Nightwatch (1995)

Der Student Martin (Nikolaj Coster-Waldau) übernimmt eine Stelle als Nachtwächter in einem Krankenhaus in Kopenhagen. Der Job ist eher von der grusligen Sorte, denn seine Rundgänge führen ihn auch in die Pathologie und durch die Leichenräume, wo es vor Jahren einen Skandal um einen Nachtwächter gegeben hatte, der nekrophil gewesen ist. Zur gleichen Zeit ist ein Frauenmörder in der Stadt unterwegs, der auf besonders brutale Weise mordet und seine Opfer skalpiert. Als Martin aufgrund einer Risikowette, die er mit seinem Freund Jens (Kim Bodnia) abgeschlossen hat, mit einer Prostituierten (Rikke Louise Andersson) ausgeht, fällt auch diese dem Mörder zum Opfer. Plötzlich ist Martin für Kommissar Wörmer (Ulf Pilgaard) der Hauptverdächtige, denn gerade in der Pathologie geschehen seltsame Dinge…

Auch wenn das Rad in diesem Thriller nicht unbedingt neu erfunden wird, merkt man schnell, dass Nightwatch von einem wahren Filmliebhaber und für Filmkenner gemacht wurde. Regisseur und Drehbuchautor Ole Bornedal packt so gut wie alle Klischees, die ein Thriller nur haben kann, in sein Spielfilmdebüt Nightwatch. Aber das äußerst geschickt. Es gibt übersteuerte (oder überlaute, wenn man so will) Alltagsgeräusche, schräge Nebencharaktere, die irgendwelche belanglosen Phrasen wiederholen („Hast du’n Radio? Besorg dir’n Radio.“) und NATÜRLICH (!) muss das Licht in der Leichenhalle flackern (zumindest tut es das hin und wieder). Und das ist noch lange nicht alles. Also, so gesehen eigentlich nichts Neues, aber all diese Elemente werden perfekt und überzeugend erzählt und vom Cast mit Freude gespielt, sodass man als Zuschauer gewillt ist, Nightwatch zu Ende zu schauen. Bis zu einem gewissen Punkt wird man auf die falsche Fährte geschickt, bis es zum finalem und blutigen Showdown kommt.

Nightwatch war für mich – damals sicherlich eher unbewusst – einer der Gründe, sich verstärkt für das skandinavische Kino zu interessieren. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich eher das Gefühl, dass man Filme aus den nordischen Ländern nur über das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu sehen bekommt, und das dann auch nur zur späten Stunde und ein paar Mal im Jahr. Und dann natürlich nur – man möge mir verzeihen – die langweiligeren Filme. Zum Glück hat man bei Nightwatch alles richtig gemacht. Der Atlas-Filmverleih hatte damals diesen Film hierzulande in die Kinos gebracht und dafür kräftig die Werbetrommel geschlagen. Und das zahlte sich aus. War er doch 1995 ein recht erfolgreicher Film in Deutschland. Aber auch international war „Nightwatch“ ein großer Erfolg. Und durch diesen Erfolg hatte Regisseur Ole Bornedal die, ja, man muss es leider so sagen, zweifelhafte „Ehre“, Nightwatch in den USA neu zu drehen. Allerdings hat dieses Remake, mal abgesehen von einem international bekannteren Cast und einer edleren Ausstattung, nichts neues zu bieten. In meinen Augen ist dieses Remake der schlechteste Film von Ole Bornedal. Zum Glück hat er bei späteren Produktionen wieder zur alten Form zurückgefunden.

Aber auch zum Cast kann man, aus der Entfernung betrachtend, einiges sagen. Die beiden HauptdarstellerNikolaj Coster-Waldau und Kim Bodnia haben nach Nightwatch beachtliche Erfolge mit anderen Filmen gehabt, national wie international. Nikolaj Coster-Waldau sieht man öfter in US-Produktionen („Königreich der Himmel“, „Firewall“ oder die sehr erfolgreiche und beliebte Serie „Game of Thrones“), und Kim Bodnia sah und sieht man in zahlreichen dänischen Kino- und TV Produktionen. 2004 Standen die beiden für „The Good Cop“ wieder gemeinsam vor der Kamera. Der wohl bekannteste Film mit Kim Bodnia ist, neben Nightwatch, „In China essen sie Hunde“. Aber auch „Pusher“ soll hier noch schnell erwähnt werden.

Auch Rikke Louise Andersson und Ulrich Thomsen (damals noch Ulrik Thomsen), die in diesem Film zwar nur kurz zu sehen sind, aber entscheidende Auftritte haben, sind bis heute erfolgreich im Filmgeschäft.

Man merkt also, dass Nightwatch für viele Beteiligte als eine Art Sprungbrett gesehen werden kann. Und deshalb ist dieser Film in meinen Augen einer der vielen Höhepunkte, die das skandinavische Kino bis heute hervorgebracht hat.

Nightwatch gibt es auf VHS und DVD, aber leider nicht auf BluRay, was ich schade finde, ich würde sie mir sofort zulegen, würde es sie geben. Außerdem hat der Atlas-Filmverleih eine 16mm Version für Schul- und Clubkinos von Nightwatch herausgebracht, damit der Film gemeinnützig im kleinen Kreis öffentlichen vorgeführt werden kann. Allerdings sind die Lizenzen schon lange abgelaufen, sodass fast alle Kopien inzwischen in privater Hand sind. Eine Kopie davon habe ich. 🙂 Liebhaber des Originaltons sei die DVD von Kinowelt ans Herz gelegt. Sie erfüllt alle Standards, die man vom digitalen Medium erwarten kann (Originalton und deutsche Synchronisation in 5.1 Abmischung, deutsche Untertitel und 16:9 Filmtransfer). Man kann sie immer noch für wenig Geld neu erwerben.

Ich gebe dem Film 10 / 10 Punkten

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