Scream – Schrei! (1996)

USA 1996
mit Neve Campbell, Courteney Cox, David Arquette, Drew Barrymore
Drehbuch: Kevin Williamson
Regie: Wes Craven
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 16 Jahren (Neuprüfung)

Ein maskierter Killer geht um in einer kleinen amerikanischen Provinzgemeinde. Die Schülerin Casey, die einfach nur daheim vor dem Fernseher sitzt, wird sein erstes Opfer. Ihre Eltern finden sie aufgehängt im Garten, massakriert und ausgeweidet von einem Unbekannten. Die unheimliche Anschlagsserie setzt sich fort. Die junge Sidney, die auf dieselbe Schule wie Casey geht, wird ebenfalls bedroht. Aber kann das eine 17-jährige Amerikanerin davon abhalten, sich nachts in einer einsamen Villa mit Klassenkameraden bei Bier und Popcorn Horrorvideos reinzuziehen?

Große Fans des Horror-Genres dürften höchstwahrscheinlich Ende der 80er bis Mitte der 90er eine Durststrecke erfahren haben, denn der Horrorfilm verschwand, bis auf wenige Ausnahmen, aus den großen Kinos. Speziell der „Slasher-Film“ war ausgestorben und lediglich die großen Franchises nudelten noch weiter uninspirierte Sequels herunter. Doch dann kam der Erlöser, in Gestalt des Altmeisters Wes Craven, der mit seinem 1996er Werk „Scream“ die Kinosäle füllte. Cravens mit Zitaten gespickte Dekonstruktion des bekannt „Schlitzer-Films“ avancierte nicht nur zum finanziellen Erfolg, sondern machte Horror wieder salonfähig. Warum das so war und warum „Scream“ einer, wenn nicht DER, beste Horrorfilm der 90er ist, wollen wir mal genauer beleuchten.

 

„What’s your favorite Scary Movie?

