Nell (1994)

In einer Blockhütte, tief in den Wäldern North Carolinas, wird die Leiche der Einsiedlerin Violett Kellty entdeckt. Der Sheriff von Robbinsville (Nick Searcy) und der praktische Arzt Dr. Jerry Lovell (Liam Neeson) gehen davon aus, dass sie eines natürlichen Todes gestorben ist, war Violett Kellty doch schon sehr alt und hatte einige Schlaganfälle gehabt. Als ihr Leichnam abtransportiert wird, sieht sich Dr. Lovell die Blockhütte noch etwas genauer an und muss feststellen, dass Violett Kellty wohl doch nicht alleine in der Hütte gelebt hat – entdeckt er doch in einem Versteck eine verängstigte, kleine, unscheinbare junge Frau, die, nachdem Jerry sie angesprochen hat, aus Furcht ausrastet und ihm die Tür vor die Nase zuschlägt. Dabei stellt sich heraus, dass diese Person eine merkwürdige Sprache spricht, die Dr. Lovell und der Sheriff nicht verstehen. Die beiden finden einen Zettel in einer Bibel, worin Violett in krakeliger Schrift dem Finder des Zettels mitteilt, dass man sich bitte im Falle ihres Todes um Nell (Jodie Foster) kümmern möge. Dr. Lovell findet später heraus, dass Violett Kellty anscheinend vor vielen Jahren vergewaltigt und dadurch schwanger wurde, und dass Nell ihre Tochter ist und das Violett ihre Existenz geheim hielt. Dr. Lovell sucht Hilfe bei der Verhaltenspsychologin Dr. Paula Olsen (Natasha Richardson), weil er mit der Situation überfordert ist. Doch Dr. Olsen sieht in dem Fall nur eine Möglichkeit, ihre Karriere zu fördern und will Nell in die Psychiatrie einliefern, um ihr Verhalten zu studieren. Da Dr. Lovell erkennt, dass es ein Fehler war, Dr. Olsen hinzuzuziehen, verhindert er im letzten Moment noch Nells Einlieferung mit der Begründung, dass Nell nicht um Hilfe gebeten hat und den Eindruck hat, dass sie alleine gut zurechtkommt. Und da man Nells Sprache nicht versteht und kein anderer sie spricht, ordnet ein Richter an, Nell drei Monate in ihrer normalen Umgebung zu beobachten, um dann zu entscheiden, was mit ihr weiterhin geschehen soll. Und so ziehen Dr. Lovell und Dr. Olsen in den Wald, um Nells Vertrauen zu gewinnen und die Geheimnisse zu ergründen, warum Nell so eine merkwürdige Sprache spricht und warum sie so eine enorme Angst vor anderen Menschen hat und immer nur in der Dämmerung ihre Blockhütte verlässt. Dabei kommen sich Dr. Olsen und Dr. Lowell näher…

 

Nell ist so ein Film, den man entweder liebt oder hasst. Dazwischen gibt es nichts. Und ich muss gestehen, dass ich diesen Film sehr liebe, auch wenn er vor lauter Schmalz trieft und das süßliche Happy End vorhersehbar ist. ^^ In Nell stimmt einfach alles: Story, Darsteller, Musik, Kameraarbeit. (Zumindest empfinde ich das so!) Vielleicht kann man Nell nachsagen, dass es ein Starvehikel ist, weil die drei Hauptcharakter von namhaften Darstellern gespielt werden und man diese simple Story vielleicht auch von unbekannteren Schauspielern hätte spielen lassen können, aber … drauf geschissen! Ich finde, die Hauptdarsteller und der Regisseur haben exzellente Arbeit geleistet und einen schönen Film gemacht. Einfach – ja, vorhersehbar – sicherlich auch, schmalzig – ja, bitte! Ick steh’ druff! :D Tatsache ist – und jetzt wird’s wieder persönlich -, dass Nell der Auslöser bei mir war, Filme im Originalton anzusehen, hatte man damals zur Videozeit nicht unbedingt hierzulande die Möglichkeit, fremdsprachige Filme im O-Ton zu bekommen. Bei diesem Film wollte ich unbedingt den Originalton hören und das ist mir zum Glück auch gelungen. Und als ich dann Nell zum ersten Mal im O-Ton sah, fand ich es richtig gut, dass man Jodie Fosters deutsche Stamm-Synchronstimme Hansi Jochmann NICHT für Nell einsetzte, sondern Heidrun Bartholomäus, die wesentlich besser zu Jodie Fosters Stimme passt und in Nell eine gute Synchronarbeit geleistet hat. Und ich finde es sehr schade, dass man danach nur noch ein einziges Mal, nämlich in „Lost Heaven“ Heidrun Bartholomäus als Jodie Fosters deutsche Synchronstimme eingesetzt hat!

