Videodrome (1983)

Max Renn (James Woods) ist der Betreiber eines kleinen Kabelsenders in Toronto, der sich auf die Ausstrahlung von sex- und gewalthaltigen Programmen spezialisiert hat, weil nur so der Platz im Mediendschungel gefestigt werden kann. Wie seine Zuschauer, ist auch Max ständig auf der Suche nach dem Kick – in Form von immer mehr schockierenden Sendematerial. Dabei wird er auch fündig, als er mit Hilfe eines Angestellten das Signal eines Piratensender abfängt, der gerade das Folterprogramm „Videodrome“ sendet. In schlechter Bildqualität sind dort zwei vermummte Männer zu sehen, die eine hilflose Frau scheinbar zu Tode foltern. Max ist auf Anhieb regelrecht besessen von Videodrome und auch seiner masochistisch veranlagten Freundin, der Radiomoderatorin Niki Brand (Deborah Harry), gefällt diese neue Sendung – sie würde sich selber gern bewerben. Von der Idee seiner Freundin zwar wenig begeistert, begibt sich Max dennoch auf die Suche nach den Produzenten von Videodrome, um jene für seinen Sender zu gewinnen. Eine Spur führt ihn, nicht wie zuerst erwartet nach Malaysia, sondern nach Pittsburgh, USA, zu dem Medienprofessor Brian O’Blivion (Jack Creley). Von Halluzinationen geplagt, hervorgerufen durch Videodrome, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen…

Ich gehe direkt in medias res und mache mich sehr wahrscheinlich bei einigen Leserinnen und Lesern unbeliebt: Ich halte Videodrome für den besten Film von Kultfilmer David Cronenberg. Und selbst wenn ihr jetzt mit Steinen werft und mir lauthals zuruft, was zum Beispiel mit „Die Brut“, „Scanners“, „Die Fliege“ und wie sie alle heißen, die abgedrehten Filme von Herrn Cronenberg, ist, so bleibe ich bei meiner Aussage. Ich kenne alle seine Werke, aber mit Videodrome hat Cronenberg ein Meisterstück erschaffen. Dieser Film sticht regelrecht heraus aus der Liste seiner Werke. Langeweile kommt zu keiner Zeit auf, sei es durch die grandiosen Hauptdarsteller, die beängstigende Musik, die geschickt gewählt und noch besser platziert ist, sowie die dichte Inszenierung – zusammen ergibt dies die wunderbar schreckliche Einheit zu einem visionären Schocker, der viel mehr ist, als nur das.

Cronenbergs Film ist nicht nur als Horrorthriller mit Splattereinlagen und S&M-Sex zu betrachten, sondern auch als Medien- und Gesellschaftskritik. Die Fernsehzuschauer in Videodrome zeigt Cronenberg als ein nicht hinterfragendes, unmoralisch anmutendes Konsumwesen, dessen einziges Bedürfnis nach Unterhaltung möglichst spektakulär und grausam gestillt werden muss. Im Gegenzug werden die Fernsehmacher, in diesem Falle James Woods, als die Versorger der Zuschauer, in ein noch schlechteres Licht gerückt. Der sorglose Umgang Max Renns mit Videodrome, und dessen Reduzierung auf puren Unterhaltungswert, verdeutlicht das Bild eines kalten Erfolgsmenschen, der egoistische Ziele verfolgt. Es zählt nur die bestmögliche Vermarktung und eine hohe Einschaltquote. Über mögliche Konsequenzen wird nicht nachgedacht. Das alles kann an der heutigen Fersehlandschaft festgemacht werden, obwohl Cronenbergs Versuch, die Ausbeutung sozial schlechter gestellter Personen als Schwäche des Film angesehen werden kann. Darüber hinaus wird die Frage aufgeworfen, inwieweit gewalttätiges Fernsehen zu tatsächlichen Übergriffen führen kann, denn auch dies ist, aus heutiger Sicht, mehr als aktuell, sind doch Diskussionen über sogenannte Killerspiele in aller Munde. Bezeichnend dafür ist Max’ Talkshowbesuch zu Beginn des Films, in dem ihm vorgeworfen wird, durch sein Programm gewalttätige Ausschreitungen auf den Straßen zu fördern. Aber dennoch wird Max’ Antwort, dass Film die Realität kopieren würde und nicht andersherum, von ihm selbst im Laufe des Films widerlegt.