Der „Slasher“ erfreut sich schon seit langer Zeit großer Beliebtheit. Ein maskierter Mörder macht Jagd auf Menschen, meist Teenager, und ließ diese, mal mehr, mal weniger blutig, über die Klinge springen. Es ist der suggerierte Realismus, der die Zuschauer wahrscheinlich immer faszinierte und die Kinokassen zum Klingeln brachte. Denn ein Mensch, der auflauert, erschreckt und Unheil verrichtet ist einfach lebensechter, als Zombies, Vampire, Geister oder andere filmische Monster. Schon Alfred Hitchcock schuf 1960 mit „Psycho“ einen Vorreiter des Genres. Die ersten richtigen Prototypen stammten aus Italien, denn die sogenannten Gialli vereinten den „Whodunit“ mit Schockmomenten und blutigem Gekröse. Eine Spielart, die man in der Filmographie von Regisseuren, wie Dario Argento, Mario Bava, Lucio Fulci oder Sergio Martino öfters begutachten kann. Nachdem dann der Kanadier Bob Clark mit „Black Christmas“ aus dem Jahr 1974 etwas erschuf, was man als „Slasher-Film“ bezeichnen kann, sollte jedoch ein Mann die Blaupause für alles Spätere kreieren. John Carpenter landete 1978 mit „Halloween“ einen monströsen Kassen-Hit und definierte somit Struktur, Konventionen, Stilismen und die „Regeln“, die einen Film erst zum waschechten „Slasher“ werden lassen. Im Fahrwasser von „Halloween“ entstand eine wahre Flut an sehr ähnlichen Produktionen, die Carpenters Arbeit kopierten, leicht variierten oder sich zumindest daran orientierten. „Blutiger Valentinstag“, „Slumber Party Massacre“, „Sleepaway Camp“, „The Burning“, „Curtains“, „Freitag der 13.“, „Prom Night“, „Monster im Nachtexpress“ oder „The Prowler“, um nur einige bekannte Werke zu nennen. Nach kurzer Zeit begann sich das Genre selbst abzunutzen und es sollte 1984 ein Mann sein, der frischen Wind in die Horrorsparte brachte. Richtig, Wes Craven! Mit „A Nightmare on Elm Street“ hob Craven den „Slasher-Film“ auf ein neues Level und verpasste ihm nicht nur einen surrealen Fantasy-Anstrich, sondern kreierte auch mit der Figur des Freddy Kruger einen der beliebtesten Film-Killer. Doch die Zeichen der Zeit nagten am Genre. Die Filme wurden günstiger und einfallsloser. Es ging nicht mehr um das „WER?“, den „Whodunit“, sondern eher um das „WIE?“, quasi das „Howdunit“. Alles verkam zur Effekthascherei, die Schauspieler wurden schlechter, die Budgets niedriger und die Zuschauer wollten den Quark schlussendlich nicht mehr sehen. Lediglich die großen Player, wie Michael Myers, Jason Voorhees und eben Freddy Kruger bekamen ein Sequel nach dem anderen spendiert, doch diese stellten ebenfalls nur noch Nummernrevuen da und konnten wenig bis gar nichts Neues mehr bieten. So verschwand der Mainstream-Horror und es sollte ein paar Jahre dauern bis eben jener Wes Craven die Zügel in die Hand nahm und das Genre in ein neues Zeitalter führte. Ein unbekannter Autor namens Kevin Williamson schrieb ein Drehbuch, welches Gegenstand eines heißen Wettbietens in Hollywood wurde: „Scream“, was zu dem Zeitpunkt noch „Scary Movie hieß. Schnell wollte man jenes Drehbuch verfilmen und mit Craven fand man den idealen Regisseur.  „Scream“ kommt als klassischer „Slasher-Film“ daher. Ein maskierter Killer treibt in der Kleinstadt Woodsboro sein Unwesen und fordert einige Opfer. Primär hat er es auf Sidney Prescott abgesehen, unser Final-Girl. Eine einfache Story-Struktur, wie man sie in, gefühlt, tausend anderen Produktionen finden kann, doch der erfahrene Filmemacher beweist, dass man so einen Film immer noch spannend und clever in Szene setzten kann. Schon die ersten 15 Minuten, also der Prolog, in denen Drew Barrymore zur nicht ganz so netten Quiz-Runde genötigt wird, gehören, in meinen Augen, zu den spannendsten Szenen, die ich je gesehen habe. Ich habe den Streifen ungefähr in einem Alter von 12 Jahren das erste Mal im Fernsehen gesehen und während des Prologs, saß ich buchstäblich auf der Sitzkante. Es war so nervenzerrend, dass ich noch einige Zeit Probleme hatte, wenn das Telefon klingelte. Klar, wenn ich das heute sehe, hat der Effekt schon etwas nachgelassen aber dennoch erreicht mich diese schonungslose Brutalität immer noch.

 