 

Jodie Foster hat Nell nicht nur gespielt, sondern den Film auch produziert und sich dafür eingesetzt, dass Michael Apted die Regie übernimmt, hat er doch mit „Gorillas im Nebel“ bewiesen, dass man auch ohne Strom einen Film machen kann. Denn Nell spielt zu mehr als die Hälfte im tiefsten Wald, abseits der Zivilisation. Und Jodie Foster ist in Nell nicht wiederzuerkennen, hat sie doch für die Rolle enorm viel abgenommen, obwohl sie auch vorher schon recht zierlich war. Durch ihre pechschwarz gefärbten Haare und dem unscheinbaren Auftreten verschmelzt sie beinahe mit der wunderbaren Landschaft, wo der Film gedreht wurde. Das Ganze wurde meisterhaft ins Bild gesetzt von Kamermann Dante Spinotti (X-Men – Der letzte Widerstand). Was die Auswahl der Nebencharaktere betrifft, hat man gut daran getan, diese mit Schauspielern aus der näheren Umgebung zu besetzen. Sheriff Todd Peterson wird von Nick Searcy gespielt, der im Bundesstaat North Carolina geboren wurde und dort auch lebt und somit die Mentalität der dort ansässigen Menschen kennt und in seine Rolle einfließen lässt. Er spricht einen sehr interessanten Dialekt, wenn man sich Nell im O-Ton ansieht, was in der Synchronisation leider verloren geht. Auch andere Nebenrollen wurden von dort ansässigen Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt. Und das verleiht den Film eine gewisse Authentizität; man hat das Gefühl, dass alle dort hingehören, die man in Nell sieht. Selbst bei Liam Neeson und Natasha Richardson hat man das Gefühl, als ob sie schon immer dort gelebt haben, sprechen sie doch in vielen Szenen einen sehr schnoddrigen und einfachen Slang. Und all das wird Gewürzt mit einer wunderschönen Filmmusik aus der Feder von Mark Isham, der sich als Filmkomponist in keine Schublade stecken lässt, sind die Filme, die er in den Jahren vertont hat, genremäßig doch sehr unterschiedlich. Die Musik hinterlässt einen tiefen Eindruck, sie passt perfekt zu den Landschaftsaufnahmen, die man in Nell sieht. Mark Isham hat auch die Filmmusik zu Jodie Fosters Spielfilmdebüt „Das Wunderkind Tate“ komponiert.

 

Nell basiert auf dem Theaterstück „Idioglossia“ von Mark Handley. Das Wort Idioglossia ist eine Bezeichnung für eine private Sprache, die bei Kindern entsteht, wenn sie isoliert aufwachsen. Auch ist die Entstehung einer privaten Phantasiesprache bei Zwillingen sehr oft zu beobachten. Adaptiert wurde „Idioglossia“ von Drehbuchautor William Nicholson. Gedreht wurde Nell von April bis Juni 1994 in den Smokey Mountains, im kleinen Städtchen Robinsville und in Charlotte, unter zahlreichen Attacken von Mücken und Moskitos. ^^ In Deutschland lief der Film im Februar 1995 an und hatte beachtliche 2,1 Millionen Kinobesucher.

 

Natasha Richardson und Liam Neeson kamen sich nicht nur in Nell näher, sondern auch privat, heirateten sie doch schon einen Monat nach Drehschluss, im Juli 1994. Die Ehe hielt bin zum tragischen Tod Natasha Richardsons im März 2009. Sie zog sich bei einen Skiunfall eine Kopfverletzung zu, die sie erst nicht behandeln ließ. Einen Tag, nachdem sie doch noch in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, erlag sie am 18. März 2009 ihrer Verletzung. Und ich kann euch sagen, dass es mir das Herz gebrochen hat, als ich erfahren habe, die diese FILMGÖTTIN (!) auf so eine schreckliche Weise von uns gegangen ist. *schnief* :(

 

Auch wenn man in Nell talentierte Darsteller sieht, die in meinen Augen alle überzeugt haben, blieb negative Kritik nicht aus. Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, wo Filmredakteure nach der miesesten schauspielerischen Leistung 1995 gefragt wurden, und eine Redakteurin hat eben diesen Film genannt. Der Wortlaut endete mit „…gebt mir bitte einen Oscar. Ganz miese Vorstellung, Frau Foster!“ ^^

 

Nell gibt auf Video von Cocorde/VCL und auf DVD von MGM/Fox. Der Concorde-Filmverleih hat Nell auch in die deutschen Kinos gebracht. Im TV ist Nell mindestens ein Mal im Jahr zu bewundern, leider fast immer nur auf Privatfernsehen (man sollte diesen Film nicht durch Werbung unterbrechen!).

 

PS: Nell ist in meinen Augen ein 10 Sterne Film, obwohl die Bewertung weiter unten in den anderen Kategorien geringer sein wird. Das ist deswegen so, weil Nell nun mal ein Drama ist, ganz ohne Action. Man sollte der Fairness halber erwähnen, dass Gefühl, schauspielerische Leistung, Regie und die Musik bewertet werden sollten, und die würden dann von mir sieben bis zehn Sterne bekommen.

 

Und nun gehet hin und schauet Nell! :)