Nachts, wenn Dracula erwacht (1970)

Nachdem der angehende Anwalt Jonathan Harker bei seinem Aufenthalt im Schloss des Grafen Dracula die schreckliche Identität seines blutsaugenden Gastgebers erkannt hat, stürzt er sich in panischer Angst aus dem Fenster. Wieder bei Sinnen findet er sich in der Klinik des Dr. Van Helsing wieder. Dieser hat bereits nach Jonathans Verlobter Mina geschickt, die sofort in Begleitung ihrer Freundin Lucy anreist, um ihrem Liebsten bis zur vollständigen Genesung beizustehen. Weder Jonathan noch Van Helsing ahnen, dass sich der Vampirgraf in dem alten Gemäuer gegenüber der Klinik eingenistet hat, und die Ankunft der jungfräulichen Damen kaum erwarten kann…

 

Zum Finale meiner kleinen Jess Franco-Reihe, gab es nochmal einen echten Lichtblick! Franco verfilmte einige “Dracula”-Adaptionen, doch hier ist wohl seine beste, was auch einen seiner besten Filme darstellt. “Nachts wenn Dracula” erwacht ist eine sehr originalgetreue Verfilmung von Bram Stokers kultig verehrten Horror-Geschichte. Mit “Vampyros Lesbos”, “Die Nacht der offenen Särge” und “Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren” widmete sich der Kult-Filmemacher mehrfach dem klassischen Stoff und variierte jedoch stets die Geschichte zu Gunsten seiner meist Sex-belasteten Vorlieben. Jedoch hält sich Franco mit seinem 69er Werk stark zurück und inszeniert einen klassischen “Dracula”-Film, der sowohl stark gespielt als auch athmosphärisch dicht daherkommt.
Die Koproduktion zwischen Deutschland, Spanien und Italien verändert nur Einzelheiten, hält sich aber sonst eng an die Vorlage. Gothische Schlösser und entsprechende Kostüme in nebligen Szenerien erschaffen zunächst den klassischen Flair eines Vampirfilms. Jess Franco macht zwar seine gewohnten Spielereien mit psychedelisch anmutenden Kameraschwenks und seiner etwas nervigen Zoomerei, jedoch fängt er extrem stimmungsvolle Bilder ein und die Darsteller sowie Kulissen kommen sehr gut zur Geltung. Alleine der Cast ist eine Augenweide. Christopher Lee himself lies es sich nicht nehmen und gibt auch hier mit größter Eleganz und seinem klassisch lüsternen Charisma den Grafen Dracula, wie auch in den Hammer-Produktionen. Als Van Helsing gibt es dafür Herbert Lom statt Vincent Price, der seine Rolle aber auch sehr gut ausfüllt. Daneben gibt es mit Soledad Miranda und Paul Müller die üblichen Verdächtigen in einem Franco-Film, nebst Gastauftritt des Trash-Gottes selbst. Dazu gibt es noch Klaus Kinski als Renfield, der womöglich die absolute Idealbesetzung für diese Rolle ist und mit Mimik und Gestik alles aus seinem Part herausholt. Die Geschichte hat einen guten Fluss und wirkt nicht so holprig wie andere Filme aus der Vita des guten Jésus. Trotz augenscheinlich geringem Budget, kommt vieles sehr opulent daher. Gerade die Schlossszenen könnten auch von “Hammer” stammen. Franco macht einen sehr guten Job. Für den Schnitt war übrigens Bruno Mattei, ja genau der Bruno Mattei, verantwortlich, der aber auch seinen Job adäquat erledigt. Musikalisch untermalt wird das ganze von einem sehr klassisch gehaltenen Score, der wunderbar die Athmosphäre einfängt und perfekt zum Film passt. Kein Wunder denn hierfür sorgte Bruno Nicolai. Der italienische Komponist orchestrierte viele Ennio Morricone Kompositionen für zum Beispiel viele Italo-Western. Er scheint gut gelernt zu haben und liefert hier vorzügliche Arbeit ab.

“Nachts, wenn Dracula erwacht” hat eigentlich kaum Kritikpunkte, ist er doch eines der besten Werke des spanischen Exploitation-Gurus, der hier seine Schmuddel-Vorlieben über Bord wirft und ein klassisches Schauerstück, eng nach Bram Stokers Vorlage inszeniert. Gut gefilmt und exzellent gespielt, sehen wir eine wirklich feine “Dracula”Adaption, die sich nicht hinter den Filmen aus dem Hause “Hammer” verstecken muss.