Gerade bei der letzten Sichtung ertappte ich mich selbst dabei, wie ich rief: „Lauf Drew, Lauf doch verdammt nochmal!“ Hier stimmt einfach alles. Musik, Schnitt, Schauspiel, Timing, sowie Kamera. Es ist auch gerade diese Form von Realismus, die den Film durchzieht, welche mich immer wieder packt. Der „Ghostface-Killer“ ist immerhin kein übernatürliches Wesen oder eine Maschine, wie Michael oder Jason, sondern ein Mensch, der seiner Mordlust frönt. Das war immer jenes Element, was mich mitfiebern ließ. Auch schafft es Craven die Spannung bis zum Ende zu halten. Das „Whodunit“-Element funktioniert sehr gut. Bis zum Schluss ist es unklar, wer denn nun der Killer ist, was letztendlich überraschend und pfiffig aufgelöst wird. Gerade auch die letzte halbe Stunde des Films, welche lediglich in dem Landhaus spielt, bietet ordentlich Action. Hier wird das Tempo angezogen. Craven verharrt nicht in ruhigen Einstellungen, wie es ein John Carpenter tun würde, ohne den Meister jetzt zu diskreditieren. Wes wusste genau, dass er sich dem Zeitgeist anpassen muss und so sind die Verfolgungsjagden mit dem maskierten Unhold rasant und dynamisch. Auch trägt die gelungene Besetzung dazu bei, dass der Film sehr rund geraten ist. Neve Campbell macht einen erstaunlich guten Job und schafft es sowohl verletzlich und hilflos, als auch stark und renitent zu spielen. Ihre Entwicklung ist glaubhaft. Die Emotionen kommen an und die Nuancen stimmen. Das ist weit mehr, als das was vergleichbare, und auch gesichtslose, Kolleginnen in den 80er Jahren geleistet haben, die meist vollends austauschbar waren. Courteney Cox spielt ebenso mit Verve die sensationsgeile Reporterin, die quasi zu einer der Helden wird. Cox schafft es ebenso mit Bravour die Bitch vom Dienst heraushängen zu lassen, als auch einfühlsam zu sein. Sie porträtiert die Figur der Gale Weathers als Frau, die ihren weichen Kern unter einer harten Fassade versteckt, welche sie für ihren Job braucht. Ihr Co-Star und späterer Ehemann, mittlerweile Ex-Mann, David Arquette bringt das komische Element in den Film. Als unbeholfener Deputy Dewey hat er sehr gelungene Szenen und Arquette schafft es, den leicht trotteligen Typen zu mimen, ohne jedoch vollends lächerlich zu sein. Man verzichtete bewusst auf die Überzeichnung der Charaktere. Sie sind realistisch und nachvollziehbar, obwohl sie nicht immer logisch handeln, was ich aber noch erläutern werde. Der Rest der Besetzung besteht aus damaligen Jungstars, der, ja fast, „American Pie“-Generation. Mathew Lillard, Rose McGowan, Skeet Ulrich und Jamie Kennedy spielen ihre Rollen auch sehr gut. Sie folgen, gewollt, gewissen Klischees, sind aber dennoch relativ plastisch in ihren Verhaltensweisen.

 

