Paperhouse – Albträume werden wahr (1988)

Anna (Charlotte Burke) ist elf Jahre alt und steht an der Schwelle zur Pubertät. Während des Schulunterrichts malt sie in ihr Schulheft ein windschiefes Haus in eine karge Landschaft. Die ersten Anzeichen einer schweren Krankheit sind mehrere Ohnmachtsanfälle, bei denen sich Anna im Traum bei genau dem Haus wiederfindet, das sie gezeichnet hat. Anna wird für einige Tage das Bett hüten müssen – widerwillig. Sie entdeckt, dass sie durch ihre Zeichnungen ihre Träume beeinflussen kann. So macht sie den Jungen Marc (Elliott Spiers) zum Bewohner ihres Papierhauses. Da sie einfach ein Gesicht im Fenster gezeichnet hat, kann Marc nicht gehen – Anna hat ihm keine Beine gemalt. Annas Ärztin erzählt ihr von einem Jungen, der an Muskelschwund leidet und ein wesentlich schlechteres Los als Anna gezogen hat. Anna ist davon überzeugt, dass es sich bei diesem Jungen um denselben Marc handelt, deren Schicksal sie durch ihre Zeichnungen in ihrer Traumwelt in der Hand hat. So zeichnet sie ihm nicht nur alles, was er braucht, sondern sie malt auch ihren Vater in das Bild, der in der wirklichen Welt im Ausland arbeitet. Anna hofft, dass ihr Vater im Traum als Retter für Marc erscheinen wird. Doch in Annas wirren Zeichnungen gerät einiges durcheinander, so dass ihr Vater nicht als rettender Erlöser, sondern als Hammer schwingender Irrer erscheint. Die Grenzen zwischen Phantasie und Realität verwischen sich immer mehr…

Paperhouse – Alpträume werde wahr (und dieses unnötige, deutsche Anhängsel „Alpträume werde wahr“ erwähne ich nur hier einmal! ^^) ist ein recht gelungener, jugendorientierter Film über das ernste Thema Krankheit und Tod. Verpackt wird das alles in mystischen und geheimnisvollen Bildern, die, je nach Altersgruppe, sehr bedrohlich wirken. Und gerade das macht den Film so interessant und treibt ihn voran. Mir hat der Mut der Filmemacher gefallen, hier ein regelrechtes Schreckensszenario zu zeigen, was an vielen Stellen schon an härtere Horrorfilme erinnert. Aber man überschreitet hier keine Grenzen, sodass der Film auf jeden Fall auch für zwölfjährige geeignet ist. Hinzu kommt, dass man den Zuschauer mit dem vermischen von Traum und Wirklichkeit regelrecht an der Nase herumführt, was den Film in meinen Augen zu etwas experimentellen macht. Durch diese filmische Methode macht die Protagonistin einen Prozess durch, reift und überwindet sich selbst, besiegt das Monstrum und öffnet sich wieder ihrer Umwelt, auch wenn sie dadurch nur sehr knapp einer Katastrophe entkommt. Die Figuren sind etwas sperrig, niemand ist besonders sympathisch oder unsympathisch gezeichnet, nicht einmal Anne-Dastellerin Charlotte Burke, die zwischen freundlich und Teenager-Schreck so geschickt schwankt, dass man permanent unsicher ist, wohin einen der Film führen will. Dieses Zusammenspiel aller Faktoren lässt zwar am Ende keine allzu genialen Wendungen zu – die Traumsequenzen wirken jedoch nach und gehen eigentlich nie ganz verloren. So ist Paperhouse letztendlich ein Horrorfilm, wenn auch ohne Blut, weil er den Horror des Unterbewusstseins heraufbeschwört. Dennoch sollte der Zuschauer Filme mit Kindern ertragen, mit all ihren schwierigen Seiten. An manchen Stellen schwächelt der Film und wirkt etwas zu kitschig, vor allem am Schluss; und in seiner Erzählweise ist er auch etwas lückenhaft, aber das wird durch die darstellerische Leistung der jungen Hauptdarstellerin wieder wett gemacht.

Die elfjährige Anna wird von Charlotte Burke gespielt. Die Leistung, die sie für den Film erbracht hat, ist beeindruckend, und sie hat mich in sehr vielen Szenen regelrecht aus den Socken gehauen, obwohl ich den Film in deutscher Synchronisation ansehen musste (warum, das erkläre ich weiter unten). Leider habe ich im weltweitem Netz keine Informationen über sie gefunden, denn so wie es aussieht, ist Paperhouse der einzige Film, in dem sie mitgewirkt hat. Schade.

Der Film Paperhouse ist das Spielfilmdebüt des britischen Film- und Fernsehregisseurs Bernard Rose. 1992 gelang ihn mit „Candymans Fluch“ ein recht großer Wurf im Horrorgenre. Er ist auch für die Literaturverfilmung „Anna Karenina“ aus dem Jahr 1997 verantwortlich und dem 2010 entstandenen Bio-Pic „Mr. Nice“. Zur Zeit ist er mit „Der Teufelsgeiger“ in den Kinos vertreten.

Paperhouse war einer der ersten Filme, für die der deutsche Komponist Hans Zimmer die Musik beisteuerte. Sie entstand zusammen mit dem 1993 verstorbenen Komponisten Stanley Myers, der unter anderen auch die Musik für den Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ aus dem Jahr 1985 komponierte. Die Musik in Paperhosue ist epochal, nervt aber an manchen Stellen. Es sind für meinen Geschmack zu viele synthetische Elemente darin.

Paperhouse basiert auf den Roman „Marianne Dreams“ von Catherine Storr, der hierzulande leider nie veröffentlicht wurde. Das Buch wurde vor Paperhouse schon einmal verfilmt; 1972 wurde in Großbritannien eine sechsteilige Mini-Serie mit dem Namen „Escape Into Night“ von der ATV (Associated Television) produziert.

Paperhouse gibt es als VHS und DVD. Bei der DVD-Veröffentlichung von Concorde Home Entertainment erhielt der Film eine Freigabe ab 16 Jahren, obwohl er vorher ab 12 Jahren freigegeben war. Ich vermute aber mal, dass das Gesamtprogramm der DVD diese Freigabe bekommen hat und der Film tatsächlich immer noch ab 12 Jahren freigegeben war. 2010 wurde er wieder neu geprüft und erhielt wieder die 12er Freigabe. Warum der Film nochmal geprüft wurde, ist mir natürlich nicht bekannt, aber vielleicht plant man eine BluRay-Vröffentlichung, und ich kann nur hoffen, dass man dann für diese Ausgabe deutsche Untertitel erstellt, denn die DVD von Concorde Home Entertainment lässt diese vermissen. MÄCHTIG SCHWERER FEHLER, UND DAHER IST DIESE DVD-AUSGABE EIN MINDDERWERTIGES PRODUKT, WAS IN MEINEN AUGEN KEINEN PFIFFERLING WERT IST! :O In England ist er ab 15 Jahren freigegeben. Im Fernsehen sieht man ihn sehr selten. Leider.

Fazit: Etwas schwermütig, dafür aber sehr mutig, und er macht Hoffnung.