Cronenbergs Film über die Wahrnehmung und Wirkung des Mediums Fernsehen ist radikal und äußerst bildhaft – auf der Ebene der Gewaltszenen – dargestellt, was nun mal die typische Handschrift des Regisseurs ist. Und an dieser Stelle findet eine Verschmelzung der Motive statt: das gewalttätige Programm von Videodrome findet Einzug in die Wirklichkeit – und zwar durch Max Renn. Er wird zum Spielball seiner Halluzinationen und von Barry Convex, wodurch er erhebliche Veränderungen seines Körpers erlebt. Solche körperlichen Veränderungen machte auch Jeff Goldblum in Cornenbergs Film „Die Fliege“ aus dem Jahr 1985 durch, die am Anfang sogar einen positiven Effekt aufwiesen. Aber anders als in „Die Fliege“, findet Max in Videodrome keinen Gefallen an diesen Veränderungen. Diese für die damalige Zeit phantastisch in Szene gesetzten Veränderungen an Max, zum Beispiel die Öffnung des Bauches oder das Verwachsen von Pistole und Hand, sind handwerklich grandios gestaltet und wirken, wie auch die anderen zahlreich vertretenen Spezialeffekte, im Vergleich zu heutigen computerbearbeiteten Szenarien sehr authentisch. Und all das macht Videodrome in meinen Augen zu Cronenbergs besten Film.

James Woods war bei der Entstehung des Films schon recht bekannt und hatte in zahlreichen erfolgreichen Filmen mitgespielt, die auch heute noch eine große Fangemeinde haben. Bis heute ist er ein vielbeschäftigter Schauspieler und wird in Videodrome von Cronenberg briliant in Szene gesetzt. Er ist die Idealbesetzung für den arroganten und hochnäsigen Protagonisten Max Renn.

Deborah Harry als masochistisch veranlagte Radiomoderatorin Niki Brand, ist eher als Sängerin bekannt, spielte aber bis heute immer wieder mal in diversen Spielfilmen und Dokumentationen mit. Vor Videodrome sah man sie zum Beispiel auch in „Roadie“, später dann in „Geschichten aus der Schattenwelt“.

Videodrome gibt es als VHS, DVD und BluRay. Hierzulande wurde der Film erst 1985 direkt auf Video veröffentlicht, weil der Film an den US-Kinokassen floppte. Damals bekam er in der R-Rated-Fassung eine Freigabe ab 18 Jahren. Hin und wieder sieht man ihn auch im Fernsehen. Zur Zeit gibt es von Koch Media ein Mediabook mit zwei Fassungen des Films. Diese Ausgabe kam ungeprüft auf den Markt, weil der Film immer noch auf den Index steht, was ich aber für schwachsinnig halte, weil dieser Film in beiden Fassungen – R-Rated wie Unrated – jeder FSK-Prüfung standhalten würde und bei einer Neuprüfung vielleicht sogar ab 16 Jahren freigegeben werden könnte. Und die ungeprüfte Fassung von Koch Media ist bis heute nicht indiziert worden. Aber wegen Inhaltsgleichheit wird das nur eine Frage der Zeit sein, bis auch diese Ausgabe gelistet wird. Früher wurde er sehr oft auch ungeschnitten in der R-Rated-Fassung im TV gezeigt – zum Beispiel bei RTL. Tja, früher war das mal ein echt cooler Sender. ^^

Fazit: Videodrome – schwer zugänglich, schockierend und phantastisch.

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