Willkommen im Tollhaus (1995)

Die elfjährige Dawn Wiener (großartig: Heather Matarazzo) hat es wirklich nicht leicht: Mit ihrem doofen Namen, der dicken Brille und den hässlichen Klamotten ist sie die perfekte Zielscheibe für den Spott ihrer Mitschüler. Bei den Lehrern kann der unattraktive Teenager ebenfalls nicht punkten und selbst den Kampf um die Zuneigung ihrer Eltern (Angela Pietropint & Bill Buell) verliert Dawn haushoch gegen ihre niedliche kleine Schwester Missy (Daria Kalinina), die im Ballettröckchen mit ihrem zuckersüßen Lächeln alle um den Finger wickelt. Doch auch wenn ihr Selbstvertrauen gleichwohl wie die Aussichten auf Besserung der Lage gegen Null tendieren – Dawn ist nicht der Typ, der so schnell aufgibt …

 

Wenn diese Rezension von irgendwelchen Scheißern gelesen werden sollte, die früher Angst und Schrecken auf dem Schulhof verbreitet haben und sich auch noch wahnsinnig cool dabei vorkamen, weil sie gehirnlose Deppen um sich versammelten, die das alles toll fanden, so sollte dieses in meinen Augen minderwertigen Subjekte jetzt aufhören zu lesen. Sollte sich jetzt jemand fragen, warum, dem sei gesagt, dass es einfach so ist. ^^

In Todd Solondzs kleinen, unabhängigen Film Willkommen im Tollhaus geht es nicht grade zimperlich und nett zu. Aber so ist das nun mal im Leben, und das ist bekanntlich nicht immer fair: Man sieht nicht gerade toll aus, ist nicht besonders intelligent, wird von den Klassenkameraden und der kleinen Schwester gehänselt und heißt dann auch noch mit Nachnamen Wiener. Wenn das alles auf eine Person zutrifft, dann ist man geradezu prädestiniert, um gemobbt zu werden. Und genau das muss Dawn tagtäglich aushalten. Selten hat ein Film die Grausamkeit und Hilflosigkeit vieler Teenager so genial und brachial eingefangen wie dieser. Manchmal zum Schreien komisch, bleibt einem jedoch jeder zweite Lacher im Halse stecken, steckt doch sehr viel – vielleicht auch zu viel – Wahrheit darin.

Willkommen im Tollhaus ist einfach ein ehrlicher Film. So sieht der Alltag eines Außenseiters aus, der versucht, krampfhaft dazuzugehören und sich immer mehr in die Scheiße reitet, wenn man sich gegen die hinterfotzigen Attacken seiner Peiniger wehrt. Hinzu kommt Dawns abgedrehter Kleidungsstil. Der sieht sehr gewöhnungsbedürftig aus und stößt in ihrem Umfeld selbstverständlich nur auf Missfallen. So stehen Mobbing, Beleidigungen und Drohungen auf der Tagesordnung.

Die darstellerische Leistung ist enorm. Dawn Wiener wird von der damals erst zwölfjährigen Heather Matarazzo gespielt. Die Leistung, die sie in Willkommen in Tollhaus erbracht hat, ist wahrlich unbeschreiblich, deshalb möchte ich das auch hier gar nicht erst versuchen, in Worte zu fassen. Man muss es gesehen haben! 😀 Nein, im Ernst, man kauft ihr das naive Schauspiel ab. Dawn ist leider genau sowenig ernst zu nehmen wie ihre Peiniger und ihre Familie. Die haben alle ‘nen Dachschaden. Es dämmert quasi nicht nur bei Dawn im Oberstübchen. ^^ Und wo ich gerade bei Namen bin: Das Dawns Schwester Missy heißt, ist in meinen Augen ein Riesenbrüller. Da ich nicht alles vorwegnehmen will, sag ich nur soviel: Der Name ist Programm. 😉 (damit diejenigen, die den Film nicht kennen, einen Grund haben, ihn sich anzusehen. ^^)

Heather Matarazzo spielte danach leider keine Hauptrolle mehr, dafür aber mehrere Nebenrollen in recht bekannten Filmen wie „Scream 3“ oder „Hostel 2“. Zu sehen ist sie auch in diversen Fernsehserien wie zum Beispiel „The L Word“.

Regisseur Todd Solondz überzeichnet in seinem zweiten Spielfilm sämtliche Charaktere und Situationen, sodass dem Zuschauer nichts anderes übrigbleibt als darüber zu lachen. Wenn man den Humor nicht versteht, kann es sein, dass man die Charaktere als etwas zu stereotyp empfindet, aber so ist das nun mal, und genau das macht den Reiz des Films aus. Und das Ende der Geschichte bleibt absichtlich offen. Muss einen nicht gefallen. Aber mir hat es gefallen.

Willkommen im Tollhaus ist Todd Solondz bekanntester Film, und auch der erste, der weltweit vermarktet wurde. Da seine Drehbücher sehr umstritten und kontrovers sind, hat er es leider etwas schwer, seine Werke umzusetzen und zu vermarkten, zu heikel sind die Themen, die er in seinen Filmen vorkommen lässt. Und genau das ist das tolle daran, weil seine Werke so herrlich unbequem aber zugleich äußerst witzig sind, denn Todd Solonz schafft es in jeden seiner Filme Typen zu erschaffen, die man im echten Leben vielleicht abgrundtief verabscheut, aber im Film dennoch gern hat.

Nach Willkommen im Tollhaus entstanden noch „Happiness“ (1998), „Storytelling“ (2001) und „Palindrome“ (2004). Letzterer läuft hierzulande mindestens einmal im Jahr im TV, aber der 2001 entstandene „Storytelling“ lief hier noch nicht mal im Pay-TV. Auf DVD und Video gibt es ihn aber. Nach „Palindrome“ wurde es etwas ruhiger um Todd Solondz, erst 2009 entstand unter seiner Regie der Film „Life During Wartime“ und 2011 „Dark Horse“. Beide wurden hierzulande nicht veröffentlicht. 

Willkommen im Tollhaus ist hierzulande ab 12 Jahren freigeben. In den faschistischen vereinigten Staaten von Amerika ist er ab 17 Jahren freigeben, was in meinen Augen nicht verwunderlich ist, sind einige Situationen im Film für die prüden Amis doch zu gewagt. ^^

Willkommen im Tollhaus gibt es als VHS, DVD und 16mm Film. Und er wird mindestens einmal im Jahr auf irgendeinem öffentlich-rechtlichen Sender gezeigt. 

Fazit: Tragik und Komik hervorragend und intelligent vereint.

Ich gebe Willkommen im Tollhaus 10 dicke Brillen. 🙂

 

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