi Pistilli, zwei große Gesichter im italienischen Kino, passen als Polizisten gut ins Bild. Den Sexappeal gibt hier, wie so oft, die hinreisende Barbara Bouchet. Was auch noch ein wichtiger Punkt ist, ist der Soundtrack. Luis Bacalov, der schon für die Musik zu „Django“ verantwortlich war, hat hier einen famosen Score komponiert. Unterstützt wird er von der Progressive-Rock-Band „Osanna“. Beide harmonieren perfekt. Die Mischung aus klassischem Orchester und modernen Rock-Elementen, erweist sich als genial. Schade, dass „Osanna“ danach nie wieder Filmmusik gemacht haben, anders als die Kollegen von „Goblin“. Wer diesen Film haben möchte, dem sei die Veröffentlichung von „Film Art“ ans Herz gelegt. Tolle Bild- und Tonqualität und schöne Extras runden den Filmgenuss ab. Definitiv empfehlenswert.

Fernando di Leos „Milano Kaliber 9“ ist ein Meisterwerk. Spannend, mitreißend, kritisch und voller gut aufgelegter Darsteller. Definitiv die Speerspitze, was Euro-Crime angeht. Der Film ist in meiner Top-Liste und ich würde mir wünschen, dass ihn mehr Leute sehen. Danke „Film Art“ für dieses Geschenk.