Mord im Orient-Express (1974)

Original Titel: “Murder on the Orient-Express”
GB 1974
mit Albert Finney, Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Martin Balsam, Sean Connery…
Drehbuch: Paul Dehn
Regie: Sidney Lumet
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot (Albert Finney) besteigt in Istanbul den Orient-Express. Nur durch seinen Freund Bianchi (Martin Balsam) konnte er noch einen Platz im ausgebuchten Schlafwagen bekommen. Während weitere illustre Passagiere Poirots Weg kreuzen, lernt er den zwielichtigen Geschäftsmann Ratchett (Richard Widmark) im Speisewagen kennen, der ihm einen Job als Leibwächter anbietet, da er diverse Morddrohungen erhalten hat. Poirot lehnt das Angebot ab aber am nächsten Morgen ist Ratchett tot, er wurde mit zwölf Messerstichen ermordet. Als der Orient-Express im Schnee stecken bleibt ist sich der Kriminologe sicher: Der Mörder muss sich unter den Mitreisenden befinden!

Seit dem 9.November läuft Kenneth Branaghs Neuverfilmung des Agatha Christie-Romans „Mord im Orient-Express“ (1934) in den hiesigen Kinos. Mit einem Staraufgebot versucht man ein modernes Publikum für den klassischen Kriminalfilm der Marke „Agatha Christie“ zu begeistern. Ein ehrenwerter Versuch, bei dem man als Retro-Filmfan nicht drum herum kommt, sich mal wieder der berühmten Erstverfilmung aus dem Jahr 1974 zu widmen. Denn schon damals ließ Regisseur Sidney Lumet den Detektiv Herucle Poirot im legendären Zug ermitteln, Starbesetzung inklusive.

Agatha Christie gehört zu den bekanntesten Krimi-Autoren der Welt. Mit ihren „WhoDunIt“-Geschichten fesselte sie Millionen Leser und erschuf dabei zwei Figuren, die ewig in der Popkultur verankert sein werden. Zum einen natürlich die schrullige Spürnase „Miss Marple“, die schon für zahlreiche Filme verwendet wurde und in den Inkarnationen von Angela Lansbury und Margaret Rutherford wohl am bekanntesten sein dürfte. Zum anderen stammt auch der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot aus ihrer Feder. Eine Figur, die ebenso oft in Kriminalfilmen als Protagonist auftrat. Die bekanntesten Darsteller des Kriminologen sind selbstverständlich Peter Ustinov und eben Albert Finney, der in „Mord im Orient-Express“ (1974) die Hauptrolle spielte. Der Film von Sidney Lumet gilt bis heute als eine der besten „Christie“-Adaptionen und erfreut sich großer Beliebtheit. Die Handlung dreht sich um den belgischen Detektiv Hercule Poirot (dürfte klar sein!), der auf dem schnellsten Weg von Istanbul nach London reisen will und durch die Bemühungen seines Freundes Bianchi, dem Direktor der Schlafwagengesellschaft, einen Platz im, eigentlich ausgebuchten, Kurswagen Istanbul-Calais des Orient-Express bekommt. Unter den Passagieren befinden sich einige eigenwillige Charaktere, von denen besonders der Geschäftsmann Ratchett heraussticht. Dieser macht Poirot das Angebot, für viel Geld seinen Leibwächter zu spielen, da er regelmäßig Morddrohungen bekommt. Doch Poirot lehnt ab. Scheinbar ein Fehler, denn am nächsten Morgen ist Ratchett tot, ermordet durch zwölf Messerstiche. Als der Zug im Schnee stecken bleibt übernimmt der Belgier die Ermittlungen, da sich der Mörder noch an Bord befinden muss. „Mord im Orient-Express“ ist ein klassischer „WhoDunIt“-Krimi, der nach bewährtem Muster abläuft. Eine begrenzte Location, ein Mord, ein Haufen Verdächtige und ein Ermittler, der kombinieren muss, um gewisse Puzzleteile zusammensetzen zu können. Das Drehbuch für diese Roman-Adaption, schrieb Paul Dehn, der sich eng an die Vorlage hält und eigene Freiheiten ausspart. Der Film ist wird langsam erzählt und baut seine Spannung über die Dialoge und die Figuren auf. Man verzichtet auf rasante Scharmützel und beschränkt sich größtenteils auf die Verhöre und Befragungen, die Poirot mit den Figuren führt. Die Dialoge sind dabei gut geschrieben und avancieren zum Kernelement dieses Ensemble-Stücks. Während im Roman die Motivation für den Mord erst nach und nach klar wird, packt der Film diesen Sachverhalt in stummen Montagen von Zeitungsauschnitten direkt an den Anfang, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. So kann der Zuschauer dies erst nicht einordnen und wird dazu angeregt gewisse Details miteinander zu verknüpfen. Somit wird man als Betrachter automatisch in die Situation Poirots versetzt, der ebenfalls in Kenntnis vergangener Ereignisse ist, diese aber nicht sofort einordnen kann. Somit agiert man als Zuschauer auf einer Ebene mit dem ermittelnden Detektiv, was zum fröhlichen Raten anregt und den Filmgenuss steigert. So kann man sich bei den Verhören und gut einfühlen, weshalb diese Szenen eine größere Wirkung entfalten.