Kommen wir nun zu dem Element, welches „Scream“ so großartig macht und was den Film von der üblichen Ware des „Slasher-Films“ abhebt, ihn also einzigartig macht. Das Zauberwort heißt „Meta“, ein Wort was wahrscheinlich mittlerweile inflationär verwendet wird, doch war es erst Cravens Film, beziehungsweise Kevin Williamsons Drehbuch, was diesen Begriff erst salonfähig macht. „Scream“ funktioniert nämlich als, man könnte es auch Parodie nennen, Dekonstruktion und ironische Hommage an ein ganzes Genre. Der Clou ist die Tatsache, dass die Figuren im Film Horrorfilme kennen, besonders „Slasher“-Geschichten. Es war, und ist, nun mal ein Genre, was einen dermaßen hohen Output besitzt und was mit so klaren Mustern und Strukturen versehen ist, die sich immer wieder wiederholt haben. Schon die Äußerung, es sei ja wie in einem echten Horrorfilm, zeigt schon wo die Reise hingeht. Es werden nicht nur Filmtitel immer wieder genannt und diverse Zitate gestreut, sondern auch die klaren Regeln genannt. Sag niemals „Ich komme gleich wieder!“, habe keinen Sex und konsumiere keine Drogen oder Alkohol, denn das sind ja bekanntlich die Todesurteile in einem Film dieses Genres. Es überlebt immer das besonnene und moralische Mädchen und die, die Frevel betreiben beißen irgendwann ins Gras. Das sind nun mal die Mechanismen der „Slasher“, die zwar nie in dieser Form publiziert wurden, jedoch durch ihre ständige Wiederholung zu festen Verhaltensregeln wurden. „Scream“ bricht das gekonnt auf. Der Gag besteht darin, dass unsere Teenager, obwohl sie Filme auf die Realität beziehen, dennoch immer wieder in diese Verhaltensmuster verfallen. Gespickt mit schwarzem Humor sorgt das, gerade bei Nerds und cinephilen Horrorjunkies, für Erheiterung, jedoch ohne lächerlich zu sein. Wes Craven war durchaus darauf bedacht den ernsten Ton eines Horrorfilms beizubehalten und seine Linie nicht durch übertriebene Komik zu zerstören. So ist der Humor sehr unterschwellig und kann sich erst dann voll entfalten, wenn man die Referenzen erkennen und entsprechend goutieren kann. Die Figuren vergleichen die Entwicklungen in ihrer Geschichte häufig mit anderen Filmen, wie eben „Prom Night“ oder „Halloween“. Selbst der Killer scheint ein außerordentlicher Horror-Fan zu sein, denn die Frage „What’s your favorite Scary Movie?“ bildet schon den Spielraum für Zitate und das genüssliche Zelebrieren von Klischees. Dabei dekonstruiert Craven das Genre liebevoll. Er macht sich über gewisse Dinge zwar lustig, dennoch behandelt er sie mit Würde. Sei es sein Kurzauftritt als Hausmeister „Fred Kruger“, inklusive Kringlelpullover und Schlapphut, die Anspielung, dass sich das Ganze wie ein „Wes Carpenter“-Film anfühle, die Tatsache, dass sich die Teenager auf der Party „Halloween“ ansehen oder eben dass Filmfreak Randy die Regeln erläutert. Alles ist eine große Hommage an ein Genre. Sei es die Namen, die Dialoge, die Ausstattung oder kleine Details. Und da liegt wirklich der Kunstgriff Cravens, den wahrscheinlich sonst noch niemand vollbracht hat. Einen ironischen Kommentar, oder gewissermaßen eine schwarz-humorige Parodie zum „Slasher“ zu schaffen, als auch gleichzeitig ein, oberflächlich, funktionierendes Genre-Stück zu kreieren, welches um weiten besser ist als vergleichbare Filme, die davor als auch danach in die Kinos kamen. Zudem ist es bereits das dritte Mal gewesen, dass Craven den Horror-Film geprägt, beziehungsweise in eine neue Richtung gelenkt hat. Schon 1971 schuf er mit „The Last House on the Left“ einen der ersten Terror-Filme, in denen das Grauen die menschliche Idylle erreichte, ganz ohne Monster oder Zombies. Mit „A Nightmare on Elm Street“ pushte er schließlich das ausgelutschte „Slasher“-Genre noch einmal auf neue Höhen und lieferte dann noch einmal 1996 mit „Scream“ die Pointe seiner Karriere. Wenn man es ganz genau nimmt, sollte man noch „New Nightmare“ erwähnen, mit dem Craven 1994 versuchte mit einer ähnlichen Meta-Ebene „Freddy Kruger“ nochmal einen würdigen Auftritt zu verpassen. Eine Rechnung, die zwar damals nicht ganz aufging, aber zumindest sehr interessant ist. Wahrscheinlich war es auch „Scream“, der eine neue Generation an Filmnerds heraufbeschwor und die Videotheken glühen ließ. Auch machte er Horror wieder salonfähig und so erblickten im Fahrwasser von „Scream“ viele weitere Teenieslasher das Licht der Welt, die zwar in keinster Weiße an Cravens Film herankommen aber durchaus Unterhaltungswert besitzen. Sei es „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“, „Düstere Legenden“ oder „Valentinstag“, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Selbst „Scream“ bekam insgesamt drei Fortsetzungen spendiert, die alle von Wes Craven inszeniert wurden und die alle den jeweiligen Horrortrend aufgriffen. Die Klischees der Sequels in „Scream 2“ von 1997, die Regeln und Gegebenheiten von Trilogien in „Scream 3“ aus dem Jahr 2000, sowie Remakes, Reboots und endlose Sequels im 2011 erschienen „Scream 4“. Kurz und knapp, die „Scream“-Reihe ist Kult und hievte ein ganzes Genre auf eine neue Ebene. Immer wieder einer Sichtung wert, wobei alle Filme wirklich gut sind. Amen.

 

Wes Cravens „Scream“ aus dem Jahre 1996 ist ein Meisterwerk. Ein spannender, authentischer, sowie geschickt inszeniert und geschriebener Horror-Film, welcher zu Recht Kultstatus genießt. Durch die Meta-Ebene bringt er frischen Wind hinein und bildet ein wahres Kunstwerk, in welchem sich Humor, Referenzen, sowie Thrill und Spannung die Klinke in die Hand geben. Wer sich etwas auf Horror-Filme einbildet, sollte als Fan, aber auch als Nerd, diesen Kracher jedenfalls gesehen haben.