Die Tatsache, dass der Krimi so beliebt ist und auch glänzend funktioniert, liegt ohne Zweifel an dem hervorragenden Cast, denn hier gibt sich eine wahrlich einmalige Besetzung die Ehre. Allen voran Albert Finney, der hier großartig als verschrobener Detektiv mit einer Vorliebe für gutes Essen agiert. Auch die Verdächtigen sind famos besetzt. Lauren Bacall liefert eine energische Performance als Mrs. Hubbard ab, die einige tolle Szenen hat und deren Nörgelei immer wieder zum Schmunzeln verleitet. Auch die restlichen Akteure, unter anderem Sean Connery, John Gielgud, Martin Balsam, Vanessa Redgrave, Wendy Hiller und Richard Widmark funktionieren prächtig in ihren Rollen. Highlights sind natürlich Ingrid Bergman, die als religiöse schwedische Missionarin hervorragend intensiv spielt und zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Aber auch Anthony Perkins als unsicherer, mit Mutterkomplexen ausgestatteter Sekretär Hector McQueen, spielt äußerst gut und hätte etwas mehr Raum verdient. Zudem lässt seine Art Parallelen zum Hitchcock-Klassiker „Psycho“ (1960) wach werden, was ebenso für einige amüsante Momente sorgt. Die tolle Besetzung und das gute Drehbuch betten sich schließlich in eine gute Regie ein, denn immerhin war hier Sidney Lumet für die Inszenierung verantwortlich, dessen medienkritischer „Network“ (1976) immer noch bedeutend ist und der mit dem Klassiker „Die zwölf Geschworenen“ (1957) Filmgeschichte schrieb. Lumets Inszenierung ist sehr klassisch und frei von pseudokünstlerischen Handgriffen. Er lässt die die Schauspieler und die Dialoge wirken und verschafft ihnen durch schöne Kameraeinstellungen eine gewisse Intensität. Lumet nutzt das beengte Setting und erzeugt eine klaustrophobische Atmosphäre, welche sich sehr gut einfügt. Ebenso schön ist die Ausstattung, die mit tollen Kostümen punkten kann und einen direkt in die 30er Jahre zurückversetzt. Die malerische Musik von Richard Rodney Bennett gibt dem Ganzen den letzten Feinschliff. Natürlich muss man sich auf den Film einlassen, da er sehr klassisch gehalten ist und sich voll auf die „WhoDunIt“-Handlung konzentriert. Wer das aber zu goutieren weiß, bekommt in der letzten halben Stunde eine wunderbar gespielte Auflösung des Falls präsentiert, die immer wieder berauschend ist. Der Film war jahrelang nur auf DVD in Deutschland erhältlich, doch der Neuverfilmung sei Dank, denn somit schaffte es auch dieser Klassiker in eine würdige HD-Version, die „StudioCanal“ auf den Markt gebracht hat. Der Film ist dabei nicht nur einzeln erhältlich, sondern ist zudem Teil einer „Agatha Christie-Collection“, welche noch weitere berühmte Verfilmungen der britischen Autorin enthält.

Sidney Lumets „Mord im Orient-Express“ (1974) ist ein wahrer Krimiklassiker, der zwar in seinem Ablauf den bewährten Mustern des Kriminalfilms folgt aber unter dieser Oberfläche als intensives, elegantes, sowie wunderschönes Ensemble-Kammerspiel daher kommt, welches mit großartigen Leistungen punkten kann. Ob man dieses Werk oder die Neuverfilmung vorzieht, ist jedem selbst überlassen, jedoch sollte man diesen Film auf jeden Fall gesehen haben!